Ex-Schlecker-Mitarbeiterin: "Es kam einem Todesurteil gleich"

19. März 2017, 11:00
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Karola Müller arbeitete fast drei Jahrzehnte für Schlecker. Fünf Jahre später steht ihr Ex-Chef vor Gericht. Zeit für einen persönlichen Rückblick

28 Jahre lang arbeitete Karola Müller bei Schlecker in Deutschland. Mit zwanzig Jahren begann sie dort ihre Ausbildung und blieb dem Unternehmen treu. Bis zum Schluss, bis zum "bitteren Ende", wie sie sagt. Kommen sehen habe man die Pleite nicht direkt, auffällig waren aber die teils ausbleibenden Lieferungen. Das begann schon ein Jahr vor der Insolvenz. Dann sei alles sehr schnell gegangen. Und innerhalb weniger Wochen war nichts mehr so wie früher. Schlecker insolvent, Aus für 9.000 Filialen, 25.000 Frauen mit ungewisser Zukunft.

Infos aus dem Radio

"Es war ein Schock", sagt Müller heute. Von der Insolvenz hätten die Mitarbeiter entweder aus dem Radio erfahren oder von den Kunden. "Ihr wissts eh, dass ihr insolvent seids?", wurde sie gefragt. Da war sie gerade bei der Arbeit. Erst dann kam die Mitteilung aus der Firmenzentrale. Schlecht ging es ihr, und immer wieder habe sie sich die Frage gestellt, wie eines der größten Unternehmen Deutschlands, ein Imperium, pleitegehen konnte. In die Arbeitslosigkeit zu schlittern? Nie zuvor war ihr dieser Gedanke gekommen.

Die Schlecker-Filiale im schwäbischen Memmingen-Steinheim schloss im Juni 2012, bereits im November öffnete "Ums Eck". Karola Müller und ihre drei Kolleginnen hatten die Filiale in einen Dorfladen umfunktioniert. Vieles im Geschäft ist gleich geblieben. Die Regale beispielsweise seien noch dieselben wie zu Schlecker-Zeiten. Verkauft werden Drogeriewaren, aber auch Lebensmittel, regionale Produkte, Geschenkartikel bis hin zu rezeptfreien Medikamenten. Ein Dorfladen als Anlaufstelle für die Bewohner. Beim Zusammensitzen gibt's einen"Ratschkaffee" gratis.

"Habe Pleite nicht kommen sehen"

Möglich machte das Ganze der Metzger von nebenan. Er fürchtete Nachteile für sich, wenn es den Schlecker nebenan nicht mehr gäbe, und sprang für die Damen mit dem Startkapital ein. Jetzt ist er ihr Chef. Ihr ehemaliger Chef, Anton Schlecker, hingegen steht seit Anfang März vor Gericht. Es geht um den Vorwurf des vorsätzlichen Bankrotts in mehreren Fällen und der Insolvenzverschleppung. Und auch darum, ob der Ex-Drogeriemarktkönig noch rechtzeitig Vermögen beiseiteschaffen konnte.

Anton Schlecker führte seinen Konzern als "eingetragener Kaufmann". Dank dieser Rechtsform konnte er rund um sein Drogerieimperium vieles geheim halten, bei Kreditvergaben hatte er zudem bessere Karten. Dafür haftete er mit seinem kompletten Privatvermögen für alle Schulden. Die Pleite habe er jedoch nicht kommen sehen, so Schlecker am zweiten Verhandlungstag Anfang dieser Woche. "Das glaube ich ihm sogar", meint Müller. "Wie wir aus Zeitungsberichten immer wieder mitbekommen haben, war er bei bestimmten Dingen offenbar beratungsresistent. Ich denke ernsthaft, dass er überzeugt war, so was könne ihm nicht passieren. Die Zahlen wird er schon gekannt haben, aber sämtliche Warnungen hat er wohl ignoriert."

Kontrollbesuche in den Filialen

Herr und Frau Schlecker seien ja bis zum Schluss in die Verkaufsstellen gekommen – für die teils leeren Regale hätten sie das Personal verantwortlich gemacht. "Als ob wir die Bestellungen nicht richtig tätigen würden." Gewehrt hätten sie sich gegen diese Vorwürfe schon, und Herr Schlecker habe sich entsprechende Notizen gemacht mit dem Versprechen, sich darum zu kümmern.

Geändert habe sich aber nichts. "Eine seltsame Geschichte", meint Müller rückblickend. Mehrmals sei er auch in "ihrer" Filiale aufgetaucht, ein zurückhaltender Mensch. "Er ist durch den Laden gelaufen, hat sich alles angeschaut. Manchmal hat er nach Problemen gefragt, manchmal hat er auch ein bissl geschimpft, wenn was für ihn nicht in Ordnung war. Ein richtiges Gespräch war das nicht." Und dann wieder die Medien. Mitte 2000 seien die Zeitungen voll von Berichten über die Arbeitsbedingungen bei Schlecker gewesen. Für Müller eine tragische Geschichte. Denn die Arbeitskämpfe hätten sechs bis sieben Jahre davor stattgefunden und waren mittlerweile längst beigelegt. Als sich dann die Kunden mit der Belegschaft solidarisieren wollten und die Schlecker-Läden boykottierten, "kam das einem Todesurteil gleich".

Offene Fragen

In der Zentrale hätte man zu der Zeit auf die Außenmitarbeiter hören und die Läden modernisieren und das Konzept dem Markt anpassen sollen. Eines würde sie Anton Schlecker jedenfalls fragen, würde sie ihm noch einmal gegenüberstehen: "Wie kann man jeden Tag in der Firmenzentrale sitzen, ohne mitzubekommen, dass das Unternehmen den Bach runtergeht?" Der Schlecker-Prozess ist bis Oktober anberaumt. Genugtuung würde sie keine verspüren, wenn man das Ehepaar Schlecker ins Gefängnis stecken würde. Müller: "Was mir allerdings sehr wichtig wäre, ist, sollte er wirklich Geld in größerem Umfang beiseitegeschafft haben, dass er das auch zurückgeben müsste. Es sollte in den Topf mit dem Insolvenzgeld, sodass die Leute, denen er noch Geld schuldet, nicht auf ihren Rechnungen sitzenbleiben."

Ihre ehemaligen Kolleginnen aus anderen Filialen vermisse die heute 51-Jährige noch immer. "Wir waren schon so etwas wie eine Schlecker-Familie." Solange das aber mit dem Dorfladen gehe, sei sie mit ihrem jetzigen Leben vollkommen zufrieden. (Sigrid Schamall, 19.3.2017)

  • Schlecker war einmal. Vor fünf Jahren meldete das einstige Imperium Insolvenz an.
    foto: apa/julian stratenschulte

    Schlecker war einmal. Vor fünf Jahren meldete das einstige Imperium Insolvenz an.

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