Tuberkulose: Die Wiener Krankheit im Heute

    24. März 2017, 06:00
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    In Europa ist Tuberkulose auf dem Rückzug. Die Infektionszahlen in Österreich sind im Vorjahr aber leicht gestiegen. Eine Ansteckung ist dennoch unwahrscheinlich

    Wien – Weltweit ist noch immer ein Drittel der Menschen mit Tuberkulose-Erregern infiziert. "Pro Jahr werden zehn Millionen Menschen krank. Etwa zwei Millionen Menschen sterben an Tuberkulose", sagt Meinhard Kneussl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖPG) bei einer Pressekonferenz in Wien anlässlich des Welttuberkulosetags.

    Tuberkulose (TBC) gehört zu den in Österreich meldepflichtigen Infektionskrankheiten. Übertragen wird sie durch das Mycobacterium tuberculosis. "Kann das Immunsystem den Erreger nicht vollständig aus dem Körper entfernen, können sich die Mykobakterien abkapseln und jahrelang überleben", sagt Kneussl. Bei dieser latenten Form der TBC treten keine Beschwerden auf. Bei einer Schwächung des Immunsystems könne es zur Aktivierung der Erkrankung kommen.

    Erkrankungsfälle in Europa rückläufig

    Eine erkrankte Person kann die Infektion auch übertragen, daher muss ehestmöglich medizinisch interveniert werden. Obwohl die Zahlen der TBC-Neuinfektionen insgesamt abnehmen, werden Pneumologen weiterhin gefordert, denn häufig entstehen Erkrankungen mit resistenten Keimen.

    In den 53 Staaten der WHO-Europaregion – von Westeuropa bis Zentralasien – fiel die Zahl der jährlich registrierten Neudiagnosen und Rückfälle bei Tuberkulose ständig. Zwischen 2006 und 2015 betrug der Rückgang jährlich 5,4 Prozent. Das teilten die Weltgesundheitsorganisation und das Europäische Zentrum für Krankheitskontrolle mit.

    Lage in Österreich ungefährlich

    Auch in Österreich nimmt die Anzahl der Erkrankungen seit Anfang des 20. Jahrhunderts stetig ab: Die ehemals "Wiener Krankheit" (Morbus Viennensis) genannte Seuche forderte beispielsweise zwischen 1881 und 1914 pro Jahr auf dem Gebiet des heutigen Österreichs 20.000 Opfer. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es pro Jahr noch rund 10.000 Tote. Im Jahr 2002 gab es in Österreich 1.077 neu Erkrankte und 111 Tote.

    1987 betrug die Neuerkrankungsrate in Österreich noch knapp 19 Fälle pro 100.000 Einwohner, 2016 lag sie bei 7,3 Erkrankungen je 100.000 Einwohner. Im Jahr zuvor hatte diese Rate den bisherigen Tiefststand bei 6,7 pro 100.000 Menschen erreicht.

    Obwohl die Tendenz bei der Tuberkulose in Österreich langfristig deutlich nach unten zeigt, wurde zwischen 2015 und 2016 ein leichter Anstieg verzeichnet. Die Zahl der neu diagnostizierten Tuberkulose-Erkrankungen in Österreich betrug im Jahr 2015 insgesamt 583 Fälle. 2016 waren es hingegen laut vorläufigen Daten 644. Ob dieser Anstieg mit den angekommenen Flüchtlingen in Zusammenhang steht, ist nicht endgültig geklärt. Eine Gefahr für die Bevölkerung bestehe nicht, sagten die Experten bei der Pressekonferenz.

    Ansteckung nur durch engen Kontakt

    Die Frage, ob sich die Österreicher nun plötzlich vor der Krankheit der Armen, der Kriegsopfer und der Flüchtlinge fürchten müssten, beantwortete Alexander Indra, von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) so: "Nein. Die Tuberkulose ist eine Erkrankung, die nur bei engstem Kontakt übertragen wird." Niemand müsse sich zum Beispiel fürchten, auf offener Straße oder durch normale soziale Kontakte etc. infiziert und später vielleicht krank zu werden.

    Wichtig ist eine frühe Diagnose. In Österreich muss bei der medizinischen Erstuntersuchung von Asylwerbern auch ein Lungenröntgen durchgeführt werden. Je intensiver die Tests, desto mehr Erkrankungen dürften entdeckt werden.

    Den Bakterien auf der Spur

    Von der AGES wird als Referenzzentrale für TBC daher in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (BMGF), den Behörden in den Bundesländern, Spitälern, niedergelassenen Ärzten und Betreuungseinrichtungen jeder einzelne Fall von TBC erfasst und bis zur Beendigung der Therapie labordiagnostisch und epidemiologisch verfolgt.

    "Die Diagnose über eine Keimkultur dauerte früher acht bis zwölf Wochen. Heute ist das im besten Fall binnen zwei Stunden möglich", sagt Rudolf Rumetshofer, Spezialist von der 2. Internen Lungenabteilung am Otto Wagner Spital in Wien. Die Therapie mit einer Vierfach-Kombination an Arzneimittel nimmt mindestens sechs Monate in Anspruch.

    Alle positiven Bakterienisolate werden außerdem an das AGES-Referenzlabor übermittelt, wo mittels Next-Generation-Sequenzierung "DNA-Fingerabdrücke" der Proben erstellt werden. Durch den Vergleich mit anderen Proben können Krankheitshäufungen frühzeitig erkannt und Übertragungswege verfolgt werden.

    Multiresistente Herausforderung

    Auch für die Erkennung von Medikamentenresistenzen spielt die genetische Analyse eine wesentliche Rolle. Hier gilt es, Mutationen zur Diagnose resistenter Bakterien frühzeitig zu identifizieren, um die Therapie entsprechend anzupassen.

    2016 wurden in Österreich 14 Fälle multiresistenter Tuberkulose registriert. Dies bedeutet, dass die Erreger zumindest gegen zwei der Standard-Medikamente unempfindlich sind. Extrem resistente Erreger wurden 2016 bei zwei Patienten entdeckt, im Jahr zuvor bei einem Erkrankten.

    Rund drei Viertel der neu diagnostizierten TB-Erkrankungen sind mit den üblichen Medikamenten von Anfang an gut behandelbar. Frühe Diagnose, effektive Therapie und nachfolgende Kontrolle stellen seit der Erhältlichkeit der ersten wirksamen Arzneimittel nach dem Zweiten Weltkrieg den Schlüssel für die Beherrschung und Zurückdrängung der Erkrankung dar. Mindestens genauso wichtig ist die Verbesserung der sozialen Situation der Menschen. (red, APA, 24.3.2017)

    • Die Krankheit der Armen: Immer noch sterben etwa zwei Millionen Menschen im Jahr an Tuberkulose.
      foto: getty images/istockphoto/coldsnowstorm

      Die Krankheit der Armen: Immer noch sterben etwa zwei Millionen Menschen im Jahr an Tuberkulose.

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