Inklusion? Nein, danke!

Userkommentar21. März 2017, 10:10
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Eltern eines Kindes mit besonderen Bedürfnissen stoßen zu oft auf Ablehnung und Diskriminierung. Segregation im Schulsystem degradiert sie von Leistungsträgern zu Leistungsempfängern

Nein, Sie lesen keinen Beitrag über Inklusion von behinderten Menschen in einem Forum einer Online-Tageszeitung. Wenn Sie Lust auf menschenverachtende Argumente haben, dann lesen Sie lieber dort weiter. Und ja, Sie vermuten richtig, da schreibt sich jemand den Frust von der Seele.

Die jetzige Situation kommt mir vor, als würden wir bis heute Autos mit drei Rädern produzieren, obwohl wir seit den 1970ern wissenschaftliche Konzepte für Autos mit vier Rädern haben. Warum ändern die Konstrukteure (Politiker), die Monteure (Pädagogen), die Gewerkschaften oder die Verbraucher (wir alle) nichts daran?

Als unser Sohn Emil, er hat das Downsyndrom, zwei Jahre alt war, suchten wir einen Kindergarten. Wir machten es wie bei unserem Erstgeborenen und gingen zu einem städtischen Kindergarten. Dort sagte man uns, dass wir uns nicht einfach anmelden könnten: "Nein, Sie müssen zur Bezirkspsychologin." Klingt exklusiv – ist es aber nicht. Emil wurde begutachtet, und man sagte uns, welche Plätze infrage kämen. Den zugewiesenen Platz hätten wir dann nicht bekommen, als wir ihn brauchten, und er gefiel uns auch nicht. Also blieben nur private Kindergärten übrig. In der Kindergruppe "Liebevoll" dann das erste Ja: "Ihr sagt uns, was er braucht. Das klappt sicher!"

Emil genoss die Zeit im Kindergarten sehr. Er machte selbstverständlich alles mit – er wurde nie segregiert. Rückblickend betrachtet: So inklusiv war es in keiner Bildungseinrichtung mehr.

Schulpflichtig, aber noch nicht schulreif

Als Emil sechs Jahre alt wurde und damit schulpflichtig, dachten wir, dass er noch nicht schulreif war. Wir erkundigten uns, ob es möglich sei, noch länger im Kindergarten zu bleiben, sprachen mit der Kindergruppenleitung und telefonierten mit diversen Beratungsstellen. Alle meinten, das sei eine gute Idee, und wir könnten ihn zum häuslichen Unterricht abmelden.

Kindergruppen werden routinemäßig von der MA 10 (Wiener Kindergärten) kontrolliert, so auch im Sommer 2011 – zwei Monate vor Emils Schulbeginn. Dabei hieß es: "Nein, wir zahlen den Platz für ihn nicht mehr." Nein, wir wurden vorher von niemandem darüber aufgeklärt, denn wir hätten ja nicht danach gefragt – so die Auskunft einer Mitarbeiterin der Stadt Wien. 6.000 Euro sollten wir aus eigener Tasche für das Jahr im häuslichen Unterricht und die Betreuung in der Kindergruppe zahlen – "Licht ins Dunkel" sprang dankenswerterweise ein.

In der Volksschule "wie ein Fisch am Riff"

Dann die Einschreibung in die Volksschule (Friedrichsplatz, Lerngemeinschaft 15), in der auch Emils Bruder war: "Nein, Sie müssen vorher zur Begutachtung ins Zentrum für Inklusiv- und Sonderpädagogik, und dann wird der Platz eingeteilt." Im Zentrum für Inklusiv- und Sonderpädagogik: "Das wird schon klappen – es hängt halt davon ab, ob genug Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf angemeldet sind – wegen der Sonderschullehrerstunden, die dann zugeteilt werden können." Im Grunde kann man als Eltern die Schule für sein Kind frei wählen. War ein Geschwisterkind bereits in der Volksschule, wird man quasi automatisch aufgenommen – im Falle einer Behinderung ist es aber davon abhängig, ob genügend Kinder mit einer Behinderung angemeldet sind und ein Sonderschullehrer auch in der jeweiligen Volksschule zugeteilt werden kann. Nach kurzem bangem Warten hatten wir den Platz.

