"Schönste Bücher Österreichs": Alles bleibt besser ...

19. März 2017, 09:00
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Seit mehr als 60 Jahren werden jährlich vom Hauptverband des Österreichischen Buchhandels in Kooperation mit der Kunstsektion des Bundeskanzleramts die "schönsten Bücher Österreichs" gekürt – Anlass für eine Ode an die Sinnlichkeit

Die Frage nach der Relevanz bedruckten Papiers ist im Zeitalter der Digitalisierung eine allgegenwärtige. In periodischen Abständen lamentieren Verleger und Buchhandel über stagnierende, teilweise rückgängige Umsätze. Obwohl die Menschen mehr lesen denn je zuvor. Es ist aber gar nicht notwendig, wieder einmal den Untergang des Abendlandes heraufzubeschwören und larmoyant den Siegeszug der Belanglosigkeit und den Verlust von Stil und Sprachwitz im Zuge der digitalen Schnelllebigkeit zu betrauern. Es geht nur darum, adäquat auf Veränderung zu reagieren. Natürlich bedarf es – in einem Zeitalter der Dauerpenetration durch optische Reizüberflutungen – der Bedienung der Massen. Andererseits darf man sich nicht in innere Emigration begeben, sondern sollte mit Qualität der inhomogenen Masse entgegentreten.

Entgegen den Usancen der allgemein, in der Medien- und noch mehr der Verlagslandschaft im Besonderen, epidemisch grassierenden Entscheidungsallergie, entgegen der larmoyanten Mentalität der mediokren Selbstzufriedenheit, des Sich-zu-Tode-Fürchtens und des Kaputtsparens gilt es, erhobenen Hauptes und aufrechten Ganges, Qualität anzubieten, um dem Verfall der Kultur, der auch immer Synonym für den Untergang einer Gesellschaft ist, die Stirn zu bieten. Es geht wohl darum, sich auf die eigenen (und fremden) Stärken zu besinnen. Wobei es nicht um ein Gegeneinander geht – im Gegenteil -, sondern ein Mit- und Nebeneinander, um eine aktive Entscheidung, was wer wann wo wie in welchem Medium, welcher Form und Umfang Leser und User vermittelt – ohne selbst zum Loser zu mutieren.

Konsum und Alphabetismus

Es bedarf der Expertise, der Einschätzung und der aktiven Selektion punkto Relevanz, Qualität und Quantität durch menschliche Intelligenz, nicht mittels nur nach Quote schielender Algorithmen; inklusive der anonymen Auskotz-Posting-Kloake des weltweiten Neides und Hasses. Das Konsumationsverhalten des p. t. Publikums richtet sich in Wahrheit nach dem Medium, nicht nach des Zauberlehrlings Missgeschick. Im Internet will man Hard Facts erfahren, schnell und aktuell informiert werden – analog zu Radio und TV. Fast News à la Fast Food. Zeitungen, Magazine und Bücher müssen mit Reportagen, Hintergrundberichten, tiefschürfenden Interviews und Analysen einen Mehrwert bieten – ohne Ablaufdatum.

Dazu gehört auch ansprechende Gestaltung. Für Print ist es notwendig, sich der Meriten zu besinnen, das Profil zu schärfen. Dem Inhalt, dem Text, Kunst und Fotografie jenen Raum und die Qualität zu bieten, die dem Präsentierten zusteht, um dem Dargebotenen an Schönheit und Opulenz gerecht werden. Um durch Gestaltung, Cover, Bindung, Lesebändchen, Balance von Text, Fotografie und Illustration, und last, but not least, durch die Haptik ein sinnliches Erleben zu gewährleisten – etwas Bleibendes zu schaffen.

Seit mehr als 60 Jahren werden vom Hauptverband des Österreichischen Buchhandels in Kooperation mit der Kunstsektion des Bundeskanzleramts die "schönsten Bücher Österreichs" gekürt. Allein für das Jahr 2016 beurteilte eine zehnköpfige Jury 174 Bücher, die von 108 Verlagen und Druckern eingereicht worden waren. Prämiert wurden 15 Bücher, drei wurden mit einem mit 3000 Euro dotierten Staatspreis bedacht.

