"Es gilt, die Galligkeit zu bekommen"

Interview18. März 2017, 11:05
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Österreichs Fußballnationalmannschaft trifft am 24. März in der WM-Quali in Wien auf die Republik Moldau. Teamchef Marcel Koller setzt auf Angriff und neue Reize. Guido Burgstaller ist kein Messias

STANDARD: Können Sie ein paar Gründe nennen, warum es Österreich doch noch zur WM nach Russland schafft?

Koller: Der Abstand ist nicht so groß. Sechs Punkte Rückstand auf den Ersten sieht zwar ein bisserl weit aus, auf den Zweiten sind es vier. Der Start verlief unglücklich, wir hätten auch viermal gewinnen können, es sind leider nur vier Zähler geworden. Ich bin von dieser Mannschaft nach wie vor überzeugt. Sie hat die Qualität, anzugreifen und wieder auf die Siegerstraße zurückzukehren.

STANDARD: Falls nicht. Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie nach der Qualifikation aufhören oder aufhören müssen? Der Vertrag läuft ja aus.

Koller: Mit dem beschäftige ich mich nicht. Ich habe nur Moldawien im Kopf und werde versuchen, den Spielern einzuheizen, sie so einzustellen, dass wir erfolgreich sein können. Es sind noch sechs Spiele in der Quali, da bin ich nach jetzigem Stand dabei.

STANDARD: Vier Monate haben Sie die Mannschaft nicht gesehen, man ist im nach negativen Erlebnissen auseinandergegangen. Teamchef zu sein bedeutet auch, immer wieder neu zu beginnen, oder?

Koller: Ja, aber wir kennen die Situation. Der eine spielt, der andere nicht, der eine ist in Form, der andere sitzt auf der Tribüne. Die meisten, die dabei sind, haben das schon erlebt, all das wurde immer wieder besprochen. Jetzt haben wir das Hotel gewechselt, um auch da einen neuen Reiz zu setzen. Es gilt auf dem Platz die Giftigkeit und Galligkeit zu bekommen, um wieder Siege einzufahren. Das ist entscheidend.

STANDARD: Es bedarf also neuer Reize. Andere Hotelbetten können wohl nicht die Lösung sein, sucht man da nicht verzweifelt nach Strohhalmen?

Koller: Man braucht neue Reize. Die Fragen sind: wie, wann, wo? Läuft es rund, muss man nicht alles auf den Kopf stellen.

STANDARD: Kapitän Julian Baumgartlinger hat in einem Interview mit dem Standard gesagt, dass es im Moment des Erfolgs verpasst wurde, den nächsten Schritt zu setzen. Man brauche jetzt den Weitblick, den man möglicherweise zuvor nicht hatte. Stimmt das?

Koller: Er sagte aber nicht, was zu tun gewesen wäre. Die Ergebnisse waren nicht zufriedenstellend, auch weil die Erwartungshaltung riesig war.

STANDARD: Trotzdem. Gibt es den nächsten Schritt? Sie haben nach dem bescheidenen Jahr 2016 gesagt, alle müssten sich in den Hintern kneifen. Ist das passiert, und reicht das?

Koller: Ich kann das schwer beurteilen, weil es jeder Einzelne für sich selbst beantworten muss. Wir können nur darauf Einfluss nehmen, was wir sehen. Vielleicht haben wir in der Vergangenheit die Zügel etwas schleifen lassen.

STANDARD: Haben Sie sich in den Hintern gekniffen?

Koller: Ja, ich habe mich hinterfragt, eine Analyse gemacht.

STANDARD: Ist die Annahme richtig, dass sie das Ergebnis für sich behalten wollen?

Koller: Ja, völlig richtig, das bleibt bei mir. Jeder hat persönliche Erfahrungen mitgenommen, jeder kann aus dem Negativen lernen, sofern er die richtigen Schlüsse daraus zieht.

STANDARD: Soll man während eines laufenden Bewerbs überhaupt groß umbauen, oder ist Ihr Vertrauen ins alte Personal unerschütterlich?

Koller: Nein. Es geht immer darum, die aktuell besten Spieler auszusuchen. Das ist natürlich eine subjektive Sache.

STANDARD: Sind Systemänderungen denkbar? Ist die Umstellung in der Abwehr auf eine Dreierkette ein Ansatz, zumal es kein Überangebot an Außenverteidigern gibt?