Die Anmeldung für die Nachmittagsbetreuung war erlaubt: "Aber es müssen genug Integrationskinder angemeldet sein." Also wieder Bangen. Emils Volksschullehrer sagten uns: "Emil ist in der Klasse wie ein Fisch am Riff." Emil fühlte sich in der Klassengemeinschaft sehr wohl und war gut integriert.

... aber keine Nachmittagsbetreuung

Die Lerngemeinschaft 15 bietet eine durchgehende Beschulung im gesamten Pflichtschulbereich für alle Kinder an – aber ab der Sekundarstufe I keine Nachmittagsbetreuung für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Nein, darüber wurden wir auch nicht aufgeklärt. Im Zentrum für Inklusiv- und Sonderpädagogik hieß es: "Sie können Emil in die Sonderschule geben, oder er kann, bis er zwölf ist, mit dem Fahrtendienst in den Sonderhort geführt werden. Ab da muss er nach der Schule abgeholt werden." Eine klare behördliche Diskriminierung.

Mithilfe des Elternvereins und der Lehrer, mit vielen Unterschriften in einer Onlinepetition, mit vielen E-Mails, mit Gesprächen und vielen Telefonaten gelang es, die Nachmittagsbetreuung für Emil zu erkämpfen. 2016 war er das erste Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf, das das durfte.

Diskriminierung im Bildungssystem

Der Artikel 7 der österreichischen Bundesverfassung und die Europäische Menschenrechtskonvention verbieten seit Jahrzehnten Diskriminierung. Vor 22 Jahren wurde bei einer Unesco-Weltkonferenz in Salamanca beschlossen, dass Schulen alle Kinder, unabhängig von ihren physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder anderen Fähigkeiten, aufnehmen sollen. 2009 verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten, darunter auch Österreich, in der UN-Menschenrechtskonvention, für Menschen mit Behinderungen ein "inclusive education system" (inklusives Bildungssystem) zu errichten, in dem der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung der Regelfall ist.

Zu Schulbeginn sagte dann die Klassenlehrerin: "Emil kann nicht wie alle anderen bis 16.25 Uhr bleiben – Sie müssen ihn um 15.15 Uhr abholen." Ein paar Telefonate und E-Mails später war auch diese Diskriminierung vom Tisch.

Warum all diese Widerstände?

Ganz banale Ängste vor Unbekanntem? Oder unser System, das seit Jahrzehnten auf Segregation setzt? Inklusion braucht einen Wandel in unserem Denken. Inklusion beendet die Kategorisierung in "behindert" und "nichtbehindert". Inklusion bedeutet also ein verändertes Menschen- wie auch Weltbild. Inklusion misst den Wert eines Menschen nicht an dessen Produktivität oder klassifiziert aufgrund genormter Leistungskriterien – wir alle sind dadurch auf gleiche Weise normal.

Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch vollwertig ist und dass wir alle verpflichtet sind, Menschen als vollwertig und gleichberechtigt anzuerkennen. Es bedeutet, dass jeder Mensch das Recht hat, als gleichberechtigt anerkannt zu werden. Inklusion respektiert Freiheit, Autonomie und Selbstbestimmung.

Inklusion aus der Sicht von Kindern

Kinder möchten selbstverständlich dort sein, wo alle anderen sind. Kein Kind möchte segregiert werden oder gar keinen Zugang erhalten.

Emil orientiert sich, wie jedes Kind, an den anderen Kindern. Er möchte sich mit anderen messen und kann so an den Stärken der anderen wachsen. Die anderen fördern ihn und spornen ihn an, so zu sein wie sie und das zu können, was sie können. Emil geht beim Verein "Ich bin O.K." tanzen. Er liebt seine Breakdance-Gruppe – alles Menschen mit einer Behinderung. Dort schaut er sich die Verhaltensweisen und das Können dieser Peergruppe ab – hätte er nur diese, dann wäre er um eine große Vielfalt ärmer. Emil würde nie ein realistisches Bild seiner Schwächen und Stärken bekommen – in Sondereinrichtungen ist man immer wie unter einer Käseglocke.

