Pablo Larraíns "Neruda": "Er wollte die Menschen beschützen"

    Interview mit Video17. März 2017, 09:00
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    In seinem Film widmet sich der chilenische Regisseur dem Politiker und Dichter Pablo Neruda. Ein Gespräch über geheime Bündnisse und traurige Spiegelbilder

    Wien – Dass Pablo Larraín eine besondere Herangehensweise an Biopics besitzt, wurde zuletzt an seiner ersten Hollywoodproduktion Jackie ersichtlich, in der Natalie Portman als Jackie Kennedy die Tage nach dem Attentat auf ihren Mann durchlebt. Als außergewöhnlicher Chronist der Geschichte seines Landes machte sich der chilenische Regisseur jedoch schon zuvor mit Filmen wie No! und El Club einen Namen. Mit Neruda widmet er sich nun dem Literaturnobelpreisträger, Dichter und Politiker Pablo Neruda (1904- 1973) und dessen Verfolgung unter Chiles Präsident Gabriel González Videla. In Neruda liefern sich Luis Gnecco als Poet auf der Flucht und Gael García Bernal als hinzuerfundener Polizist ein Katz-und-Maus-Spiel.

    kinocheck

    STANDARD: Wer war Pablo Neruda?

    Larraín: Ich weiß es nicht. Ihn zu beschreiben ist so, wie Wasser festhalten zu wollen. Es wird dir nicht gelingen. Das mag seltsam klingen, weil ich einen Film über ihn gedreht habe, aber man kann diesen Mann nicht in eine Schublade zwängen. Deshalb ist Neruda auch kein Biopic, sondern ein Film über seine Welt, seinen ganz eigenen Kosmos. Er war zum Beispiel ein großartiger Koch, ein Weinkenner, er liebte das Essen und die Frauen. Er las Kriminalromane und reiste gerne. Und er war leidenschaftlicher Sammler.

    STANDARD: Welche Dinge hat er gesammelt?

    Larraín: Alles Mögliche. Wertvolle Gegenstände genauso wie wertlosen Nippes. Es gibt in Chile Museen, in denen man sich seine Sammlungen ansehen kann. Er war ja Diplomat und kam viel in der Welt herum, und von überall brachte er etwas mit nach Hause. Er war Politiker und Senator, er war Vorsitzender der Kommunistischen Partei und wäre beinahe Präsident von Chile geworden. Und er war ein Schriftsteller, der wie kein anderer vor ihm über das Land und die Menschen schrieb. Es ist also unmöglich zu sagen: Das war Pablo Neruda. Als ich das erkannte, bedeutete das für mich eine ungeahnte Freiheit.

    STANDARD: Sie haben für Ihren Film ebenfalls einen lyrischen Stil gewählt. Wollten Sie Neruda dadurch als jemanden zeigen, der stets präsent und abwesend zugleich ist?

    Larraín: Wenn er Ihnen abwesend vorkommt, dann deshalb, weil Sie ihn vermissen. Man kann sich das am besten so vorstellen: Chile ist ein Land mit einer wechselhaften Geschichte, und diese Verwerfungen des 20. Jahrhunderts finden sich besonders stark in seiner Literatur wieder, nicht nur bei Neruda, sondern auch bei Gabriela Mistral, Vicente Huidobro oder Pablo de Rokha. Auch wenn das seltsam klingt, aber man findet Nerudas Geist in Chile nach wie vor überall – auf den Straßen, in den Cafés, sogar in der Natur, in den Parks. In diesem Sinn ist er noch immer sehr präsent.

    STANDARD: Er war nicht nur vehementer Gegner von Präsident González Videla, sondern auch überzeugter Stalinist.

    Larraín: Das ist zugegeben kompliziert, aber man muss verstehen, wo Neruda damals stand. Wir können heute in die Geschichte zurückblicken und aus ihr lernen. Neruda hatte einen anderen Blick auf seine Gegenwart. Es ist schwierig zu sagen, ob er von den Verbrechen Stalins wusste. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass er versuchte, sein politisches Projekt und die Menschen zu beschützen. Aber ich denke nicht, dass er Mörder beschützte. Seine Literatur wurde zu einer Sprache für das chilenische Volk.

    STANDARD: Sie zeigen in einem kurzen Auftritt den späteren Diktator Augusto Pinochet als Leiter eines Gefangenenlagers.

    Larraín: Eigentlich wollte ich ihn überhaupt nicht zeigen. Aber es spielt eine wesentliche Rolle, dass man ihn sieht. Es war ein Lager, das er später dazu verwendete, um Leute zu foltern und zu ermorden.

