Welche Angewohnheit schlecht für das Gehirn ist

22. März 2017, 07:00
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Seit Smartphones und andere Gadgets den Büroalltag dominieren, steht Multitasking hoch im Kurs. Mehrere Studien zeigen allerdings negative Folgen

Während dieser Text entsteht, habe ich 17 Tabs geöffnet – zwei davon sind Twitter und Facebook, die ich immer wieder aktualisiere –, bekomme sieben Mails, zehn Nachrichten auf Whatsapp, drei Anrufe, hole mir einen Kaffee, wechsle ständig Playlists auf Spotify und schaue zwischendurch immer wieder mal auf Instagram.

Was sich nach unheimlich viel Chaos anhört, ist für viele zum Normalfall im Arbeitsalltag geworden, nur ist es einem häufig nicht bewusst. Geht es nach mittlerweile zig Studien, sollte das Multitasken aber besser nicht zur Angewohnheit werden. Denn: Das menschliche Gehirn ist nicht dafür ausgerichtet, mehrere Dinge gleichzeitig und vor allem gleich gut zu erledigen. Jede Facebook-Benachrichtigung, jede kurzfristige Störung verlangt im Grunde eine Entscheidung: jetzt oder später antworten? Das kostet Energie, denn seit wir Mails, News, Fotoalben, Anrufe und Textnachrichten in Form eines kleinen Computers ständig in unserer Jacken- oder Hosentasche tragen, gibt es kaum Pausen für das Gehirn.

Mehr Stress und Fehler, weniger IQ?

Das hat mehrere Folgen, resultiert aber vor allem in einem Konzentrations- und Leistungsverlust. Nachweisen konnten diesen zum Beispiel Forscher der Universität in Utah: Die Versuchspersonen saßen am Steuer eines Fahrsimulators und sollten währenddessen telefonieren, in einem weiteren Versuch eine SMS schreiben. Das Ergebnis: Ihre Leistungsfähigkeit sank um mindestens 40 Prozent, die Stresswerte erhöhten sich stark. Die Fehlerquote war ähnlich hoch wie sonst nur bei betrunkenen Fahrern. Auch dass das bloße Wissen um eine neue Mail Stress verursacht, ist wissenschaftlich erwiesen, und ein britischer Forscher will sogar herausgefunden haben, dass Multitasking den IQ senkt. Dass die Arbeitsleistung abnimmt beziehungsweise mehr Zeit für Aufgaben aufgewendet wird, liegt auf der Hand.

Wissenschafter der Universität Sussex untersuchten besonders eine Gehirnregion, in der Emotionen, Erinnerungen und Lernprozesse verarbeitet werden. Würde man hier Verschlechterungen bemerken, könne das besonders für die Karriere Nachteile bringen, heißt es in der Studie. Denn der betroffene Cortex (Gyrus cinguli) ist vereinfacht gesagt der Sitz der emotionalen Intelligenz. Vorerst können die Forscher aber entwarnen: Direkte Nachweise für eine Schädigung der Gehirnstruktur wurden keine gefunden. Aber der Studienautor warnt gegenüber dem Magazin Forbes: Es sei wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Art, wie wir mit Geräten umgehen, auch die Art, wie wir denken, verändere.

Gegenstrategien

Alles gleichzeitig, aber nichts richtig. Was kann man dagegen tun? Alles radikal abzuschalten ist wahrscheinlich wenig praktikabel. Auch Dominik Batthyány, der an der Sigmund-Freud-Privatuniversität das Institut für Verhaltenssüchte leitet, hält Engiftung für den falschen Weg. "Ich glaube, sinnvoller wäre eine 'digital awareness', also ein selbstbestimmter Umgang mit digitalen Geräten." Er sei leider selbst schlecht darin, den Umgang mit Smartphones räumlich und zeitlich zu begrenzen, gibt er zu. Genau solche Strukturen seien aber wichtig, sagt der Psychologe. "Die Zurückgewinnung von Struktur ist in der Suchttherapie, ganz gleich, um welche Sucht es geht, essenziell. Das bedeutet: klare Nutzungszeiten festsetzen und sich beim E-Mail-Check daran halten."

Ein weiterer Tipp: smartphonefreie Zeiten und Orte – etwa das gemeinsame Essen mit der Familie oder die Mittagspause, das Schlafzimmer (stattdessen einfach einen Wecker zulegen) oder beim Sport. "Es klingt beinahe banal", sagt Batthyány, "aber wir müssen üben, auch ohne Smartphone unterwegs zu sein."

Drei Tipps: Vom Multi- zum Singletasking

Auf den Arbeitsalltag umgemünzt kann man von Strategien einiger Führungskräfte oder Gründer diesbezüglich lernen. Buffer-Gründer Leo Widrich beschloss bereits vor vier Jahren, seine Angewohnheiten in Richtung weniger Multitasking zu ändern. Die erste Strategie war, schreibt Widrich in einem Blog-Post, von mehreren Tabs im Browser auf nur einen zu wechseln. Nicht mehr alles gleichzeitig, sondern zuerst Twitter, dann Artikel XY und dann zu den Mails.

Außerdem begann er am Vorabend bereits ausführlich über die Aufgaben des nächsten Tages nachzudenken. Dabei ging es Widrich nicht um eine simple To-do-Liste, sondern darum, gleich über die anstehenden Dinge nachzudenken und auch darüber, warum man sich dieses oder jenes vornimmt. "Ich hatte das Gefühl, als hätte ich die Hälfte der Arbeit bereits in meinem Kopf erledigt."

Nicht zuletzt half dem jungen Gründer ein Ortswechsel. Pausen verbesserten die Konzentration nicht, aber wenn Widrich die nächste Aufgabe oder Besprechung in einem anderen Raum erledigte, fühlte er sich produktiver.

Wer es gerne ausführlicher mag, könnte auch das relativ neue Buch des Neurowissenschafters Daniel J. Levitin lesen: "The Organized Mind. Thinking Straight in the Age of Information Overload". Auch er schreibt darin: Menschen, die ihre Zeit in einer Weise organisieren, die ihnen erlaubt, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, schaffen nicht nur mehr, sondern sind auch weniger müde und geistig weniger ausgelaugt. (lhag, 22.3.2017)

  • Alles gleichzeitig, aber nichts richtig – oft ist dies der Effekt von Multitasking. Mit Smartphones und anderen digitalen Gadgets nimmt die Gleichzeitigkeit aber – vor allem im Arbeitsalltag – zu.
    foto: istock

    Alles gleichzeitig, aber nichts richtig – oft ist dies der Effekt von Multitasking. Mit Smartphones und anderen digitalen Gadgets nimmt die Gleichzeitigkeit aber – vor allem im Arbeitsalltag – zu.

  • Psychologen und Neurowissenschafter empfehlen deswegen, sich wenn möglich auf eine Sache zu konzentrieren. Denn: Das Gehirn kann sich nur auf eine, maximal zwei komplexe Tätigkeiten gleichzeitig konzentrieren.
    foto: istock

    Psychologen und Neurowissenschafter empfehlen deswegen, sich wenn möglich auf eine Sache zu konzentrieren. Denn: Das Gehirn kann sich nur auf eine, maximal zwei komplexe Tätigkeiten gleichzeitig konzentrieren.

  • the atlantic

    Wer kennt das nicht? Das US-Magazin "The Atlantic" mit einem witzigen Beitrag über Multi- und Singletasking.

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