"Was für ein Arschloch": Florian Freistetter nimmt Newton auseinander

17. März 2017, 16:05
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Eine etwas andere Biografie gibt auch Einführung in wichtigste wissenschaftliche Erkenntnisse

Wien – Um vorweg kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Der Wissenschaftsjournalist, derStandard.at-Blogger und "Science Buster" Florian Freistetter bewundert den Physiker Isaac Newton "wie fast keinen anderen Wissenschaftler der Vergangenheit". Das ändert aber nichts daran, dass er gewisse Vorbehalte gegenüber der Persönlichkeit des Erfinders des Gravitationsgesetzes hat. Diese schildert er in seinem Buch "Newton – Wie ein Arschloch das Universum neu erfand".

"Was für ein genialer Wissenschaftler. Und was für ein Arschloch" – so gibt Freistetter bereits am Ende der Einleitung die Stoßrichtung vor. Anschließend schildert er Newton als kompromisslosen Nerd auf einem Ego-Trip, der als Chef dem Protagonisten der TV-Serie "Stromberg" gleicht bzw. diesen als Ekelpaket sogar noch übertrifft. Oder als nachtragenden, in bis aufs Blut ausgetragene wissenschaftliche und private Streitigkeiten verwickelten mimosenhaften Rechthaber.

Kritikresistenter Schöpfer der Gravitationstheorie

Gleichzeitig lässt Freistetter die wichtigsten Forschungsarbeiten und Erkenntnisse Newtons immer wieder anklingen – sei es die Entwicklung der Gravitationstheorie (samt Aufklärung der Missverständnisse um den berühmten Apfel und dessen Bedeutung) oder die Konstruktion seines Spiegelteleskops. In diese bzw. den Umgang mit diesen lässt er immer wieder die Charakterschwächen des Wissenschafters einfließen – etwa seine Kritikresistenz in der Diskussion seiner Forschungen.

Oder seinen Hang zu Intrige und Auseinandersetzungen. In seinen letzten Lebensjahren als Beamter der Münzprägeanstalt habe Newton kaum noch Muße für Forschung gehabt, konstatiert Freistetter: "Für einen ordentlichen Streit konnte er aber anscheinend immer Zeit erübrigen." Exemplarisch dafür nimmt er sich die als Prioritätsstreit bekannte Auseinandersetzung mit Gottfried Wilhelm Leibniz vor.

Im Kern ging es dabei darum, wer von den beiden als erster die Grundzüge der Infinitesimalrechnung entwickelt – also im Endeffekt die heutige Differential- bzw. Integralrechnung begründet hat. Es folgten jahrelange Streitereien um Plagiate, selbst verfasste anonyme Lobreden auf die eigene Arbeit bzw. selbst verfasste und anderen untergeschobene kritische Kommentare zum Werk des anderen.

Bibel, Alchemie und Esotherik

An anderer Stelle vergleicht Freistetter seinen Protagonisten mit dem Pseudowissenschafter Erich von Däniken: Newton beschäftigte sich – durchaus nicht untypisch für seine Zeit – auch mit heute als esoterisch geltenden Fragestellungen. Mindestens genauso wichtig wie die Naturwissenschaften seien ihm Bibelauslegung, religiöse Chronologie, Alchemie und Prophezeiungen gewesen. In Newtons Privatbibliothek fanden sich fast 500 Bücher über Theologie, aber nur 52 über Physik. Die Texte in seinem Nachlass umfassten rund drei Millionen von ihm geschriebene Worte, fast die Hälfte davon zu Theologie und Religion, 650.000 widmete er der Alchemie. (APA, 18.3.2017)


Zum Thema
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Termin
Buchpräsentation am 17. März, 19.00 Uhr in der Buchhandlung Thalia
Landstraßer Hauptstraße 2a/2b, 1030 Wien

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