Nahversorgung in Zeiten des Greißlersterbens

24. März 2017, 09:00
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Was tun, wenn die Geschäfte absiedeln? Ein neues Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Frage, wie die ländliche Nahversorgung neu aufgestellt werden kann

Wien – Die Naturoase Schneebergland rund um die Hohe Wand hat – wie viele ländliche Gebiete – mit Abwanderung, Überalterung der Bevölkerung und einem damit einhergehenden Strukturwandel zu kämpfen. Und wenn die Einwohnerzahlen sinken, sperren auch Geschäfte und Gasthäuser zu. Die Nahversorgung wird dadurch ausgedünnt.

Im Schneebergland schaut es diesbezüglich auf den ersten Blick nicht so schlecht aus. Rund zwei Drittel der Bevölkerung in den 18 Gemeinden der Kleinregion sind bestens mit Nahversorgern ausgestattet. Beim genaueren Analysieren sieht das Ergebnis aber durchwachsener aus. So hat ein Drittel der Einwohner bis zum nächsten Geschäft mittlerweile mehr als 1,5 Kilometer zu bewältigen. Ältere und weniger mobile Menschen stellt diese Entwicklung vor große Herausforderungen. Denn gibt es kein Geschäft im Ort, muss man entweder gut zu Fuß sein oder man braucht, abseits öffentlicher Verkehrsmittel, ein eigenes Auto.

Bürger werden eingebunden

Was also tun? Dieser Frage geht nun ein neues Forschungsprojekt nach. Im Rahmen des von der Forschungsförderungsgesellschaft FFG finanzierten Projektes "greissler.plus" werden Mittel und Möglichkeiten erhoben, wie man die Nahversorgung in einem ländlichen Gebiet mit Strukturwandelproblemen neu aufstellen kann. Dabei soll den Menschen der Region nicht nur eine Lösung vorgesetzt werden, sondern diese mit ihnen gemeinsam, nach ihren Bedürfnissen entwickelt werden.

Dass greissler.plus gerade im Schneebergland stattfindet, hat einen einfachen Hintergrund. "Schon im Rahmen des EU-Projektes ,Active Ageing wurde mittels einer Regionalanalyse ein Standortkatalog für die Kleinregion Schneebergland erstellt", sagt Elisabeth Knasmillner vom Planungsbüro RaumRegionMensch, das in die Analyse maßgeblich eingebunden war. "In diesem Projekt wurden alle Nahversorger erfasst und Versorgungslücken aufgezeigt." Im Folgeprojekt "greissler.plus" sollen nun Nägel mit Köpfen gemacht werden.

Einfließen sollen in das Projekt eine Reihe von Erfahrungen aus internationalen Initiativen. Noch lange bevor das Internet aufkam, wurden beispielsweise in den 1970er-Jahren Best-Practice-Beispiele in Belgien, Deutschland und den Niederlanden, aber auch in den USA gefunden, um Bewohner und Bewohnerinnen entlegener Wohngegenden und Streusiedlungen zumindest ein paarmal in der Woche mit Waren des täglichen Bedarfs versorgen zu können. Neben rollenden Supermärkten wurden mobile Multishops eingesetzt, die neben der Grundversorgung auch soziale Dienstleistungen oder medizinische Produkte anbieten.

Neue Form des Einkaufens

Ob im Schneebergland in Zukunft solche rollenden Initiativen vermehrt eingesetzt werden, steht noch in den Sternen. Denn diese Lösungen aus Zeiten des "analogen Handelns" könnten mittlerweile als überholt gelten. Viele Regionen setzen heute auf digitale Plattformen, auf denen sich regionale Anbieter und Kunden treffen können. Ob man diese neue Form des Einkaufens auch im Schneebergland einsetzen wird, soll im Rahmen des Forschungsprojektes geklärt werden. "Uns kommt es sehr darauf an, dass wir nicht von oben herab, sondern mit Akteuren und Bewohnern und Bewohnerinnen der Region neue Angebote entwickeln", sagt Knasmillner. Denn nichts wäre unbefriedigender, als eine neue Form der Nahversorgung zu entwickeln, die dann niemand annehmen würde.

In Workshops mit Anbietern und potenziellen Kunden geht man der Frage nach, wie Internet-Plattformen aufgebaut sein müssen, damit sie von einer möglichst breiten Bevölkerungsgruppe angenommen werden. Dabei spielt eine Rolle, inwieweit man auf einer IKT-Plattform auch eine telefonische Lieferannahme oder einen physischen Shop einrichten könnte. Denn nicht jeder der Einwohner 60+ würde Bestellen via Internet als erste Wahl ansehen, so die Vermutung.

Das Projekt, das bis 2018 läuft, soll diese und ähnliche Fragen beantworten. Eingebunden ist neben Regionalplanern auch die Fachhochschule Technikum Wien, die die Programmierung einer potenziellen IKT-Plattform übernimmt. (Norbert Regitnig-Tillian, 24.3.2017)

  • Greißler im ländlichen Raum werden immer seltener – vor allem ältere und weniger mobile Menschen stellt der Mangel an Nahversorgung vor Probleme.
    foto: peter philipp

    Greißler im ländlichen Raum werden immer seltener – vor allem ältere und weniger mobile Menschen stellt der Mangel an Nahversorgung vor Probleme.

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