Durch Entwicklungshilfe zur Fußball-Supermacht: In China hat man es eilig

22. März 2017, 18:04
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Reich der Mitte hofft auf deutsche Fußball-Expertise, DFB nicht ohne Eigennutz – Vermarktungsoffensive nimmt ihren Lauf

Peking/Berlin/Wien- Die China-Wochen im deutschen Profifußball scheinen kein Ende zu nehmen. Fast täglich vermelden die Deutsche Fußball Liga (DFL), der Deutsche Fußball-Bund (DFB) oder die Bundesligisten derzeit Neuigkeiten, die mit der Vermarktungs-Offensive im Reich der Mitte in Verbindung stehen. Rund 500 Millionen Gründe sollen den Aufwand rechtfertigen. Erhebungen belegen, dass es so viele Fußballfans im bevölkerungsreichsten Land der Erde (rund 1,4 Milliarden Einwohner) gibt.

Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping hat den Fußball längst zur Chefsache erklärt. Er hofft, durch die Begeisterung für das Spiel den Kitt herzustellen, der angesichts der Risse zwischen arm, reich und Mittelschicht durch Ideologie allein nicht mehr bindend ist. Weil das Reich der Mitte fußballerisch ein Zwerg ist, hatte er im April vergangenen Jahres die Vision geäußert, eine "Fußball-Supermacht" aufbauen zu wollen. Die Vereine der chinesischen Super-League nahmen dies zum Anlass, gut 435 Millionen Euro für die Verpflichtung ausländischer Spieler locker zu machen.

Anfang Jänner rief das Zentralorgan der Kommunistischen Partei indirekt zur Zügelung auf: "Die verrückten Ausgaben führen die Fans dazu, sich zu fragen, ob die Vereine nur selbst ins Rampenlicht drängen oder noch der Entwicklung des Fußballs dienen wollen." Mit dieser Kritik einher ging ein Aufruf zur Nachhaltigkeit. Um China auch im internationalen Fußball Ansehen zu verschaffen, soll das Erziehungsministerium bis 2025 50.000 (!) Fußballschulen aufbauen, an der Uni wurde Fußball Teil der Zulassungsprüfungen.

With a little help from their friends

Die begleitende Expertise zur geplanten Aufbauarbeit soll vorwiegend aus Deutschland kommen. Ende November wurden auf höchster Ebene Verträge zu einer deutsch-chinesischen Fußballkooperation unterschrieben. Bundeskanzlerin Angela Merkel lud Vertreter des DFB und der Deutschen Fußball Liga (DFL) ins Kanzleramt ein, aus China reiste damals mit der stellvertretenden Premierministerin Liu Yandong die mächtigste Frau der Volksrepublik nach Berlin. Dass der deutsche Fußball seinen Blick nach Asien richtet, ist logisch im Sinne der Verwertbarkeit. Der chinesische Markt wächst mit enormer Geschwindigkeit, die Begeisterung für Fußball ist trotz der schwachen Nationalmannschaft riesig – vor allem für die deutsche Liga. Laut der Studie "The Red Card 2017", die den jeweiligen Online-Fußabdruck von Ligen und Klubs untersucht, ist die deutsche Bundesliga zum zweiten Mal in Folge die Nummer eins der europäischen Fußball-Ligen in den chinesischen Digital-Medien. Rekordmeister Bayern München ist der beliebteste Klub. Laut Bayern-Vorstand Jörg Wacker haben die Münchner in China mittlerweile rund 135 Millionen Anhänger.

Im Rahmen der zunächst fünf Jahre andauernden Kooperation leistet die deutsche Seite Hilfestellungen in verschiedensten Förderbereichen wie der Trainer-, Spieler- oder Schiedsrichterausbildung. DFB und DFL gelten im Reich der Mitte als eine Art Blaupause für erfolgreiche Fußballstrukturen, davon will der chinesische Verband profitieren. "Die Wiederbelebung des chinesischen Fußballs" nannte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua die Pläne des Staatspräsidenten, der als leidenschaftlicher Fan "das verzweifelte Sehnen des Volkes" befriedigen will. Dafür scheint kein Preis zu hoch. Xi Jinping will 2030 die WM ausrichten und vermutlich auch noch einen chinesischen WM-Titel miterleben. "Wir werden China bei einer WM-Bewerbung unterstützen", sagte DFB-Generalsekretär Curtius.

