Laufen mit Mehrwert: Der Yaya Village Grand Prix

Blog22. März 2017, 06:00
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Von Haile Gebrselassies Trainingsresort bei Addis Abeba, einem Trainingscamp und etlichen Koffern voll mit Laufschuhen, Handys und anderen Goodies, die als Preise eines ganz besonderen Laufevents von Österreich nach Afrika gebracht wurden

foto: www.ausdauercoach.at

Ob ich neidig bin? Na, selbstverständlich bin ich neidig! Und "neidig" ist nur ein Hilfsausdruck. Schließlich weiß ich ja, was ich versäume. Obwohl das, was sich vergangene Woche im Yaya Village, dem Trainingsresort, das der äthiopische Laufcharismatiker Haile Gebrselassie in den Hügeln oberhalb Addis Abeba errichtet hat, abgespielt hat, ziemlich sicher meilenweit über das hinausging, was ich 2015 in Äthiopien bei meinem Besuch im Rahmen des Great Ethiopian Runs erleben durfte.

Und das war schon ein Hammer. In jeder Hinsicht: Stellen Sie sich vor, Sie treffen Gott – und der trägt Ihnen im Gespräch nicht nur auf, Ihre Mutter (die er noch nie gesehen hat) herzlich von ihm zu grüßen, sondern erinnert Sie am Ende der Audienz auch noch ausdrücklich daran, das Grüße-Ausrichten nur ja nicht zu vergessen. Dann haben Sie in etwa eine Idee, wie es mir bei Haile Gebrselassie ging. Damals, 2015.

Aber heuer, sagt Harald Fritz, war es noch irrer. Weil Fritz und seine Ösi-Delegation Haile (in Äthiopien sagt kein Mensch "Mr. Gebrselassie") nicht einfach so besuchten, sondern auch etwas mitbrachten. Und Haile, der große kleine Mann der Lauf-Emotionen, extra ein paar Businesstermine sausen ließ, um da dabeizusein. "Das war emotional ganz ganz großes Kino", schrieb mir Harald Fritz. Ich freute mich für ihn – und biss mir trotzdem vor Neid in den Hintern.

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foto: www.ausdauercamp.at/marouschek

Aber der Reihe nach. Die Geschichte beginnt nämlich früher: Es war etwa vor einem halben Jahr, als mir Harald Fritz das erste Mal von seinem Plan erzählte, nicht einfach nur auf Trainingslager nach Afrika zu fahren: Fritz hatte, als Trainer und Kopf des Teams Ausdauercoach, in den vergangenen Jahren über den von ihm gecoachten zweifachen Wings-for-Life-Worldrun-Sieger Lemawork Ketema und dessen Umfeld intensive Kontakte nach Äthiopien aufgebaut – und hatte den Trip zum Great Ethiopian Run auch dazu genutzt, sich das 2015 gerade im Aufbau befindliche Trainingsressort Yaya Village von Haile genau anzusehen.

Trainingscamps in Afrika sind nämlich nicht nur ein Hit – sie können auch enorm viel. Allein die Höhe lehrt Demut: Steigen Sie mal auf 2.300 Meter Seehöhe aus dem Flugzeug – und gehen Sie laufen. Ganz locker. Eh nur 30 Minuten. Viel Spaß … Das Yaya Village liegt in den Bergen über Addis, so etwa auf 2.800 Metern. Dort dann mit afrikanischen Läufern zu rennen macht dann gleich noch mehr Spaß.

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foto: www.ausdauercoach.at

Doch darum geht es hier nicht. Denn Fritz' Idee war es, ein bisserl mehr zu tun, als bloß mit ein paar Handvoll Läuferinnen und Läufern ein bisserl zu trainieren: Er wollte das tun, was mit dem Begriff "etwas zurückgeben" so pathetisch wie unpassend umschrieben wird: "Weil es für niemanden schön ist, 'Almosen' zu bekommen, und alles einen anderen Wert hat, wenn man dafür auch etwas tun muss, entstand die Idee eines Charity Runs im weitesten Sinne.

Wir wollten etwas organisieren, bei dem sowohl Sachpreise – von Laufschuhen über Bekleidung bis zu Mobiltelefonen – als auch Preisgelder vergeben werden würden. An diejenigen, die bei den Rennen mitlaufen – und sich die Preise somit auch "erarbeiten". Mir war schon klar, dass so alles nur einer gewissen Gruppe zugutekommt – aber irgendwie muss man sich auf etwas konzentrieren, und darum wählte ich für mich das Motto 'Läufer helfen Läufern'."

