Rundschau: Kommt ein UFO geflogen

Ansichtssache8. April 2017, 10:00
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H. G. Wells: "Die Zeitmaschine" & "Der Krieg der Welten"

Gebundene Ausgaben, 237 bzw. 303 Seiten, € 20,60 bzw. € 22,70, Fischer 2017 (Original: "The Time Machine", 1895 & "The War of the Worlds", 1898)

Für unsere Reihe "Lesen wir doch mal wieder einen Klassiker" tun sich hier gleich zwei hervorragende Gelegenheiten auf: Der Fischer-Verlag hat vor kurzem die beiden vermutlich bekanntesten Romane von H. G. Wells in neuer Übersetzung wiederveröffentlicht. Und ob es nun an der liegt oder an Wells' erzählerischem Vermögen: Beide lesen sich nach wie vor frisch. Vor allem "Der Krieg der Welten" verblüfft mit seinem Tempo – das würde man sich auch von so manchem heutigen SF-Autor wünschen!

Dass Wells nicht nur originelle Ideen hatte, sondern es auch verstand, diese gekonnt rüberzubringen, zeigen überdies einige tendenziell humorvolle Kurzgeschichten, die der Ausgabe von "Krieg der Welten" angefügt sind. "Der denkwürdige Fall von Davidsons Augen" dreht sich um einen Mann, der nach einem [insert Handwaving-Erklärung here]-Unfall blind für seine Umgebung ist, weil seine Augen nun das sehen, was sich gleichzeitig auf der anderen Seite der Erde abspielt. Diese Erzählung würde sich, was Idee und Umsetzung anbelangt, noch heute in jedem aktuellen Best-of-Kurzgeschichten sehr gut machen. Ähnlich gelungen ist "Das Land der Blinden", in dem ein Mann ein Tal erreicht, dessen BewohnerInnen keine Augen mehr haben. Er reibt sich schon die Hände, weil der Sehende bekanntlich der Blinden König ist ... doch da hat er sich sauber verrechnet, wie sich zeigen wird.

Paarlauf der Klassiker

Aber zurück zu den beiden Haupterzählungen, deren Handlung man als bekannt voraussetzen darf. Faszinierend sind die vielen Parallelen zwischen diesen zwei Klassikern. Das fängt schon damit an, dass beide mit der Zeitreise respektive der Alien-Invasion ein bis heute fix zum SF-Repertoire gehörendes Subgenre mitbegründet haben. Und anders als die meisten Werke des anderen "Vaters der Science Fiction", Jules Verne, sind sie auch bis heute pure SF geblieben.

Beide teilen auch das Los, dass sie mehr Menschen über ihre Filmadaptionen als über die Romanform selbst bekannt sein dürften. Das heißt wiederum in beiden Fällen eine zum Kultklassiker gewordene Version aus der Mitte des 20. Jahrhunderts ("The War of the Worlds" 1953 und "The Time Machine" 1960) sowie jeweils eine aus dem neuen Jahrtausend (2005 bzw. 2002), auf die die Reaktionen etwas gemischter ausfielen. Interessanterweise fühlten sich auch in beiden Fällen die Macher der Neuverfilmungen bemüßigt, den Stoff mit Human Drama anzureichern: Steven Spielberg versah seinen Weltenkrieg wieder mal mit einer Vater-Sohn-Kiste und in der "Time Machine"-Schnulze von Simon Wells zog der Zeitreisende gar los, um seine Verlobte zu retten.

Mit Wells hatte das alles nicht mehr viel zu tun. Der war bekannt dafür, auf die zwischenmenschlichen Aspekte keinen besonderen Wert zu legen (bezeichnendes Indiz: in beiden Romanen tragen die meisten Figuren keinen Namen – nicht einmal die beiden Ich-Erzähler!). Seine Protagonisten spiegeln dies in ihren Motivationen klar wider: Der Zeitreisende zieht nämlich aus reiner Neugier los. Und der Erzähler von "Krieg der Welten" äußert zwar ein paar Lippenbekenntnisse über die Sorge um seine (ebenfalls namenlos bleibende) Ehefrau. In Wirklichkeit stellt er sie aber kurzerhand bei Verwandten ab und bricht geradezu begeistert in Richtung marsianische Invasionsarmee auf, um Katastrophen schauen zu gehen.

Blaupause des Genres

Wie einflussreich die beiden Erzählungen waren, zeigt sich an den zahllosen Variationen ihres Stoffs, die seitdem in Literatur und Film erschienen sind. Insbesondere "Krieg der Welten" hat geradezu eine Blaupause für sein Subgenre geschaffen, was den Ablauf betrifft: Erst wird ein mysteriöses Phänomen am Himmel gesichtet, dann stehen alle staunend und spekulierend um ein gelandetes Objekt herum. Es folgt der Schock einer ersten Gewaltexplosion. Dann sammelt sich voller Trotz und Zuversicht die Gegenwehr, im Roman herrlich mit diesen Worten karikiert: So ähnlich mochte sich ein ehrbarer Dodo auf Mauritius in seinem Nest aufgespielt haben, als er die Ankunft jenes Schiffs kommentierte, dessen erbarmungslose Besatzung nach tierischer Kost gierte. "Wir werden sie morgen zu Tode picken, meine Liebe." Die Gegenwehr zerbricht, es folgen Chaos und Entsetzen, das Wandern durch postapokalyptische Landschaften ... und nach all dem dann irgendwie doch noch ein Happy End.

