Ein Tinder für Arme und Schiache

Kolumne17. März 2017, 13:30
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Soziale Stratifizierung, leicht gemacht

Das Web ist eine Erfindung mit großen therapeutischen Möglichkeiten. Anfälle von Misanthropie lassen sich durch das Ablaichen von seelisch entlastenden Hasspostings kurieren. Lästige Arztrechnungen erspart man sich, indem man neu auftretende Symptome sofort mit Google-Unterstützung autodiagnostiziert ("Aha, die Hyperkeratose und die Rhagaden deuten klar auf ein allergisches Kontaktekzem hin"). Auch an Mitteln zum Aufpimpen eines womöglich brachliegenden Sexuallebens herrscht kein Mangel. Die App hierfür ist Tinder.

Tinder leistet all jenen Angestellten gute Dienste, die in der Mittagspause Besseres zu tun haben, als sich in Gesellschaft öder Kollegen fade Kantinenpampe einzuverleiben. Die erotischere Alternative ist es, sich eine Tinder-Bekanntschaft in der Umgebung aufzureißen und mit ihr (bzw. ihm) nach Herzenslust zu schnäbeln, zu herzen, zu kosen und zu wetzen. Das verbessert nebenher die Kalorienbilanz und ist im Sinn der Arbeitgeber, die es mögen, wenn Werktätige nach der Mittagspause befriedigt ins Büro zurückkommen.

Beutel voll Gold

Kürzlich ist bekannt geworden, dass es nicht nur das jedermann zugängliche Wald-und Wiesen-Tinder gibt, sondern auch ein Luxus-Tinder namens Tinder Select. Tinder Select steht ausschließlich den Reichen und Schönen offen. Wer daran teilhaben will, muss sich von einem Clubmitglied bestätigen lassen, dass er einen Beutel voll Gold sein Eigen nennt. Der Krisenkolumnist vermutet stark, dass sich Karl-Heinz Grasser und Fiona nur über Tinder Select kennengelernt haben können.

Die Idee der sozialen Stratifizierung von Tinder ist ganz ausgezeichnet, zumal sie peinlichen Date-Pannen vorbeugt, die dann entstehen, wenn eine Wirtschaftsanwältin mit Theresianumshintergrund auf einen Polytechnikumsprolo stößt, der die Details seiner sieben vorangegangenen Liaisonen samt Herzen und Schwertern auf den Oberarmen tätowiert hat ("Janine, 24. 9. 2013 bis 4. 3. 2014").

Einbeiniger Mindestsicherungsbezieher

Was definitiv noch fehlt, ist ein Tinder für die Armen und Schiachen, mit typischen Anbandelungsphrasen wie "Einbeiniger Mindestsicherungsbezieher mit Mundgeruch und fast völlig ausgeheiltem Tripper sucht nette Frau für heißen Sex." Der Arbeitstitel "Tinder Ruaß" böte sich an. Es ist gut, wenn man nicht nur im richtigen Leben, sondern auch im Web weiß, wo man gesellschaftlich steht. (Christoph Winder, Album, 17.3.2017)

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