Die Vermarktungsoffensive nimmt ihren Lauf

Länderspiele der deutschen Weltmeister in Fernost werden hinter den Kulissen längst geplant. Bayern München und Dortmund kurbeln die Auslandsvermarktung an, gehen im Juli auf Asien-Tournee. Schalke 04 erwägt, seine Sommertestspiele ins Reich der Mitte zu verlegen.

Bayern und der BVB haben bereits eigene Geschäftsstellen in China. Am Mittwoch eröffnete Wolfsburg ein ständiges Büro in Peking, "weil hier die weltweit wohl einzigartige Kombination aus enormer Euphorie für den deutschen Fußball, geballter Wirtschaftskraft und großem staatlichen Interesse am Fußballsport vorherrscht", so Vfl-Geschäftsführer Röttgerman. Bayer Leverkusen wird den Chinesen beim Aufbau des deutsch-chinesischen Nachwuchsleistungszentrums in Baotou in der Inneren Mongolei zur Seite stehen. Ende 2016 schloss der 1. FC Köln einen Kooperationsvertrag hat mit dem chinesischen Erstligisten Liaoning, der HSV wird künftig eng mit SIPG FC aus Shanghai zusammenarbeiten.

"Vom Austausch über Grenzen hinweg profitieren alle. Fußball ist der Sport der Globalisierung. Die Sprache des Spiels versteht jeder", sagte Kölns Präsident Werner Spinner. Der Chef der Europäischen Klub-Vereinigung ECA, Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge, sieht es weniger romantisch. Er betonte, dass es letztlich um Investitionen geht, die Geld bringen sollen, damit der deutsche Fußball international wettbewerbsfähig bleiben kann. Entwicklungshilfe nicht ohne eigenen Nutzen.

Chinesische Investitionswut

Parallel zu den infrastrukturellen Aufwertungsbestrebungen im eigenen Land liebäugeln chinesische Unternehmen mit dem großen Einstieg ins europäische Fußballgeschäft. Wie das Wirtschaftsmagazin Capital in seiner April-Ausgabe berichtet, hat der chinesische Finanzinvestor Fosun bei gleich sechs Bundesliga-Vereinen Interesse an einer Teilhabe bekundet. Demnach sollen seit 2015 Gespräche mit Vertretern von Werder Bremen, Borussia Dortmund, Hertha BSC, Borussia Mönchengladbach, dem Hamburger SV sowie VfL Wolfsburg geführt worden sein.

In Italien, England und Spanien sind Unternehmen aus China bereits Teil des Geschehens. Im Sommer sicherte sich der Elektrokonzern Suning die Mehrheitsanteile am italienischen Traditionsklub Inter Mailand. Lokalrivale AC Milan ist der chinesischen Investorengruppe Sino-Europe Sports rund 740 Millionen Euro wert, der Verkauf zieht sich allerdings seit über einem Jahr in die Länge. Für drei Jahre TV-Rechte an der englischen Premier League bezahlte ein chinesisches Konglomerat mehr als 600 Millionen Euro. Im Januar 2015 stieg der chinesische Immobilien-, Hotel- und Kaufhausriese Wanda beim spanischen Topklub Atlético Madrid ein, dessen neues Stadion den Namen der Gruppe tragen wird.

Die Wanda Group, das aktuell umsatzstärkste Unternehmen Chinas, unterschrieb überdies einen Deal mit dem Weltverband FIFA bis 2030 – und überweist dafür wohl mehrere Hundert Millionen Euro. Boss der Wanda Sports Holding ist übrigens Philippe Blatter, der Neffe seines Onkels Sepp. "Früher oder später wird die WM in China stattfinden", sagte er dem Handelsblatt. Man muss es ihm fast glauben. (sid, buc, 22.3.2017)

  • Chinas Präsident Xi Jinping will "den gesellschaftlichen Kitt wiederherstellen".
    apa/afp/johannes eisele

    Chinas Präsident Xi Jinping will "den gesellschaftlichen Kitt wiederherstellen".

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