Sammlung Essl und Albertina: Bilder mit Streitwert

Analyse18. März 2017, 12:00
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Die Albertina hat sich mit der Übernahme der Sammlung Essl weit von ihrer Kernkompetenz entfernt. Kritiker bemängeln Sinn und Abwicklung des Deals

Es rumort in der Wiener Museumsblase. Denn mitten in einem laufenden Reformprozess der Bundesmuseen haben Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ), Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder und Investor Hans Peter Haselsteiner einen Deal in trockene Tücher gebracht, der drängende Fragen über die Gestaltung künftiger Museumspolitik aufwirft.

Wie weit darf oder muss die Verquickung privater Sammlerinteressen und staatlicher Museen gehen? Welche Risiken birgt es, viel Steuergeld für Dauerleihgaben aufzuwenden, die nach 25 Jahren aus dem Museum abgezogen werden könnten? Und wie verwaschen werden die Profile der Museen, wenn die Direktoren ihre Sammlungspolitik nicht untereinander absprechen?

Absage an Essl

Der Deal, um den es geht, hat eine Vorgeschichte: Er beginnt im Frühjahr 2014 mit wirtschaftlichen Turbulenzen der Baumax-Kette und Karlheinz Essls Versuchen, die 4900 Werke umfassende Kunstsammlung vor dem Zugriff der Gläubiger zu bewahren und der öffentlichen Hand anzudienen. Die Republik erteilte dem Ankauf eine klare Absage. Im Herbst fand sich mit Investor Haselsteiner ein Retter, der einen Überbrückungskredit gewährte und die Gläubiger mit 117 Millionen Euro abfand.

Die Sammlung wurde in eine neue Besitzgesellschaft überführt (Haselsteiner 60 Prozent, Essl 40) und der Kredit seither über Verkäufe von rund 300 internationalen Kunstwerken teils refinanziert. Die im Sommer 2016 erfolgte Schließung des Essl-Museums könnte rückblickend bereits im Herbst 2015 Thema gewesen sein. Schauplatz war das Künstlerhaus, das seit Jahren einer Sanierung bedurfte, wofür die Stadt kein Budget aufbringen konnte.

So kam eines zum anderen: Albertina-Chef Schröder und Haselsteiner brachten sich ins Spiel, der eine finanziert die derzeitige Sanierung (ca. 30 Mio. Euro) und künftige Betriebskosten (700.000 p. a.), der andere zeichnet auf dieser neuen Spielwiese für das künstlerische Programm verantwortlich. Welche Rolle die Sammlung Essl dabei spielt, wurde Mitte Februar bekannt, als die Albertina diese, jetzt noch mit 4600 Werken bestückt, bis 2044 als Dauerleihgabe übernahm.

Dafür muss die jährliche Basissubvention (derzeit 7,7 Millionen) um vorerst 1,1 Millionen Euro erhöht werden. Ein Gutteil davon entfällt auf Depotkosten in Klosterneuburg, dazu werden bis zu vier Mitarbeiter der SE Sammlung Essl GmbH übernommen, deren bisherige Geschäftsführerin Elisabeth Dutz etwa als Kuratorin.

"Win-win-Situation"

Für Schröder decken diese 1,1 Millionen gerade den laufenden Betrieb. Geht es nach seinen Ansprüchen, bedarf es "vieler wechselnder Ausstellungen", die weitere Kosten verursachen. Er hofft auf 2,3 Millionen jährlich. Auf die vereinbarte Leihdauer von 27 Jahren hochgerechnet geht es inklusive absehbarer Erhöhungen um zumindest zugesicherte 35 oder um bis zu 70 Millionen Euro an Steuermitteln. Deshalb hatte sich das Finanzministerium gegen diesen Deal ausgesprochen.

Kulturminister Drozda bezeichnete die Kooperation als "Win-win-Situation". Kritiker sehen das anders. Nicht nur aufgrund des Kostenfaktors, sondern auch die Quantität des Essl-Bestands betreffend.

So erstrebenswert die Aufstockung mit österreichischer Kunst nach 1945 aus Schröders Sicht auch gewesen sein mag – der Bund kann hier längst aus dem Vollen schöpfen, hält der Museumsfachmann Dieter Bogner auf Anfrage dagegen: Mumok und Belvedere verwahren je 5000 Werke aus diesem Segment, die Artothek des Bundes verfügt über weitere 36.000 (4000 davon als Leihgabe in der Albertina), jene der Stadt Wien über weitere 40.000.