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Fritz erzählte in Wien natürlich nicht nur mir von seinem Plan, sondern praktisch jedem und jeder, mit dem (oder der) er zu tun hatte. Und es liegt im Wesen eines guten Trainers, Menschen nicht nur motivieren, sondern auch überzeugen zu können. Bei sportlichen Themen ist das gut. Bei menschlichen wichtig. "Wenn man live erlebt hat, unter welchen Bedingungen die Leute hier in Äthiopien leben, taucht fast automatisch das Bedürfnis auf, auch zu helfen.

Nicht dass diese Menschen unglücklicher wirken als wir, aber wenn die Schuhe (wenn überhaupt vorhanden) schon von den Füßen fallen und die Bekleidung aus mehr Löchern als Stoff besteht, ist das einfach für unsere Augen traurig anzusehen." Es gehe, betont Fritz, nicht darum, sich für den Wohlstand, in dem wir leben, zu schämen – aber die Wertigkeiten verschieben sich.

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Und wenn man dann erzählt, was man plant, hören die Leute nicht nur zu – sondern machen auch mit: "Sobald man beginnt, im Bekanntenkreis zu fragen, ob es (Sport-)Bekleidung oder (Lauf-)Schuhe gibt, die nicht mehr benötigt werden, hat man binnen kürzester Zeit große Mengen an Material zusammen. Mehr als man transportieren kann." Aber eben doch weit weniger, als man verteilen könnte. "Also sammelten wir dann eben doch auch Geld. Weil es am leichtesten transportier- und teilbar ist."

De facto wurde es dann ein Mix aus beidem: Geld und Goodies. Und da auf den Flügen von Wien nach Addis Abeba pro Passagier drei Koffer zu jeweils bis zu 23 Kilo erlaubt sind, ließ sich doch einiges nach Afrika bringen: "Wir hatten ca 80 Paar Schuhe, 100 Mobiltelefone, ein paar hundert Shirts. Dazu noch Hosen, Socken, Jacken – und so weiter. Und Startnummern, die mir ein Sponsor spendiert hat."

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Damit lässt sich schon ein bisserl etwas ausrichten – noch dazu in einem Land, in dem Laufen eine der wenigen Möglichkeiten ist, in denen junge Menschen einen Weg aus der Armut sehen. Haile Gebrselassie ist in Äthiopien unter anderem auch deshalb ein Volksheld, weil er dafür das Best-Practice-Modell ist: Haile kam aus dem nichts, besitzt heute aber Immobilen, importiert Autos, betreibt Hotels und Fitnesscenter – und tritt den Menschen trotzdem immer nahbar, bodenständig und auf Augenhöhe gegenüber. Und zwar – soweit ich es mitbekommen habe – allen.

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Doch zurück zum Yaya-Laufcup von Harald Fritz und seinem Team Ausdauercoach: "Um das, was wir mitgebracht hatten, an möglichst viele und unterschiedliche Menschen verteilen zu können, haben wir dann möglichst viele Rennen gemacht: etliche Distanzen. Und dann noch für Kinder, Jugendliche, Ältere ("Veteranen") und so weiter. Nicht nur für Elite- oder Spitzenläufer, das wäre nicht wirklich zielführend gewesen.

In Summe waren es zwölf Läufe über Distanzen zwischen 400 Metern und zehn Kilometern, da kommen schon etliche Gewinnerinnen und Gewinner zusammen – und wir haben ja nicht nur Goodies und Sachpreise für die jeweils ersten drei dabeigehabt."

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"Spannend war für uns auch, wie da die Vorbereitungen laufen. Im Kreise der 'Älteren', die dann auch als Schiedsrichter, aber auch als Teilnehmer fungierten, wurde der Ablauf bereits eine Woche vorher genau mit uns durchgesprochen. Dabei zeigten sie uns auch Bilder von früher. Und – bumm! – siehe da: Da waren Teilnehmer an den Olympischen Spielen in München oder sogar noch Rom dabei … In Österreich wäre das ziemlich schwer vorstellbar. Aber hier sind alle voll und mit großer Begeisterung dabei."

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Bei den Wettkämpfen selbst zeigte sich dann aber noch so einiges, was in Österreich unvorstellbar wäre: "Beim Rennen selbst wird in jeder Runde ein Schild mit den dann noch verbleibenden Runden angezeigt. Und unmittelbar nach dem Zieleinlauf bekommt jeder Läufer eine Karte mit seiner Platzierung in die Hand gedrückt. Zeiten werden einfach von der Uhr abgelesen und händisch in eine Liste eingetragen. Elektronik? Wozu?"

