Nationalfonds-Chefin Lessing: "Stimmung ist sehr bedrückt"

Interview22. März 2017, 21:40
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Die Generalsekretärin des Österreichischen Nationalfonds, Hannah Lessing, befand sich zum Zeitpunkt des Angriffs im britischen Parlament

Die Chefin des Österreichischen Nationalfonds, Hannah Lessing, war zum Zeitpunkt des Anschlags gerade im britischen Parlament. Sie schildert im STANDARD-Interview, wie Abgeordnete, Besucher und Polizisten mehrere Stunden wegen des Lockdowns im Gebäude bleiben mussten. Die Polizei habe sehr professionell agiert, sagt sie, die Evakuierung des Gebäudes sei ruhig verlaufen.

STANDARD: Sie haben sich just während des Terroranschlags im Parlament in London aufgehalten – wie haben sich die Ereignisse für Sie dargestellt?

Lessing: Ich vertrete Österreich bei der International Holocaust Remembrance Alliance und hatte in dieser Funktion gemeinsam mit Österreichs Botschafter Martin Eichtinger einen Termin mit Sir Eric Pickles, dem Holocaust-Beauftragten der britischen Regierung. Wir saßen in seinem Büro, da wurden wir via Bildschirm informiert, dass die Sitzung des House of Commons plötzlich unterbrochen wurde. Dann wurden wir von Sicherheitskräften, mit britischem Understatement, informiert, dass ein "incident" vor dem Parlament passiert sei, und wir wurden gebeten, in die Central Hall zu gehen. Alles geschah sehr ruhig und professionell, in kürzester Zeit hat man uns in Sicherheit gebracht.

STANDARD: Wie viele Menschen waren da im Parlament?

Lessing: An die 800 – in beiden Häusern fanden gerade Sitzungen statt, und es waren zahlreiche Besucher im Haus. Die Kindergruppen hat man zuerst evakuiert, die Erwachsenen blieben einige Stunden in der Central Hall, eine Pastorin und Helfer verteilten Wasser. Am Abend, gegen 18 Uhr, hat man uns dann in die riesige, eiskalte Westminster-Hall weitergeleitet und uns mitgeteilt, es werde noch gut zwei Stunden dauern. Man wollte noch mögliche Zeugenaussagen aufnehmen.

STANDARD: Auch von Ihnen?

Lessing: Nein, wir waren die ganze Zeit im Parlament, wir haben nichts von draußen wahrgenommen, weder etwas gehört noch gesehen.

STANDARD: Was hat man Ihnen von draußen mitgeteilt?

Lessing: Eigentlich nicht mehr, als dass es diesen "incident" gab. Wir haben versucht, uns über das Internet zu informieren, was nicht einfach war, weil die mobilen Netze immer wieder zusammenbrachen.

STANDARD: Wie haben die Menschen in Ihrer Umgebung reagiert?

Lessing: Die Stimmung ist sehr bedrückt, obwohl ich schon erstaunt bin, wie ruhig die Menschen auch im Parlament geblieben sind. London trauert, obwohl es, so scheint mir, nicht überrascht ist. Viele meiner Bekannten haben nach den Anschlägen von Paris, Brüssel, Nizza und Berlin fast erwartet, dass so etwas irgendwann auch wieder in London passieren würde. (Petra Stuiber, 22.3.2017)

foto: robert newald
Hannah Lessing ist seit 1995 Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus.
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    foto: apa/afp/daniel leal-olivas
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