Fragwürdiger Kunsthandel

Rein rechnerisch ergibt das 86.000 Kunstwerke, "mit denen man das Künstlerhaus über Jahrzehnte bespielen könnte", versichert Bogner. Es sei genau genommen nicht einzusehen, dass Steuerzahler für Kosten wie Aufbewahrung, Organisation und Bearbeitung aufkommen sollen, die für Privatleihgaben anfallen. Bei Essl kommen aufgrund der Lagerung in Klosterneuburg noch Versicherungskosten hinzu.

Tatsächlich ersparen sich Privatsammler über das Modell Dauerleihgabe viele Kosten und profitieren zeitgleich von der dem Museum überlassenen Wertschöpfung. Am Beispiel der Albertina kann man das erklären: Die Bestände aus Dauerleihgaben wie Batliner oder Forberg werden nicht nur im eigenen Haus gezeigt, sondern auch dem internationalen Leihverkehr zugeführt. Und wenn Georg Baselitz drei seiner Werke aus der "Remix"-Serie, eine Dauerleihgabe der Gebrüder Viehof (bis 2022), bei einer Ausstellung präsentiert wissen will, dann wird das selbstverständlich organisiert.

Die Relevanz von Dauerleihgaben für die Albertina spiegelt sich teils auch im Ausstellungsprogramm, dessen Gewichtung sich in den vergangenen fünf Jahren deutlich Richtung zeitgenössische Kunst verschob: mit 34 von insgesamt 54 Ausstellungen, darunter solche zu Erwin Wurm, Gunter Damisch, Sonja Gangl, Karl Prantl oder Arnulf Rainer, für die Galerien oder die Künstler selbst die Exponate beistellten. Der Verdacht kaschierter Verkaufsausstellungen liegt nahe und könnte auch im Fall der Sammlung Essl Anwendung finden.

Denn Verkäufe sind vereinbart. Sie müssen die noch offenen Schulden von 40 Millionen Euro decken und sollen Neuankäufe finanzieren. Hinter den Kulissen der Albertina wird künftig also ein Kunsthandel betrieben, für den der Bund nicht nur die Infrastruktur subventioniert, sondern auch Zusatzkosten übernimmt. Dieter Bogner hält das "für rechtlich und museumsethisch fragwürdig".

Wenig Sympathie für Dauerleihgaben

Klaus Albrecht Schröder sieht das anders und verwies im Magazin "Profil" auf die internationale Usance des "Deaccessioning". Damit "bereinigen" amerikanische Museen ihre Bestände und stocken über Verkäufe ihre Budgets auf. Dort unterliegt man allerdings auch keiner Museumsordnung, die der "wissenschaftlichen Anstalt" einen "ausschließlich gemeinnützigen Zweck" vorschreibt. Zumal es im Falle Essls um Privat- und nicht um Bundesbesitz geht.

Die von Kritikern monierte Verwässerung der Profile durch Überschneidungen im Programm sieht Schröder gelassen. Dass sich die Bedürfnisse der Besucher nicht am Museumsgesetz orientierten und das ein "merkwürdiger bürokratischer Zugang" sei, betont er im STANDARD-Gespräch.

Schröders Vertrag läuft Ende 2019 aus. Theoretisch. Praktisch wird sich die Frage einer Nachfolge schon bald stellen. Sollte er von Drozda bezüglich einer Verlängerung gefragt werden? Nun, nur so viel: Im Hinblick auf den Essl-Deal sei ihm bewusst, dass er "damit ein großes Rad gedreht habe, für das ich auch Verantwortung übernehmen muss".

Was seine Kolleginnen offiziell zur Essl-Dauerleihgabe meinen? Stella Rollig (Belvedere) hält "den Status als Leihgabe für problematisch" und ist gespannt darauf, "ob sich aus diesem Bestand im Künstlerhaus dauerhaft ein attraktives Programm gestalten lässt".