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Fritz schmunzelt. Und betont, dass all dieser Low-Tech-Approach weder der Begeisterung noch der Leistung auch nur eine Sekunde geschadet habe. Davon konnten sich auch nichtafrikanische Spitzensportler vor Ort überzeugen: "Wenn dann auch noch ein paar Läuferinnen und Läufer des chinesischen Nationalteams, aber auch Sandrina llles (im Bild, Anm.) – die österreichische Spitzenduathletin und Staatsmeisterin über 10.000 Meter und die Halbmarathondistanz – oder ein ehemaliger französischer Nationalteamläufer an einigen der Bewerbe teilnehmen, bekommt das Ganze sogar richtig internationales Flair." Und ein sportliches Niveau, das mit vielen heimischen Laufevents mehr als nur mithalten kann.

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Und auch wenn das Ganze auch eine riesige Party war, war es gleichzeitig eben doch auch höchst offiziell: "Die Siegerehrungen waren hochseriös – und verliefen nach einem strengen, genauen Protokoll: Traditionell gekleidete Damen bringen die Medaillen auf dem Tablett – und ein 'guest of honor' überreicht diese dann. Wie bei den Olympischen Spielen."

Und auch wenn die Gäste aus Österreich sich alle Mühe gaben, da möglichst nicht als gönnerhaft-huldvolle Überbringer milder Gaben aus dem reichen Norden für den armen Süden aufzutreten, war es natürlich Teil des Rituals, dass da auch Harald Fritz und seine Mann- und Frauschaft in die Zeremonien eingebunden wurden: Es geht bei so etwas immer um das Wie. Um Augenhöhe. Um Respekt.

Darum, gemeinsam und nicht übereinander zu lachen. Darum, Geschenke nicht als Almosen zu überreichen. Und darum, nicht überheblich und von oben herab, sondern mit Freude über den Impact sagen zu können: "Es ist unglaublich und auch berührend, was man schon mit minimalen Mitteln erreichen kann. Faktisch – aber auch emotional." Und – ergänzt Fritz – "eben nicht nur auf Empfängerseite: Das war auch für uns ganz, ganz großes emotionales Kino."

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Ganz besonders dann, "wenn Haile Gebrselassie dann extra zu den Siegerehrungen aus Addis herauf ins Village kommt. Dann bekommt das Ganze noch eine zusätzliche, schwer zu toppende Bedeutung – und zwar für alle. Haile hatte eigentlich andere Termine, aber er hat die abgesagt, weil es ihm so getaugt hat und es ihm auch wichtig war, den Läufern und uns zu zeigen, dass es da eben nicht nur um ein paar T-Shirts und gebrauchte Handys geht. Für uns mag das wenig sein – aber viele Leute hier waren richtig baff über das, was da an Preisen ausgeschüttet wurde. Haile hat nur noch gelacht – und gemeint, wir sollten das in Zukunft den "Ya Ya Village Grand Prix" nennen.

Schlecht klingt das ja wirklich nicht – und auch wenn wir noch gar nicht zurück in Österreich sind, laufen jetzt schon quasi die Vorbereitungen für nächstes Jahr. Und ich hoffe, dass wir dieses Mal noch mehr an Spenden bekommen."

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Noch eine Anmerkung: Mehr Fotos und Impressionen vom Yaya Village Grand Prix und dem Laufcamp gibt es auf den Facebook- und Instagram-Accounts von (unter anderen) Harald Fritz, Monika Kalbacher, Stefan Marouschek und dem Team Ausdauercoach. Und einen auch kritisch-differenzierten Bericht hat Sandrina Illes auf ihrer Webseite geschrieben. Die Fotos hier wurden mir von meinen Teamkollegen zur Verfügung gestellt. Aufgrund der oft wirklich sehr schlechten Internetverbindungen nach Addis Abbeba haben wir uns für die niedrige Facebook-Auflösung entschieden. Sorry, wenn die Bilder also manchmal ein wenig auspixeln oder rauschen.

Und: Ja, ich beneide meine Freunde gerade. Und "neidig" ist nur ein Hilfsausdruck. (Thomas Rottenberg, 22.3.2017)

Anmerkung im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Ja, Harald Fritz ist mein Trainer. Ich bin regulär zahlender Kunde.

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