Koller: Ich muss spüren, ob die Spieler das verstehen und umsetzen, da verlasse ich mich auf mein Gefühl. Wenn man nie etwas anderes versucht, kann man nichts Neues lernen, keinen Schritt weitergehen. Beim Nationalteam sind die Besten eines Landes versammelt, da dauert es nicht so lange, etwas einzuüben. Mit unserem bisherigen System haben wir ja auch einmal begonnen. Ob es zweigleisig laufen kann, ist auch vom Gegner abhängig. Gegen Moldawien müssen wir versuchen, anzugreifen, Druck zu entwickeln. Ob mit zwei, drei oder fünf Stürmern ist nicht entscheidend.

STANDARD: Die Öffentlichkeit neigt dazu zu übertreiben. In Guido Burgstaller wird bereits der Messias gesehen. Muss man davor warnen?

Koller: Das müssen Sie mir sagen.

STANDARD: Ja, man muss.

Koller: Okay, dann reden Sie mit ihren Kollegen. Es wird schon wieder über einen WM-Retter geschrieben. Er hat für uns neun Spiele gemacht, ohne zu treffen. Ich wäre froh, wenn er den Lauf von Schalke mitnimmt, er wird herzlich empfangen. Wir können nicht davon ausgehen, dass er uns zwei oder drei Buden schießt. Sollte er es machen, jubeln wir alle. Ihn als Retter zu bezeichnen ist vor allem für ihn nicht gut.

STANDARD: Burgstaller hat das Image eines Kampfschweins. Taugen Ihnen Leute mit so einer Mentalität, braucht das Team elf Kampfschweine?

Koller: Es braucht Leidenschaft und vor allem Qualität. Mit Kampfschweinen ohne Qualität kommst du nicht weit. Technik, Schnelligkeit, gute Wahrnehmung und Torriecher zählen.

STANDARD: Inwieweit planen Sie im Voraus, wohl wissend, dass Ihre Zukunft völlig offen ist. Wird Burgstaller als Alternative zu Marc Janko aufgebaut? Es gibt auch noch Michael Gregoritsch in der Hinterhand. Oder geht es allein darum, zu punkten, um nach Russland zu fahren?

Koller: Es läuft zweigleisig. Wir müssen gucken, wer international Tore schießen kann.

STANDARD: Hat Österreich eine Tormannkrise? Robert Almer ist langzeitverletzt, Ramazan Özcan ist spontan zurückgetreten.

Koller: Österreich hatte Torhüter, die Geschichte geschrieben haben. Seit ich hier bin, gab es Almer, der immer da war, obwohl er beim Verein oft Reservist war. Wir beobachten alle. Es hat sich noch keiner so richtig durchgebissen.

STANDARD: Waren die familiären Gründe von Özcan vorgeschoben?

Koller: Nein. Ein Rücktritt reift bei einem Spieler und ist immer wohlüberlegt.

STANDARD: Moldau ist die Nummer 162, Testspielgegner Finnland auf Rang 99. Österreich liegt in der Weltrangliste an 34. Stelle. Kann man sagen, alles andere als zwei Siege wären eine bittere Enttäuschung?

Koller: Nein, das verbietet die Demut. Die Gegner kommen auch her, um zu gewinnen. Gegen Moldawien war es schon in der letzten Qualifikation sehr eng. Die standen hinten drin, wir sind angerannt. Wir brauchen Geduld. Es wäre hochnäsig, zu sagen, wir fahren drüber. Moldawien ist absolut kein Kanonenfutter.

STANDARD: Muss gruppendynamisch etwas passieren? In jeder Beziehung gibt es Abnützungserscheinung, fünfeinhalb Jahre sind ja eine kleine Ewigkeit.

Koller: Ja, das muss ständig beobachtet werden. Wie ist der Umgang untereinander, passt das noch? Man kann nichts laufen lassen, jede Beziehung ist Arbeit.

STANDARD: Unter welches Motto stellen Sie 2017?

Koller: Angriff. (Christian Hackl, 18.3.2017)

Marcel Koller (56) ist seit November 2011 ÖFB-Teamchef. In der WM-Quali wurden in vier Partien erst vier Zähler geholt. Am 24. März soll gegen Moldau die Aufholjagd starten. Vier Tage später wird in Innsbruck gegen Finnland getestet.

  • Marcel Koller ist von seiner Mannschaft überzeugt.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Marcel Koller ist von seiner Mannschaft überzeugt.

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