    STANDARD: Sie würden aber nie einen Film über ihn drehen?

    Larraín: Niemals. Ich muss eine Leidenschaft und eine Liebe in meinen Figuren finden. Das ist bei Pinochet ja unmöglich.

    STANDARD: Sie inszenieren Nerudas Flucht nach dem Haftbefehl gegen ihn völlig undramatisch. Man hat den Eindruck, als ob er mit seinen Verfolgern spielen würde.

    Larraín: Weil es auch ein Film über andere Filme ist. Ich habe mich am Kino der 50er-Jahre und am Film noir orientiert. Zugleich ist Neruda ein Roadmovie, eine schwarze Komödie und ein existenzialistischer Western. Das Katz-und-Maus-Spiel ist eher psychologischer Art.

    STANDARD: Ihr Spiel mit den Genres betrifft auch Nerudas hartnäckigen Verfolger, den fiktiven Polizisten Oscar Peluchoneau, der im Film auch als Erzähler fungiert. Wie bezieht sich dieser selbstreflexive und ironische Charakter auf Neruda?

    Larraín: Peluchoneau erliegt im Laufe des Films Nerudas Charisma und wird zusehends zu einer von ihm geschaffenen Figur. Erst durch ihn kann Neruda all das schreiben, was er während seiner Flucht zu Papier bringt. Peluchoneau ist für ihn wie ein trauriges Spiegelbild.

    STANDARD: Neruda meint sogar, er wolle wie sein Verfolger empfinden.

    Larraín: Es ist so, als ob sie ein geheimes Bündnis schmieden würden. Zwischen den beiden findet eine langsame Annäherung statt, was ich auch dadurch zum Ausdruck bringen wollte, dass die Kamera wie in einem ruhigen Fluss ständig in Bewegung bleibt. Und ich wollte, dass Weitwinkelaufnahmen die Räume öffnen, so wie sich Neruda, der ständig in Bewegung war, mit seiner Literatur neue Räume erschloss.

    STANDARD: Es gibt eine interessante Szene, in der Neruda in einem weißen Anzug auf die Straße tritt und einem bettelnden Mädchen begegnet. Er könne ihr nichts geben, meint er, doch wenige Minuten später sieht man das Mädchen noch einmal, wie es sein weißes Jackett trägt und ein Buch von ihm bekommen hat. Neruda als Retter und Samariter der armen Leute?

    Larraín: Nein, das ist viel einfacher gedacht. Es ging mir darum, Neruda in einer Art von Kostüm zu zeigen. In seinem großen Gedichtzyklus Canto General, den er erst während seiner Flucht vervollständigte, schrieb Neruda, dass es einem Dichter erlaubt sei, das Leben aller anderen Dichter zu leben. Und dass ein Dichter viele andere mögliche Leben habe. Das erachte ich als schöne Vorstellung. (Michael Pekler, 17.3.2017)

    Pablo Larraín (40), geboren in Santiago de Chile, drehte 2006 mit dem Musikerdrama "Fuga" sein Regiedebüt. Mit Filmen wie "Post Mortem" (2010) und "No!" (2012) setzte er sich mit der Geschichte Chiles unter Pinochet auseinander. Zuletzt entstand sein oscarnominierter Spielfilm "Jackie".

    Jetzt im Kino.

    Das Gespräch fand auf Einladung des Verleihers in Berlin statt.

    • Der 1971 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Dichter führt in "Neruda" die Schreibmaschine immer bei sich. Auf der Flucht nach Argentinien entsteht sein bedeutendstes Werk, der "Canto General". Die Ähnlichkeit mit Pablo Neruda ist Luis Gnecco nicht abzusprechen.
      foto: polyfilm

      Der 1971 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Dichter führt in "Neruda" die Schreibmaschine immer bei sich. Auf der Flucht nach Argentinien entsteht sein bedeutendstes Werk, der "Canto General". Die Ähnlichkeit mit Pablo Neruda ist Luis Gnecco nicht abzusprechen.

    • Melancholischer Polizist wie aus einem Film noir: Gael García Bernal heftet sich als hartnäckiger und stilbewusster Verfolger an die Fersen Pablo Nerudas.
      foto: polyfilm

      Melancholischer Polizist wie aus einem Film noir: Gael García Bernal heftet sich als hartnäckiger und stilbewusster Verfolger an die Fersen Pablo Nerudas.

    • Dreht keine konventionellen Biopics: Pablo Larraín.
      foto: ap/ettore ferrari

      Dreht keine konventionellen Biopics: Pablo Larraín.

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