Auffallend dabei, dass es sich nicht um Mainstream, nicht um Bücher namhafter, großer Verlage, sondern eher um exotische, exaltierte Publikationen, die teilweise gar nicht in den Handel kamen, sondern nur einem handverlesenen Publikum vorbehalten waren, handelt. Bei den ausgezeichneten Werken stimmt die Balance von Inhalt und Form, von Haptik und Optik. Inhalte werden spürbar, Gedanken durch Freiräume nachvollziehbar. Man kann Holz förmlich riechen, fühlen, Farbe ertasten, schmecken. Mit Weißraum wird gespielt wie mit Gedanken. Schriftarten setzen Zäsuren und erlauben Verdichtungen.

Geniale Gutenberg-Galaxis

"In Büchern liegt die Seele aller gewesenen Zeit", sagte Thomas Carlyle. Wie es funktionieren kann, zeigen 'mutige' Publikationen, mit perfektionistischem Anspruch, mit limitierten Editionen, signierten Prints. Gerade in einer Periode, in der jede Kaulquappe der Generation Selfie ungefragt, ungebeten und unredigiert ihre kreativen Ergüsse via Web oder mittels Do-it-yourself-Verfahren – unterstützt von als Herausgebern getarnten Providern, die realiter Musik- und Buchverlage aushebeln – irgendwie publik machen, ist jede moralische und monetäre Unterstützung für Kreative, die sich der guten alten Gutenberg-Galaxis, der künstlerischen Buchkunst besinnen, ein Statement. Das analoge Buch wird (noch) nicht auf dem Altar der Marktwirtschaft (© Stefan Gmünder) geopfert – im Gegenteil: Ihm wird ein Heiligenschrein der Qualität und Ästhetik errichtet.

Die aktuelle Situation in der Ära des Postfaktischen, mit dem Vorwurf und Verbreiten von Fake-News, zeigt aber auch die Chance auf, dass es – Trump sei Dank – auch zu einer Stärkung, zu einer regelrechten Renaissance der klassischen Medien, die sich auf Recherche, Qualität, auf Hinterfragen, auf die Suche nach Aufklärung, Suche nach Wahrheit begeben, kommen kann. Mit Recht.

Bleibt final nur zu hoffen, dass es nicht nur bei den verbalen Bekundungen wie bei der charmant und eloquent von Standard-Autor Michael Freund moderierten feierlichen Preisverleihung bleibt, sondern auch reale Auswirkungen zeitigt. Und dass die von Minister Thomas Drozda und Präsident Benedikt Föger zum Ausdruck gebrachte Wertschätzung à la longue nicht doch wieder einer rein utilitaristischen Wertschöpfungskette zum Opfer fällt, und dass über so schwachsinnige, der alles egalisierenden, tagtäglichen Nivellierung nach unten geschuldete Ideen wie jene, das Erlernen der Handschrift in Zukunft nicht mehr zu lehren, der Mantel des Schweigens gebreitet wird.

Und um kurz auf die anfängliche Frage der Relevanz des gedruckten Wortes zurückzukommen, erinnere man sich an Cicero, der da meinte: "Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele." (Gregor Auenhammer, Album, 19.3.2017)

Die drei Staatspreisträger anno 2016:

"aufSÄTZE! – Essays zur Poetik, Literatur und Kunst".

"Schwarz Österreich – Die Kinder afroamerikanischer Besatzungssoldaten".

"The Toolbox is You".

Alle Preisträger 2016 (in alphabetischer Reihenfolge):

Asagan. Neue Geschichte(n)

aufSÄTZE!. Essays zur Poetik, Literatur und Kunst

Die Antwort des Bildes

Eine andere Art von Schönheit

Filmlandschaft Niederösterreich. 20 Jahre Filmförderung

Frida Parmeggiani

In Paradisum

Kunstraum/Schloss Buchberg am Kamp. DVD Edition

Oskar Leo Kaufmann

Richtig Streiten

Sammlung Strasser. Ausgewählte Fossilien

SchwarzÖsterreich. Die Kinder afroamerikanischer Besatzungssoldaten

The Toolbox is You

Topografie der Erinnerung

Wie viel Erde braucht der Mensch?

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die schönsten bücher österreichs

  • "Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die gewaltigste." Dieses Credo Heinrich Heines beweisen aktuell prämierte.
    foto: heribert corn

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  • Alle Preisträger.

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