Fünf Erfolgsgeschichten der europäischen Grundlagenforschung

17. März 2017, 08:00
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Der Europäische Forschungsrat gibt für seine Grants keine Themen vor. Ein Rundblick zeigt höchst unterschiedliche Projekte

Zufällige Entdeckung einer Krebstherapie

Kopenhagen – Eigentlich wollte Ali Salanti von der Universität Kopenhagen seinen ERC Consolidator Grant für die Entwicklung eines Medikaments nutzen, das Schwangere vor Malaria schützt. Die durch den Stich der Anophelesmücke übertragene Krankheit greift nämlich die Plazenta an und verursacht verheerende Schwangerschaftskomplikationen.

Im Zuge seiner Studien machte Salanti aber eine unerwartete Entdeckung, mit der die Krebstherapie revolutioniert werden könnte. Die Anopheles-Mücke produziert nämlich ein Protein, das sich an ein bestimmtes Zuckermolekül in der Plazenta bindet – und genau das gleiche Zuckermolekül ist auch in den meisten Krebszellen zu finden. Dieser Umstand führte Salanti zu folgender Überlegung: Wenn das Malaria-Protein sich an das Zuckermolekül in der Plazenta bindet, müsste man das Protein nutzen können, um Medikamente zu den Krebszellen zu bringen, die solche Zuckermoleküle enthalten.

In Laborversuchen fanden Salanti und Kollegen heraus, dass sich so nicht nur Tumore in der Plazenta behandeln lassen, sondern auch fast alle anderen Krebserkrankungen. Bislang konnten die Erkenntnisse in Maus- und Zellkulturen bestätigt werden. Der nächste Schritt sind klinische Studien an Menschen.

Kognitive Grundlagen von Teamarbeit

Budapest – Die Psychologie analysierte Reaktionen von Menschen aufeinander lange nach einem linearen Schema: Zuerst nehmen Akteure die Handlung eines anderen audiovisuell wahr, anschließend verarbeiten sie diese kognitiv, und erst dann reagieren sie. Doch dieses Modell konnte nicht erklären, wie Menschen in blitzschnellen Interaktionen aufeinander eingehen können. Heute weiß man, dass neurologisch verankerte Mechanismen dafür verantwortlich sind, die im Gehirn sowohl bei demjenigen, der die Handlung ausführt, als auch beim Partner, der diese wahrnimmt, die gleichen Areale aktiviert.

Gefördert durch einen ERC Consolidator Grand wird unter der Leitung der Kognitionsforscherin Natalie Sebanz von der Central European University Budapest experimentell untersucht, wie die blitzschnellen Prozesse des Erahnens und Vorwegnehmens von Bewegungen und Handlungen anderer Gruppenmitglieder im Gehirn funktionieren.

Die Ergebnisse werden vor allem für die kognitive Robotik von großem Interesse sein. Man verspricht sich davon neue Erkenntnisse für die Programmierung von "sozialer Intelligenz" bei Industrierobotern. Dies soll die Zusammenarbeit von Menschen und Maschinen erleichtern.

Rechtlich fundiertes Unrecht

Wien – Wie ist es möglich, dass sich ein politisches System ungeniert über allgemein anerkannte ethische Grundsätze und rechtsstaatliche Prinzipien hinwegsetzt und trotzdem rechtlich legitimiert werden kann? In ihrem mit einem ERC Advanced Grant geförderten Projekt hat Herlinde Pauer-Studer vom Institut für Philosophie der Uni Wien Antworten auf diese rechts- und moralphilosophische Gretchenfrage gesucht.

Vier Jahre hat sie mit einem interdisziplinären Forscherteam das verzerrte Rechtssystem des NS-Regimes analysiert. Was haben diese Erkundungen im moralischen Abgrund zutage gefördert? "In der gesamten Menschheitsgeschichte hat es keinen anderen Genozid gegeben, der theoretisch argumentativ besser vorbereitet war als jener des Nationalsozialismus", so Pauer-Studer. Man habe es mit einer Pervertierung moralischer Grundsätze zu tun, welche die Rechtstheorie zum Instrument eines Terrorregimes machte.

Auf der Basis umfangreicher Quellenstudien wurden erstmals die "Ethisierung" des Rechts und die damit verbundene Totalisierung des machtstaatlichen Einflusses untersucht. Die Nazis, so die zentrale Erkenntnis, haben gezielt den Unterschied zwischen Rechtspflege und ethischen Pflichten nivelliert.

Frühwarnsystem für bewaffnete Konflikte

London – In der Außenpolitik passiert es immer wieder, dass Warnungen vor bevorstehenden Konflikten nicht oder zu spät von wichtigen Akteuren wahrgenommen werden. Warum ist das so? In einem bereits abgeschlossenen ERC-Projekt, geleitet vom Politikwissenschafter Christopher Meyer vom Kings College London, hat man dafür die Kommunikation der Wahrnehmung von Warnungen analysiert und ist auf bemerkenswerte Ergebnisse gestoßen. Meyer: "Warnungen vor bewaffneten Konflikten funktionierten nicht wie Tsunami-Warnungen."

"Es kommt vielmehr darauf an, wer was wann zu wem kommuniziert." Objektive Daten über die Konfliktlage seien zwar auch bei Warnungen vor potenziellen Gewaltausbrüchen notwendig. Doch Frühwarnsysteme, die allein auf die Erhebung möglichst vieler Daten abzielen, seien zu wenig, erkannte Meyers Team. So würden politische Akteure sehr genau auf die Glaubwürdigkeit ihrer Quellen achten. Menschenrechtsorganisationen, die oft schon frühzeitig vor Konflikten und Gewaltausbrüchen warnen, werden dabei regelmäßig überhört. Meyer rät: "Expertenwissen allein ist zu wenig. Man muss auch wissen, wie man Warnungen in Organisationen einschleust und zu politischen Akteuren bringt."

Die Vermessung der Gesundheit

Wien – Alt zu werden ist schön, gesund alt zu werden aber noch viel schöner. Für die gesunde Lebenszeit rechnen Demografen mit einer eigenen Kennzahl: der "health expectancy". "Die gesunde Lebenszeit zu schätzen ist viel komplexer als die Bestimmung der Lebenserwartung, weil die Erfassung des Gesundheitszustandes viel komplizierter ist als jene des Lebensstatus", sagt Marc Luy vom Vienna Institute of Demography der Österreichischen Akademie der Wissenschaften dazu. "Es gibt viele unterschiedliche Definitionen von Gesundheit. Die WHO und die EU ziehen zum Beispiel ganz unterschiedliche Maße heran." Die Ergebnisse liegen dementsprechend weit auseinander.

Die Kennzahl, die als Grundlage politischer Entscheidungen herangezogen wird, bringt eine ganze Reihe methodologischer Probleme mit sich, denen bisher wenig Beachtung geschenkt wurde. So kommt es etwa darauf an, welche Art von Studien und Gesundheitskennzahlen ihr zugrunde liegen. Mit einem ERC Consolidator Grant für Luy sollen diese Probleme systematisch untersucht werden. Er erforscht die "methodischen Empfindlichkeiten" des wichtigen demografischen Indikators und fragt danach, wie die abgebildeten Entwicklungen beeinflusst werden. (grido, nort, pum, 17.3.2017)

  • Der ERC ist die wichtigste EU-Institution für Spitzenforschung. Inhaltlich ist alles offen.
    illustration: standard

    Der ERC ist die wichtigste EU-Institution für Spitzenforschung. Inhaltlich ist alles offen.

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