Erdogan: Über die Grenzlinie

Einserkastl23. März 2017, 07:29
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Die Psyche des Autokraten verträgt keinen Widerspruch

Der neue deutsche Bundespräsident und frühere Außenminister Frank-Walter Steinmeier appellierte in seiner Antrittsrede an den türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan: "Beenden Sie diese unsäglichen Nazi-Vergleiche!"

Macht er ja. Erdogan sagte lediglich an die Adresse der Europäer: "Wenn Sie sich weiterhin so verhalten, dann wird morgen weltweit kein Europäer, kein Bürger des Westens in Sicherheit und Frieden die Straßen betreten können."

Das kann man nur noch als unverhohlene Drohung mit Gewalt durch die Auslandstürken verstehen. Wenn die europäische Politik oder die öffentliche Meinung weiter Erdogans Marsch in die Diktatur kritisiert, dann wird kein Europäer, kein Bürger des Westens auf den – eigenen – Straßen sicher sein.

Es gibt eine Denkschule, die argumentiert, Erdogan mache das nur, um das wacklige Ja der Türken beim Referendum über seine Machtbefugnisse abzusichern. Das sei nur Rhetorik.

Man wird sich aber an den Gedanken gewöhnen müssen, dass das vollkommen ernst gemeint ist. Ebenso wie die Aufforderung an die Auslandstürken, fünf statt drei Kinder zu machen (Reality-Check: Die Geburtenrate unter türkischstämmigen Frauen in Österreich sinkt).

Die Psyche des Autokraten verträgt keinen Widerspruch. Der Gedanke, dass er verlieren könnte, treibt ihn über die Grenzlinie der Rationalität. (Hans Rauscher, 22.3.2017)

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