Digitaler Nachholbedarf: Anwenderkenntnisse reichen nicht

Userkommentar20. März 2017, 18:19
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Die Digitalisierungsstrategie der Bildungsministerin verspricht, Schüler den Umgang mit Software zu lehren. Die tatsächliche Herausforderung wäre aber, sie "Computational Thinking" zu lehren

Es ist ein Anfang: Tablets, Laptops und WLAN sollen zukunftsorientierten Wind in Österreichs Schulen bringen. Moderner, IT-gestützter Unterricht wird Kindern die grundlegendsten digitalen Fähigkeiten vermitteln. Die Erfahrung aus den Niederlanden und anderen Ländern, die hier einen Schritt voraus sind, zeigt: Computer können das Lernen lustiger und effektiver machen und Kindern dabei helfen, die Chancen und Risiken des Internets kennenzulernen, bevor sie online gehen.

Das kann allerdings nicht alles sein. Simple Anwenderkenntnisse bereiten unsere Kinder nicht auf eine digitale Zukunft vor. In der Welt von gestern waren Lesen, Schreiben und Rechnen zentrale Kulturtechniken. Grundkenntnisse in Physik und Chemie haben dazu beigetragen, Innovationen zu schaffen und Wohlstand in Österreich zu sichern.

Heute ist es die Fähigkeit, mit digitalen Techniken Probleme zu lösen, mithilfe von Computern die Welt zu gestalten, die viel dazu beitragen kann, diesen Wohlstand zu erhalten.

Mehr als Textverarbeitung

Informatikkenntnisse sind eine wichtige Grundlage, um die moderne Welt zu verstehen und sich in ihr zurechtzufinden: Nur wer zumindest Grundkenntnisse in Informatik hat, kann bei vielen wichtigen Fragen der Gegenwart fundiert mitentscheiden.

Das geht über die Anwendung von Textverarbeitungs- oder Tabellenprogrammen hinaus. Die zentralen Kompetenzen dabei sind Logik, die Fähigkeit zur Abstraktion, eine analytische Vorgehensweise, algorithmisches Denken und mathematische Grundkenntnisse.

Schulfach "Computational Thinking"

Das bedeutet nicht, dass mehr Wert ausschließlich auf Programmieren gelegt werden sollte. Ein sinnvoller und notwendiger Schritt wäre die Einführung eines verpflichtenden Schulfachs "Computational Thinking" ab der Sekundarstufe 1, das Schülerinnen und Schülern vermittelt, auf welchen Grundlagen digitale Technologien beruhen.

Der Vermittlung von Informatik-Know-how muss heute ein zumindest ähnlicher Stellenwert eingeräumt werden wie anderen naturwissenschaftlich-technischen Fächern. Die geplante Integration von Informatik in andere Schulfächer ist zu wenig: Die Vermittlung von "Computational Thinking" wäre dann wieder unverbindlich und der Informatikunterricht angesichts dessen dem Risiko von Marginalisierung und Verwässerung ausgesetzt.

Fundierte Fachkenntnisse

Klar ist, dass es dafür auch hervorragend ausgebildeter Lehrerinnen und Lehrer bedarf. Die österreichischen Universitäten bieten eine Vielzahl an Ausbildungsprogrammen an, die allerdings aufgrund knapper Mittel zugegebenermaßen nicht die besten Betreuungsverhältnisse bieten. Der Verein Informatik Austria fordert eine klar umrissene und fachlich-wissenschaftlich solide Ausbildung für Informatiklehrende: Informatiklehrerinnen und -lehrer brauchen fundierte Fachkenntnisse und ein grundlegendes Verständnis der aktuellen Entwicklungen in der Informatik.

Hier anzusetzen wäre ein deutlich zukunftsträchtigerer Schritt, der mit Sicherheit eine nachhaltigere Entwicklung in Gang setzt. Und vermutlich auch langfristig günstiger ist als die flächendeckende Versorgung von Schülerinnen und Schülern mit Tablets, die sie primär zu passiven Anwendern macht. Das können sie auch allein – dafür braucht es die Schule nicht. (Gerald Steinhardt, 20.3.2017)

  • Der Vermittlung von Informatik-Know-how muss heute ein zumindest ähnlicher Stellenwert eingeräumt werden wie naturwissenschaftlich-technischen Fächern.

    Der Vermittlung von Informatik-Know-how muss heute ein zumindest ähnlicher Stellenwert eingeräumt werden wie naturwissenschaftlich-technischen Fächern.

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