Dave Eggers: Auf Tauchstation, ausgerechnet in Alaska

    17. März 2017, 14:00
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    Ausbruchsversuch einer zivilisationskranken Mutter: Eggers' neuer Roman "Bis an die Grenze"

    Wien – Alaska ist nicht nur der nördlichste US-Bundesstaat, es trägt auch den mythologisch klingenden Spitznamen "last frontier", die letzte Grenze. Nach Alaska ist somit Schluss, es folgt nichts mehr von Belang. Die meisten kommen, um der Natur im abgesicherten Outdoor-Modus zu begegnen. Anschließend kehren sie mit Fotospeicherkarten voller wilder Tiere zurück in die Zivilisation.

    Ein paar andere zieht es aber auch an das äußerste Ende der "frontier". Sie wollen etwas zurücklassen – einen Menschen, einen Beruf, ein Leben. Sie wollen an der Natur gesunden oder einfach nur verschwinden. In diesen Fällen kann jenseits der Grenze noch etwas Neues beginnen.

    Die 40-jährige Josie ist eindeutig der zweiten Kategorie zuzurechnen. Die Heldin von Dave Eggers' neuem Roman ist eine späte Nachfahrin von Rousseau, wenn man so will: eine zivilisationsmüde Zahnärztin aus einer Kleinstadt in Ohio, die sich dazu entschließt, mit ihren beiden Kindern, dem achtjährigen Paul und der noch jüngeren Ana, nach Alaska abzuhauen. Sie hat niemanden darüber informiert, weil sie nicht gefunden werden will. Vor allem nicht von Carl, dem Vater ihrer Kinder, der sie verlassen hat und nun eine andere Frau heiratet – etwas, das er Josie verwehrt hat.

    Gegenentwurf zu letztem Roman

    "Bis an die Grenze" wirkt in mancher Hinsicht wie ein Gegenentwurf zu Eggers' letztem, so erfolgreichen Roman "Der Circle", mit dem er die Virtualisierung anhand eines größenwahnsinnigen Social-Media-Konzerns als satirisch gebrochene Dystopie der Gegenwart beschrieben hat. Alaska, durch das Josie mit einem in die Jahre gekommenen Wohnmobil tuckert, könnte von dieser Algorithmus-gesteuerten Welt kaum entfernter sein.

    Allerdings handelt es sich keineswegs um eine heile Welt voller grüner Wälder. Auf durchaus vertraute Weise ist der Norden real, also von bekannten Widersprüchen besetzt, wie andere Länder auch. Alles ist fürchterlich teuer; Waldbrände wüten; und die Begegnungen mit Fremden spielen sich in der Bandbreite eigentümlich bis latent gefährlich ab.

    Die ohne klare Route fahrende Josie findet deshalb lange keinen Ort, an dem sie lange bleiben will. Dafür ergeben sich viele Gelegenheiten zur Rückschau, die zu den besten, da komischsten Passagen des Buches gehören. Die Umrisse einer weniger gescheiterten als übersäuerten Existenz treten zum Vorschein, mit Freund Carl als lächerlichem Star, einem von Harntrieb bewegten Mann, der nichts lange durchhält. Als das Familienheim erst halb steht, entdeckt er die Occupy-Bewegung – Besitztum ist von nun an ein Übel.

    Surreale Erlebnisse

    Eggers beschreibt ein von wütenden Radlern und bioshoppenden Vorzeigemüttern überranntes Land, vor dem Josie in Alaska Schutz sucht, um nicht unterzugehen. Der spöttisch-bissige Tonfall tut dem Buch gut, er bringt den oft ein wenig zu geschmeidig dahinfließenden Erzählfluss erst richtig in Fahrt.

    Der von Missgeschicken und Gefahren, aber auch leicht surrealen Erlebnissen (etwa mit dem inoffiziellen Alaska-Maskottchen Smokey, dem Bär) durchsetzte Trip durch Alaska gerät zu einer Form von Familientherapie – je ungeplanter, desto besser. Eggers vergisst dabei nicht, Josie in Verhältnis zu ihren Kindern zu setzen. Der äußerst gefasste Paul und seine ungestüme Schwester Ana werden zu plastischen, ganz ebenbürtigen Romanfiguren.

    Seine Botschaft, wie notwendig Lebensmut zur Charakterformung sei, mag Eggers zuletzt etwas laut herausschreien: In der Beschreibung des von fragilen Balancen bestimmten Trios hält der Roman jedoch aufrichtige Beobachtungen und kluge Einsichten bereit. (Dominik Kamalzadeh, 17.3.2017)

    Dave Eggers, "Bis an die Grenze". € 23,70 / 480 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017

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