Ikea: Transporteure beklagen Lohndumping

17. März 2017, 07:15
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Widrige Arbeitsbedingungen in der Logistik färben auf Ikea ab. In Wien-Nord erhielten Handelsmitarbeiter über Jahre zu niedrige Zuschläge

Wien – Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, Dumpinglöhne, kaum politischer Rückhalt: Die Logistikbranche zählt zu den am stärksten wachsenden Wirtschaftszweigen. Der Ruf, den sie international unter Arbeiternehmervertretern genießt, sorgt aber zusehends für bitteren Nachgeschmack – und droht auf die Auftraggeber abzufärben.

Nun erhob die BBC schwere Anschuldigungen gegen Logistikunternehmen, die für namhafte große Handelsketten wie Ikea in Westeuropa tätig sind. Von Hungerlöhnen von wenigen Hundert Euro im Monat ist die Rede, von Lkw-Fahrern, die zum Teil über Monate in Führerkabinen ohne Zugang zu Toiletten und fließendem Wasser leben.

Klare Vorgaben

Man nehme die Berichte ernst und reagiere auf jeden Beweis für Fehlverhalten, ließ Ikea wissen. Sollten sich die Vorwürfe erhärten und Verstöße festgestellt werden, gibt es klare Vorgaben für das weitere Vorgehen, erläutert Barbara Riedl, Österreich-Sprecherin des Konzerns: In letzter Konsequenz werde der Vertrag mit dem Transporteur gelöst. Ein Verhaltenscodex regle die Arbeitsbedingungen. 2016 habe es 174 Audits und 97 Fahrerinterviews gegeben, ohne dass Verstöße gefunden worden wären. "In Österreich stehen den Lkw-Fahrern zudem in allen unseren Möbelhäusern Toiletten, Duschen und Ruheräume zur Verfügung."

Alles in bester Ordnung? Kleine Frächter zeichnen ein differenzierteres Bild. Darin geht es um Transporteure, die angeheuert werden, um Kunden mit Ikea-Einkäufen zu beliefern. Ikea beauftragt dafür Logistikanbieter, die Frachten ihrerseits auf viele Subunternehmen mit meist nur einer Handvoll Mitarbeiter verteilen. Diese erzählen dem STANDARD von 60-Stunden-Wochen: Teilweise würden Möbel von früh morgens bis elf Uhr nachts geschleppt. Rund 28 Euro gebe es im Schnitt in Wien für eine Lieferung, der Kunde bezahle netto das Dreifache. Finanziell über die Runden käme man oft nur dank Trinkgeldern. Ikea wisse um die Rahmenbedingungen und schaue zu, so der Vorwurf.

Gute Partner

Ikea Wien Vösendorf hat die Morawa-Tochter Cargoe unter Vertrag. Cargoe werde von Ikea permanent überprüft, sagt ihr Prokurist Hannes Staubmann. Niemals habe es Probleme gegeben. Mit vielen Frächtern arbeite man bereits seit mehr als 20 Jahren zusammen, sie seien in der Regel auch für andere Möbelketten im Einsatz. "Wir zahlen marktgerecht und pünktlich." Riedl spricht über Cargoe von einem sehr guten Partner. "Wir haben über den Transporteur bisher nichts Negatives gehört, ganz im Gegenteil. Aber natürlich gehen wir auch dem nach."

Interne Anpassungen gibt es auf jeden Fall im zweiten Wiener Ikea-Haus, in Wien Nord, wenngleich auch anderer Natur. Die Einrichtungskette zählt dort in Spitzenzeiten bis zu 450 Mitarbeiter. Im Vorjahr wurde erstmals ein Betriebsrat installiert. Wie berichtet gab es Anlaufprobleme – ein Disput unter den Arbeitnehmervertretern beschäftigte die Justiz. Nun wies das Arbeits- und Sozialgericht die Klage ab, die auf eine Wiederholung der Wahl abgezielt hatte. Was sich davon unabhängig für die Beschäftigten ändert: Sie bekommen ab sofort für Abenddienste mehr Geld.

"Probleme bei der Auszahlung"

Ikea hat in Wien Nord über Jahre zu geringe Zuschläge für Arbeit unter der Woche zwischen 18.30 und 20 Uhr verrechnet. "Es gab Probleme bei der Auszahlung", sagt Mario Ferrari von der Gewerkschaft GPA-djp. Ikea habe Fehler gemacht, sie auf Hinweis des Betriebsrats erkannt und werde sie nun bereinigen. Konkret habe der Konzern statt 70-prozentiger nur 50-prozentige Zuschläge bezahlt, eine Abrechnung, die ihm so noch nicht untergekommen sei. Das Ganze werde nun rückwirkend für sechs Monate korrigiert. "Es wurde alles aufgerollt."

Beschäftigte, die bei Ikea seit vielen Jahren Vollzeit angestellt sind, berichten von Monaten an verlorenen Überstunden. Ikea habe sich auf ihre Kosten "einen Batzen an Geld erspart". Die wie im Kollektivvertrag vorgesehene und erwirkte rückwirkende Nachzahlung über sechs Monate halten sie für nicht gerade großzügig.

"Keine Gesetzesverstöße"

Ikea-Wien-Nord-Chef Jan Janko betont, bei der Entlohnung nie gegen die Gesetze verstoßen zu haben. "Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass wir nichts vorsätzlich getan haben, um Geld zu sparen." Das Modell der 50-prozentigen Zuschläge sei bereits lange zur Diskussion gestanden. Dabei könnten Mitarbeiter nämlich Mehrstunden in ganzen Tagen konsumieren, was viele allerdings nicht gewollt hätten.

Bei Zuschlägen von 70 Prozent könnten sie hingegen optional auch stundenweise freibekommen. Dass Beschäftigte selten die Wahl hatten, wie sie Überstunden abbauen, sondern dies auf Anweisungen ihrer Vorgesetzten je nach Geschäftsgang meist nur stundenweise taten, weist er scharf zurück. "Das stimmt nicht." Bei hunderten an Mitarbeitern könne es natürlich Einzelfälle geben, in denen es nicht immer rund laufe. Das sei aber kein Grund für pauschale Verurteilungen. (Verena Kainrath, 17.3.2017)

  • Kratzer am sympathischen Image kann sich Ikea nicht leisten. Kritik gibt es dennoch. Diese kommt in Europa nun  seitens der Transportwirtschaft. Auch in Österreich fühlen sich kleine Frächter großer Handelsketten unter Druck.
    foto: apa/afp/jonathan nackstrand

    Kratzer am sympathischen Image kann sich Ikea nicht leisten. Kritik gibt es dennoch. Diese kommt in Europa nun seitens der Transportwirtschaft. Auch in Österreich fühlen sich kleine Frächter großer Handelsketten unter Druck.

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