Motivgeschichtlich interessant auch, wie man im Originaltext einige Details findet, die in den Verfilmungen – in mutierter Version – als beeindruckende Regieeinfälle erscheinen; beispielsweise der zerstörte Zug oder das Auftauchen der marsianischen Dreifüße über der Baumlinie in Spielbergs "Krieg der Welten". In der "Zeitmaschine" wiederum fand ich die eher koboldhaft beschriebenen Morlocks nie so spannend wie die riesigen Krebse, denen der Zeitreisende bei einem Trip in die fernste Zukunft begegnet, wo sie sich scherenklackernd durch die Gezeitenzone einer sterbenden Welt schleppen. Auch diese Verkörperungen des Niedergangs sind seitdem immer wieder im Genre aufgetaucht – denken wir nur an die "Lobstrosities" in Stephen Kings Saga vom Dunklen Turm.

Dauerthema Evolution

Im Anhang der Neuausgabe der "Zeitmaschine" finden sich gleich mehrere Texte zum Thema Evolution: einem der zentralen Punkte in Wells' Schaffen, insbesondere in diesen beiden Romanen. Die Biologie wird dabei stets mit der Soziologie verknüpft. So hat sich die Gesellschaft des Jahres 802.701 in "Die Zeitmaschine" in die kindlich-arglosen Eloi und die kannibalischen Morlocks aufgespalten. Das war aber keine zufällige Entwicklung, sondern eine Fortsetzung des von Wells antizipierten Trends der zunehmenden Aufspaltung von – wortwörtlich – Ober- und Unterschicht. Hier hat der Klassenkampf Biss.

In "Krieg der Welten" wiederum wird die Evolution nicht nur in Form der Mikroben, die die marsianischen Invasoren letztlich zur Strecke bringen, zum Akteur. Auch die Marsianer selbst sind nicht einfach irgendwelche Weltraumkraken. Ihnen wird eine – zugegebenermaßen abenteuerlich konstruierte – Abstammung von ursprünglich menschenähnlichen Wesen attestiert, die mit zunehmendem Grad an Technisierung alles "Überflüssige" wegentwickelten, bis sie letztlich kaum mehr als Gehirne mit ein paar Restfortsätzen waren. Ähnliches prognostizierte Wells der Menschheit in ferner Zukunft, wie die Evolutionstexte im "Zeitmaschine"-Anhang zeigen. Beide Bücher sind übrigens mit exzellenten Nachwörtern versehen, in denen Elmar Schenkel Wells' Werke in den zeitgenössischen Kontext stellt.

Kalt und immer kälter

In "Die Zeitmaschine" sind es Klassenkonflikte, die im Umweg über die Evolution auf die fast schon satirische Spitze getrieben werden. In "Krieg der Welten" ist es der Kolonialismus. Nüchtern verweist Wells (bzw. sein Erzähler) auf Beispiele aus der menschlichen Geschichte: In einem Ausrottungskrieg der europäischen Einwanderer wurden die Tasmanier trotz ihrer Zugehörigkeit zur Menschheit im Zeitraum von nur fünfzig Jahren vollständig vom Antlitz der Erde getilgt. Sind wir solche Apostel der Barmherzigkeit, dass wir uns beklagen dürfen, wenn die Marsianer uns im selben Geiste bekriegten? Später schreibt er sogar wortwörtlich von der Schreckensherrschaft des Menschen, die nun eben von einer anderen abgelöst werde. Größer könnte der Kontrast zum Menschenbild von "Independence Day" nicht sein!

Hätten irdische Bakterien nicht das entscheidende Wörtchen mitgeredet, dann wäre es am Ende vielleicht so gekommen, wie es eine weitere namenlose Figur ("der Artillerist") dem Erzähler prognostiziert und mit dieser These auch auffallend unwidersprochen bleibt: Die unterlegene Menschheit werde sich in ihre Rolle als Zuchtvieh der Aliens einleben und sich nach einiger Zeit fragen, wie ihre Ahnen ohne die "Hilfe" der Marsianer überleben konnten – Evolution abgeschlossen. Das ist alles in allem eine sehr kühle Sicht der Dinge und insbesondere des Dings Mensch, die Wells hier auslebt. Kein Wunder, dass die Filmemacher unserer Tage zur Zuckerglasur gegriffen haben.

Wir leben schließlich im Zeitalter der Sequels

Und noch eine letzte Parallele gibt es zwischen diesen zwei Romanen. Die ist zugleich – you saw it coming for a mile – die Überleitung zum nächsten Buch. Beide haben nämlich eine Fortsetzung aus der Feder von Stephen Baxter erhalten. Das grandiose "The Time Ships" ("Zeitschiffe") ist bereits 1995 erschienen. Und heuer zog Baxter mit der Fortsetzung von "Krieg der Welten" nach: "The Massacre of Mankind". Mehr dazu auf der nächsten Seite.

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