Karin Kschwendt, die über den Tellerrand schaute

21. März 2017, 07:24
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Sie spielte für Luxemburg, Deutschland und Österreich. Anerkennung erwarb sich die Personalchefin auch abseits der Center-Courts

Wien – Von Ispra am Lago Maggiore nach Sorengo am Luganersee ist es nicht unbedingt ein Katzensprung. Es ist aber auch nicht zu weit, um für eine Niederkunft ins gewünschte Krankenhaus zu reisen. Daher ist Karin Kschwendt dem Geburtsort nach nicht eine Italienerin, sondern eine Schweizerin, genauer eine Tessinerin. Der Herkunft und den Pässen nach ist sie aber Österreicherin nach Heinz, dem Vater, der in Varese als Atomphysiker arbeitete, und Deutsche nach Edith, der Mutter. Weil die Familie 1970, als das Mädchen erst zwei Jahre alt war, nach Luxemburg zog, ist Karin Kschwendt auch eine Luxemburgerin. Vor allem aber ist sie eine Europäerin. "Ich bin innerhalb der EU-Community aufgewachsen, da war Österreich ja noch nicht in der EU."

Multiple Meisterin

Das alles und eine gewisse Grundsportlichkeit waren die Voraussetzungen für nicht unbedingt eine der größeren, aber mit Sicherheit eine der ungewöhnlicheren Tenniskarrieren. Karin Kschwendt, die seit 21 Jahren in Wien lebt, eine Homebase gefunden hat, wie sie sagt, und gegenwärtig als Personalchefin des Mobilfunk-Anbieters T-Mobile wirkt, spielte für Luxemburg, Deutschland und Österreich im Fed Cup, dem weiblichen Pendant des Daviscups. In allen drei Ländern war sie Meisterin, wenn auch in Österreich nicht im Einzel oder im Doppel, sondern lediglich mit der Mannschaft.

Die Nationenvielfalt verdankte sich schon auch Karin Kschwendts Ehrgeiz. "Ich wollte nicht nur die Nummer eins von Luxemburg sein", sagt sie heute. Die Tennischefin im Großherzogtum war Karin Kschwendt, die mit zwölf Jahren zu spielen begonnen hatte, ab 1983, als sie mit vierzehn Jahren erstmals Meisterin wurde. Sieben weitere einschlägige Titel sollten folgen.

Zunächst für Luxemburg

International trat sie ab dem 14. Lebensjahr für Luxemburg an. Erinnerlich sind Jugendeuropameisterschaften, wo von acht luxemburgischen Vertretern "sieben mit 0:6, 0:6 verloren. Ich auch."

1986, nach der Matura, wechselte sie dennoch ins Profilager. Die Eltern standen den sportlichen Ambitionen zwar skeptisch gegenüber, halfen aber, als sich die Tochter in der Schweiz einer Trainingsgruppe mit der späteren spanischen Wimbledonsiegerin Conchita Martínez anschloss.

Ohne weitere familiäre Unterstützung tingelte Karin Kschwendt dann durch den Tenniszirkus. "Ich habe jahrelang ein Zuhause gesucht, bin aber auch viel herumgekommen. Ich habe die Welt gesehen, aber nicht nur die Tennisplätze und Hotels." Vor allem lernte sie früh jenes Maß an Selbstständigkeit, das ihr später den Absprung aus dem Sport erleichtern sollte.

Den Gewinn des Challengers von Palermo 1988 nennt Karin Kschwendt ihren Durchbruch. Sie glänzte vor allem mit Talent, weniger durch ihre Physis. "Ich musste Gegnerinnen schnell besiegen, weil ich körperlich nicht fit war." Kraft- und Konditionstraining lernte Karin Kschwendt erst 1993 kennen, als sie auch ihren ersten eigenen Trainer, Christian Barkmann, engagierte. Auf der WTA-Tour schmückte sie in diesem Jahr auch ihr einziges Einzelfinale (1993 in Lüttich), Doppeltitel gewann sie immerhin sechs.

Zwischen 1990, dem Jahr, ab dem sie mit deutscher Lizenz spielte, und 1997 rangierte sie unter den besten 100 Damen der Tenniswelt. Im August 1996 notierte Karin Kschwendt als Nummer 37. "Ich habe auf den Center-Courts der Welt gegen die Besten gespielt." Bei Grand-Slam-Turnieren konnte sie viermal in die dritte Runde vorstoßen. 1990 begegnete Karin Kschwendt Martina Navratilova in Wimbledon auf deren Weg zum 18. und letzten Grand-Slam-Einzeltitel.

Siege gegen Große

Bei den Australian Open in Melbourne scheiterte sie 1991 an Monica Seles und 1996 an Gabriela Sabatini. 1994 und in Paris bei den French Open stand die Kroatin Iva Majoli zwischen Karin Kschwendt und einem Achtelfinale höchster Tenniskategorie. Siege gelangen dafür gegen Kaliber wie Lindsay Davenport, Amélie Mauresmo und Conchita Martínez. Alles in allem konnte Karin Kschwendt auf der WTA-Tour mehr als 650.000 Dollar Preisgeld einsammeln, jahrelang finanzierte sie sich aber ihr Profidasein in der deutschen Bundesliga, "wo zeitweise alle Welt spielte". 1996 rangierte Karin Kschwendt in der deutschen Rangliste auf Rang drei – hinter Steffi Graf und Anke Huber, "als noch 15 Deutsche unter den Top 100 standen". Im Jahr darauf spielt sie noch Fed Cup für Österreich. Und sie wurde von den Top-100-Spielerinnen der Welt in das WTA Board of Directors gewählt, "weil ich kommunikativ bin und als jemand galt, der über den Tellerrand schaut".

Mit 32 Jahren beendete Karin Kschwendt ihre Tenniskarriere. Fünf Jahre später war das Studium an der FH Wiener Neustadt geschafft. Über "Karriereverläufe ehemaliger Tennisprofis" hat sie wissenschaftlich gearbeitet. Und nach wie vor hält Karin Kschwendt für die WTA und die männliche ATP Vorträge, die auf den Absprung vorbereiten helfen. Der ist kein Katzensprung, aber mit gutem Rat zu bewältigen. (Sigi Lützow, 20.3.2017)

  • Karin Kschwendt hat in Wien eine "Homebase" gefunden.
    foto: t-mobile

    Karin Kschwendt hat in Wien eine "Homebase" gefunden.

  • Wimbledon 1990: Karin Kschwendt schlägt in der dritten Runde gegen Martina Navratilova auf, die sich auf dem Weg zu ihrem letzten Einzeltitel bei einem Grand-Slam-Turnier nicht aufhalten lässt und mit 6:1, 6:1 siegt.
    foto: votava

    Wimbledon 1990: Karin Kschwendt schlägt in der dritten Runde gegen Martina Navratilova auf, die sich auf dem Weg zu ihrem letzten Einzeltitel bei einem Grand-Slam-Turnier nicht aufhalten lässt und mit 6:1, 6:1 siegt.

  • neibaf3

    Paris 1994: Karin Kschwendt verliert in der dritten Runde gegen die Kroatin und spätere French-Open-Siegerin Iva Majoli.

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