"Mass Effect Andromeda" im Test: Erstklassig zweitklassige Weltraumodyssee

    Rezension21. März 2017, 10:56
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    Neustart der Sci-Fi-Saga schickt Spieler auf einen holprigen Spacetrip zwischen Krieg, Intrige und Erotik

    Es ist ein süßer Widerspruch, dass der Aufbruch in den unbekannten Weltraum mit dem Überleben der Menschheit assoziiert wird und nicht mit einem Sprung in den fast sicheren Tod. Der Mensch ist und bleibt eben ein verklärter Romantiker. Auf diese charmante Schwäche konnte sich unter den vielen Sci-Fi-Fantasien unserer Zeit auch Biowares populäre Space-Opera "Mass Effect" immerzu verlassen. Der vierte Teil "Mass Effect Andromeda" soll nun den Neustart initiieren und schickt Spieler in der gleichnamigen Nachbargalaxie auf die Suche nach einem bewohnbaren Planeten, um viele Jahrhunderte in der Zukunft das Fortbestehen der Spezies zu ermöglichen.

    Unterjochung der Unendlichkeit

    Wahlweise in der Haut von Sara oder Zwillingsbruder Scott Ryder wird man zum für alle Eventualitäten befähigten Pathfinder und wirft sich im Stile von "Star Trek" mit einer Handvoll Alienfreunden ins große Abenteuer. Zwischen lebensfeindlichen Eisplaneten, Neondschungeln und feuchtfröhlichen Raumstationen gilt es, den Diplomaten für interstellare Angelegenheiten zu mimen, Ressourcen für die Forschung sicherzustellen und mit allerlei futuristischen Waffen zu jonglieren, um den genozidalen Gegenspieler von der Unterjochung der Unendlichkeit abzuhalten.

    Während die eigentlichen Raumflüge zwischen den Sonnensystemen zur Ladesequenz reduziert wurden, erkunden Space-Pioniere mit beiden Beinen am Boden eine Vielzahl extraterrestrischer Schlaraffenländer, die mit einem künstlerischen Hang zur exotischen Fotorequisite zum Träumen einladen. Zeit dafür bleibt allerdings wenig.

    wirspielen
    So spielt sich "Mass Effect Andromeda".

    Zwischen Tod, Softporno und Intrige

    Dem Trend zum Open-World-Unterhaltungsüberfluss folgend, wird man von einem Gefecht ins nächste geschickt, muss an entlegensten Orten mit dem Scanner mächtige Alientechnologien ausfindig machen, Artefakte in bester Sudoku-Manier entschlüsseln und in den Pausen Streitigkeiten zwischen den multiplanetaren Crewmitgliedern schlichten sowie in den spannendsten Momenten darüber entscheiden, welche Allianz geschlossen wird und welcher Verbündete im Hinblick auf das übergeordnete Wohl nicht mehr gerettet werden kann.

    Wie bei den Vorgängern besteht auch bei "Andromeda" ein großer Teil der Faszination darin, wie ein kosmopolitischer Landwirt an den zahlreichen Krisenherden seine Saat zu säen, um viele Stunden später zu beobachten, was daraus entstanden ist. Aus einer Kameradschaft kann eine Intrige sprießen, ein angeheuerter Kopfgeldjäger wird zur romantischen Affäre. Jede Antwort definiert in Nuancen Ryders Persönlichkeit und die Beziehungen zu den anderen Charakteren. In welcher Weise, lässt sich oftmals erst mehrere Schachzüge später feststellen und nicht selten schwingt bei einem Intermezzo Belanglosigkeit mit. Die Entwickler haben die Archive des Raumschiffs und der zentralen Raumstation des Pathfinder-Projekts mit unzähligen Hintergrundinformationen vollgestopft, die die begleitende künstliche Intelligenz mit der Geduld einer Maschine rezitiert. Und auf den einzelnen Planeten wartet eine Batterie an Nebendarstellern darauf, mehr über die Welten zu erzählen, die man gerade erst entdeckt. Doch die Schwankungsbreite dieser Entdeckungsreise zwischen softpornöser und fataler Attraktion hat unbestreitbar ihren Reiz.e

    Schlampige Umsetzung

    Was konzeptuell als Spektakel in der galaktischen Manege erdacht war, kommt auf den schlampig errichteten tragenden Säulen jedoch fortwährend ins Wanken. Die Dramaturgie des ausgefeilten Dialogsystems wird von karikierenden Charakteranimationen und unsicherer Überlieferung von offenbar nach Kontext ringenden Schauspielern sabotiert. So viel atmosphärisch Wert auf die Bildung einer Sci-Fi-Illusion gelegt wurde, so deplatziert wirken Gesichter und Augen, die nicht das ausdrücken, was von den mechanischen Lippen purzelt.

    Bei einem Spiel, das so stark auf die Erzählung baut, ist es mehr als nur eine störende Oberflächlichkeit. Viel mehr ist sie symptomatisch für die technischen Ungereimtheiten, die sich auch in den spielerisch zentralen, actiongeladenen Kämpfen fortsetzen. Mit einem Arsenal an in verschachtelten Menüs erweiterbaren Gewehren und Gadgets sowie Ausweichboosts und automatischem Deckungssystem lassen die Scharmützel mit bestialischen bis gigantischen Schergen prinzipiell viel Raum für Variation. Tatsächlich jedoch ärgert man sich zu oft über die monoton angelegten Schlachten mit schwankender Bildrate, nicht selten beliebig aufpoppenden Gegnern und taktisch minimal einsetzbaren Kameraden.

    Im draufgesetzten kooperativen Multiplayer-Modus, der bis zu vier Spieler entkoppelt von der Kampagne in banale Kämpfe mit anstürmenden Horden verstrickt, wird der Vergleich deutlicher: "Andromeda", der Shooter, fühlt sich über weite Strecken wie eine halbgare Version von "Destiny" an. Freischaltbare und frei wählbare Charakterprofile vom Soldaten über den Ingenieur bis zum Entdecker mit entsprechendem Fähigkeitenfokus sowie eine Fülle an Fertigkeiten und Gerätschaften, die sich mit Skill-Punkten und gefundenen Ressourcen ausbauen lassen, sorgen definitiv für Tiefe. Doch jeder noch so glänzende, aufgesteckte Pomp kann die Mittelmäßigkeit des Spielgefühls nicht überdecken.

    Fazit

    All diese Hürden zu überwinden, um zu den späteren, aufregenden Momenten in "Mass Effect Andromeda" vorzustoßen, ist viel verlangt. Bei einer Serie, von der man Großartigkeit gewohnt ist, vielleicht sogar zu viel. Dabei böte Ryders Reise ins Unbekannte ein fast verschwenderisches Maß an Substanz – mit zig Nebenschauplätzen, tragischen wie erotischen Intermezzos und einem Drehbuch, das man zu weiten Teilen selbst mitgestalten kann. Mit einer hohen Toleranzgrenze für Zweitklassigkeit kann man hier in zauberhaften Kulissenwelten erstklassig abtauchen. In dieser holprigen Weltraumodyssee wäre so viel mehr drin gewesen, hätten die Entwickler ihre Schöpfung ausreifen lassen (können). (Zsolt Wilhelm, 21.3.2017)

    "Mass Effect Andromeda" erscheint am 23. März für Windows-PC, Playstation 4 und Xbox One.

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