"Nichts ist schädlicher für die Entwicklung des Selbst, als von reichhaltigen sozialen Beziehungen ausgegrenzt zu werden. Dies ist der Grundgedanke einer Theorie und Praxis der Integration behinderter Kinder." (Wolfgang Jantzen, emeritierter Bremer Hochschullehrer, Sonderpädagoge und Autor)

Viele denken, dass Kinder mit einer Behinderung in Sonderschulen geschützt sind – vor Mobbing, Diskriminierung und Ausgrenzung. Was würden Sie tun, wenn Ihr Kind in der Schule gemobbt wird? Soll es dann in eine Sonderschule für Mobbingopfer? Oder wollen Sie, dass die, die mobben, damit aufhören? Man erreicht keine Veränderung dadurch, dass man segregiert.

Inklusion aus der Sicht von Eltern

Unsere Kinder haben das Recht auf Bildung und Freizeitbetreuung! Ohne Nachmittagsbetreuung können wir Eltern nicht arbeiten gehen – und werden von Leistungsträgern zu Bittstellern und schließlich zu Leistungsempfängern degradiert.

Wir Eltern wünschen uns eine Gesellschaft, die im Alltag mit behinderten Menschen umgehen kann und nicht diskriminiert. Das müssen wir aber alle zusammen lernen – in Kindergärten, Schulen, in der Nachmittagsbetreuung und der Ferienbetreuung. Inklusion ist eine Win-win-Situation – für alle.

Das nächste Nein

Unser nächstes Nein wartet bereits auf uns und auf Emil. Sobald Emil die Pflichtschule abgeschlossen hat, gibt es keine weitere Möglichkeit mehr für ihn, in eine Schule zu gehen. Die Gymnasien oder höher bildenden Schulen verweigern die Aufnahme von Jugendlichen mit einer Behinderung. Es gäbe noch die Möglichkeit, um ein elftes und zwölftes Schuljahr anzusuchen – gängige Praxis in Wien ist es aber, diese zusätzlichen Schuljahre nicht mehr zu genehmigen. Es gibt dann noch den sogenannten Berufsvorbereitungslehrgang – für 24 Stunden in der Woche –, allerdings nach Unterrichtsende keine weitere Betreuung. Was dann? Arbeitszeit reduzieren? Das heißt, ab dem Ende der Pflichtschule haben wir wieder keine Wahlfreiheit. Egal wie weit Emil sich entwickelt hat – das System gibt ihm keine Zeit mehr zu reifen, es heißt ab in die Berufsausbildung oder Werkstätte.

Große Betreuungslücke

Seit Jahrzehnten klafft eine große Betreuungslücke für zehn- bis 20-jährige Menschen mit Behinderungen. Die Stadt Wien kennt das Problem und bietet viele einzelne Insellösungen an – aber es bedarf eines Gesamtkonzepts. Grundsätzlich müsste Schule ganztägig definiert werden. Und warum nicht für Sechs- bis 22-Jährige – dadurch könnten alle Schulkarrieren individuell geplant und durchgeführt werden.

15 Wochen schulfreie Zeit sind für alle Eltern eine Herausforderung. Inklusive Ferienangebote gibt es kaum, oder sie sind teuer. Das an sich reiche Ferienbetreuungsangebot in Wien ist für Kinder mit einer Behinderung nicht zugänglich – hier hängt es vom Goodwill der einzelnen Vereine ab, ob sie ein Kind mit einer Behinderung in den Ferien betreuen. Die Betreuung im Sommer in einem Sonderhort der Stadt Wien ist nur für Kinder mit einer Behinderung bis zum vollendeten zwölften Lebensjahr möglich.

Zum Glück gibt und gab es nicht nur Neins – sondern auch einige Jas. Jas zu Emil – und nichts anderes wünscht sich jede Mutter für ihr und jeder Vater für sein Kind. Egal ob mit oder ohne Behinderung. (Mischa Kirisits, 21.3.2017)

  • Kinder möchten selbstverständlich dort sein, wo alle anderen sind. "Emil ist in der Klasse wie ein Fisch am Riff", sagen Lehrer.
    foto: philipp horak, philipphorak.com

    Kinder möchten selbstverständlich dort sein, wo alle anderen sind. "Emil ist in der Klasse wie ein Fisch am Riff", sagen Lehrer.

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