Karola Kraus (Mumok) ist wiederum keine Freundin des Dauerleihgaben-Prinzips. Sie habe all jene, "die in Zukunft zu keiner Schenkung führen", retourniert, "um Kosten für Lagerung und Konservierung einzusparen". Hinter vorgehaltener Hand stießen sich viele auch an der versäumten Absprache zwischen den Direktoren hinsichtlich des Essl-Deals, da dieser, wie Bogner freimütig erklärt, die anstehende Museumsreform torpedieren würde.

Reform auf der Kippe

Die hatte Drozda infolge der Compliance-Verstöße von Ex-Belvedere-Chefin Agnes Husslein-Arco angekündigt. Fix geplant sind etwa einheitliche Compliance-Bestimmungen. Auch gemeinsame Ticketangebote werden derzeit diskutiert.

Vom Tisch sein dürften hingegen die Idee einer übergeordneten Holdingstruktur und ein Eingriff in die Sammlungen. Der Direktorenkonferenz schwebt zumindest eine tiefere Abstimmung in ihrem Gremium, möglicherweise unter personeller Einbindung des Ministeriums, vor. Davon gesprochen wurde häufig, gelebt wird es bis dato kaum, wie der Essl-Deal zeigt.

Auch eine externe von Drozda beauftragte Expertengruppe um den ehemaligen Mumok-Chef Edelbert Köb reagierte irritiert über den museumspolitischen Paukenschlag. Köb fordert seit jeher enge Absprachen zwischen den Direktoren und eine konsistente Gesamtstrategie für die Museen. Ohne Alleingänge.

Wird aus der Reform, von der in Wien seit 20 Jahren geredet wird, wieder nur ein Reförmchen? Eine Beruhigungspille nach der Causa Husslein? Im April wird Minister Drozda ein Ergebnis vorlegen. (Olga Kronsteiner, Stefan Weiss, 18.3.2017)

  • Den Wert der einst 4900 Werke umfassenden Sammlung Essl bezifferten Experten mit 130 bis 160 Millionen Euro. Rund 300 Werke internationaler Künstler wurden seit 2014 zur Tilgung des Kredits verkauft, teils für weniger als erhofft.
    foto: albertina, h. eisenberger

    Den Wert der einst 4900 Werke umfassenden Sammlung Essl bezifferten Experten mit 130 bis 160 Millionen Euro. Rund 300 Werke internationaler Künstler wurden seit 2014 zur Tilgung des Kredits verkauft, teils für weniger als erhofft.

  • Der Schwerpunkt der nun als Dauerleihgabe der Albertina überlassenen Kollektion liegt bei österreichischer Kunst (3200 Exponate), darunter Hermann Nitschs "Kreuzwegstation" (1988).
    foto: mischa nawrata, albertina: sammlung essl

    Der Schwerpunkt der nun als Dauerleihgabe der Albertina überlassenen Kollektion liegt bei österreichischer Kunst (3200 Exponate), darunter Hermann Nitschs "Kreuzwegstation" (1988).

  • Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder und Kunstsammler Karlheinz Essl im Depot des einstigen Essl-Museums in Klosterneuburg.
    foto: apa / roland schlager

    Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder und Kunstsammler Karlheinz Essl im Depot des einstigen Essl-Museums in Klosterneuburg.

  • Im Oktober 2014 kamen in London 44 Werke aus der Sammlung Essl zur Versteigerung. Das Auktionshaus hatte im Vorfeld einen Erlös von 60 Millionen Euro garantiert, womit Essl einen Teil des Haselsteiner-Kredits tilgen konnte. Tatsächlich spielte die Auktion nur gut 50,7 Millionen Euro (exkl. Aufgeld) ein und entpuppte sich diese Episode für Christie’s als Minusgeschäft. Einige der damals offiziell verkauften Werke fanden sich später im Angebot anderer Auktionen – mit Rabatten von bis zu 60 Prozent.
    cover: christie's / scan

    Im Oktober 2014 kamen in London 44 Werke aus der Sammlung Essl zur Versteigerung. Das Auktionshaus hatte im Vorfeld einen Erlös von 60 Millionen Euro garantiert, womit Essl einen Teil des Haselsteiner-Kredits tilgen konnte. Tatsächlich spielte die Auktion nur gut 50,7 Millionen Euro (exkl. Aufgeld) ein und entpuppte sich diese Episode für Christie’s als Minusgeschäft. Einige der damals offiziell verkauften Werke fanden sich später im Angebot anderer Auktionen – mit Rabatten von bis zu 60 Prozent.

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