Leipzig: "Ein gefühltes Festival"

22. März 2017, 17:31
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Gratwanderung zwischen Publikumsevent und gediegener Literaturvermittlung

Man hat den Eindruck, dass sie in Leipzig – jedenfalls was die Buchmesse betrifft – vieles richtig machen. Verzeichnete Deutschlands zweitgrößte Buchmesse in den fünf Hallen des Mitte der 1990er-Jahre an die Stadtperipherie geklotzten neuen Messezentrums 2008 noch 129.000 Besucher, waren es 2010 147.000 und letztes Jahr 195.000. Wobei der Erfolg dieser Messe, die deren Direktor Oliver Zille als "gefühltes Festival" bezeichnet, auch damit zu tun hat, dass die Gratwanderung, oder der Spagat zwischen Publikumsevent und gediegener Literaturvermittlung relativ gut gelingt.

Denk-Räume

Einerseits hat man hier mit "Leipzig liest" Europas größtes Literaturfest etabliert, in dessen Zuge bis Sonntag 3400 Lesungen in der ganzen Stadt stattfinden. Andererseits hat die Messe ihre Brückenkopffunktion für die Literaturen Ost- und Mitteleuropas weiter ausgebaut und neue, oft explizit politische Schwerpunkte gesetzt – etwa "Europa 21. Denk-Raum für die Gesellschaft von morgen". Zudem versucht man nicht nur den analogen, meist älteren Leser im Auge zu behalten, sondern mit einem Manga- und Comicschwerpunkt und Plattformen für digitale Start-ups auch die Bedürfnisse einer jüngeren Leser- und Verlegerschaft in den Blick zu bekommen. "Weil es sonst nicht ihre Messe ist", so Zille.

2493 Aussteller aus 43 Ländern reisen heuer zur Buchmesse an. Letztes Jahr waren es 2250 gewesen. Entsprechend aufgeräumt war die Stimmung an der Eröffnungspressekonferenz Mittwochmittag, zu der auch Alexander Skipis, Geschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels nicht unerfreuliche Zahlen beitragen konnte. Jedenfalls teilweise.

So sind die Umsätze im deutschen Buchmarkt 2016 leicht gestiegen (+0,8 Prozent), wozu vor allem das Kinder- und Jugendbuch (+9 Prozent) beitrug, die Segmente Belletristik (-0,5 Prozent), Sachbuch (-2,7), Ratgeber (-0,1) und Taschenbuch (-5,5 Prozent) verloren dagegen Umsatzanteile. Die Digitalisierung von Inhalten und neue Vertriebskanäle sieht Skipis, falls die Urheberrechte gewahrt werden, mehr als Chance denn als Bedrohung.

Apropos Bedrohung: Skipis wie Zille wiesen auf die Bedeutung der Meinungsfreiheit hin und zeigten sich – stellvertretend für viele andere Beispiele – empört über den Fall Asli Erdogan. Die türkische Autorin und Kolumnistin, die nach vier Monaten Haft in der Türkei wegen angeblichen Terrorismusverdachts angeklagt ist, wurde zur Leipziger Buchmesse eingeladen. Die Ausreise wurde ihr verweigert. (Stefan Gmünder, 22.3.2017)

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