Downsyndrom: Bub wird viel zu früh ein Schulkind

    19. März 2017, 12:00
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    Die Eltern sind sich sicher, die Expertin ist es auch: Philipp sollte noch nicht in die Schule gehen. Warum ein Sechsjähriger mit Downsyndrom dennoch eingeschult wird und neun Jahre Pflichtschule zu kurz sein können. Ein Blick auf die Schullaufbahn besonderer Kinder

    Philipp arbeitet derzeit am liebsten als Koch. Mit Leidenschaft fabriziert der kleine Bub Blätterteigschnecken. Er klettert und bewegt sich gern, baut sich selbst ein kleines Häuschen. Ein Kind eben. Anfang Juli wird er sechs Jahre alt – und wie alle seines Alters schulpflichtig. Was bei anderen Kindern freudige Euphorie auslöst, macht Philipps Familie große Sorgen: "Er ist nicht dumm, er hat nur ein Chromosom zu viel", sagt Astrid Rieger über ihren älteren Sohn. Philipp hat das Downsyndrom.

    Der im Herbst anstehende Schulbesuch verunsichert. "Was macht mein Kind in der Schule? Uns wäre lieber, er dürfte weiter in den Kindergarten gehen", sagt Rieger. Er sei, sagt seine Mutter, auf dem Reifegrad eines Zweieinhalbjährigen. Philipp trägt Windeln und spricht noch nicht. "Warum er nicht spricht, wissen wir nicht. Er kommuniziert anders, etwa in der Gebärdensprache – das aber viel", erzählt die Mutter. Kurz: "Das ist ein Thema mit tausend Fragezeichen. Wir sind fast erschrocken, dass er in die Schule muss. So früh nämlich", sagt Rieger.

    foto: corn
    Astrid Rieger mit ihrem Sohn Philipp im Arm: "Was macht mein Kind in der Schule? Uns wäre lieber, er dürfte weiter in den Kindergarten gehen."

    Der Bub wird an einem Sonntag geboren. Die Nackenfaltenmessung während der Schwangerschaft ist unauffällig, ein Herzfehler, der einen Hinweis geben hätte können, wird übersehen. Die Diagnose sei anfangs ein Schock gewesen, bekennt die Mutter. Ein Gefühl, das rasch von der Angst um den Buben verdrängt wurde: "Schlimmer als das Downsyndrom empfanden wir die bevorstehende Herzoperation am Baby."

    Hebamme wie Ärzte und ein stabiles Umfeld hätten in der Situation geholfen. Der Vater arbeitet momentan in Elternteilzeit, die Mutter kann als selbstständige Soziologin ihre Arbeitszeiten selbst bestimmen. "In einem Angestelltenverhältnis würde es gar nicht gehen", sagt Rieger. Der Bub braucht mehr Betreuung und auch Zeit für Therapien. Ein kleines Brüderchen ist mittlerweile auch da – kurz gesagt: Die Familie hat sich gut eingefunden. Dann kommt der Brief vom Stadtschulrat: Philipp soll in die Schule.

    Nicht nur die Eltern glauben, dass die Schule für den Buben viel zu früh kommt. Auch für Bernadette Wieser, Leiterin des Downsyndromzentrums in Leoben, wäre eine Verschiebung besser: "Er sollte später eingeschult werden, ein oder gar zwei Jahre Zeit haben, weiter zu reifen."

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    Generell sei jedes weitere Kindergartenjahr eine Hilfe, da das Entwicklungsalter nie dem Lebensalter entspreche, sagt Bernadette Wieser vom Downsyndromzentrum in Leoben.

    Ein Weg, den Österreichs Schulsystem nur schwer zulässt. Zwei Möglichkeiten gibt es, sagt Wieser: Entweder man lasse vom Kinderarzt ein Schulunfähigkeitsattest erstellen (was Eltern meist nicht wollen), oder das Kind wird für den häuslichen Unterricht abgemeldet – und der Kindergarten garantiert weiter den Platz für ein Jahr. Letzteres hat den Haken, dass die Kindergartenplatz-Garantie wie im Falle von Familie Rieger nicht zu bekommen war und dass das eine Jahr in die Schulpflichtjahre – in Österreich sind das insgesamt neun – eingerechnet wird. Rieger: "Bei seinem Bildungsverlauf kann es sein, dass bei ihm mit 15 die Schulpflicht ausläuft und er dann zu Hause sitzt. Was mache ich dann mit ihm?"

    Wie Rieger geht es vielen Eltern von Kindern mit Downsyndrom. "In der Spielgruppe denken die meisten mit Grauen an die Schule, weil wir nicht wissen, was passiert", sagt sie. Anstelle klarer Wege werde immer nach "Insellösungen" im Einzelfall gesucht. Man werde so zum Bittsteller gemacht, sei vom guten Willen der Behörden abhängig.

    Oft fehle es im schulpflichtigen Alter von sechs Jahren an der sozial-emotionalen, kognitiven und körperlichen Schulreife, sagt auch Expertin Wieser. Generell sei jedes weitere Kindergartenjahr eine Hilfe, da das Entwicklungsalter nie dem Lebensalter entspreche. Die Kinder würden viel zu früh ins Schulsystem "katapultiert" und dann zu rasch wieder hinausgedrängt: "Dann sitzen Jugendliche mit 17 oder 18 Jahren in Tageswerkstätten, wo die anderen 30 Jahre oder noch älter sind. Da gehören sie ja nicht hin." Geklagt werde von Eltern auch über die viel zu wenigen Stützstunden von Sonderpädagogen und -pädagoginnen in den Klassen sowie über die Unterforderung der Kinder. Ein Großteil wird nämlich nach dem Schwerstbehinderten-Lehrplan unterrichtet, der häufig zu geringe Angebote in den Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen bereithalte.

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    Der Bub fühlt sich im Kindergarten wohl. Ob es ihm in der Schule gefallen wird? "Wir hoffen das natürlich", sagt seine Mutter.

    Läuft der Schulbetrieb, sorgt die Nachmittagsbetreuung für das nächste Problem. Mischa Kirisits wollte seinen Sohn, der jetzt elf Jahre alt ist, an der Schule betreut wissen. Und musste hart darum kämpfen. Angeboten wird meist ein Sonderhort samt Fahrtendienst oder die Sonderschule. "Ich will und wollte, dass mein Kind inklusiv aufwächst. Und zwar am Vormittag und am Nachmittag", sagt Kirisits. Auch er klagt, dass alle "in einer Tour auf Insellösungen hoffen und warten müssen". In den Ferien hat auch das keinen Sinn: Es gebe schlicht und einfach kein adäquates Angebot für behinderte Kinder.

    Damit ein Kind überhaupt länger an einer Pflichtschule bleiben darf, muss ein Antrag gestellt werden. Beispielfall Wien: Im Schuljahr 2016/17 gab es 169 Ansuchen um ein elftes Schuljahr, von denen nur zwei abgelehnt wurden. Für ein weiteres, zwölftes Schuljahr gab es immerhin noch 95 Anträge, 50 davon wurden positiv bewertet.

    Warum die Antragspflicht? Es mangelt an der Finanzierung. Der Wiener Stadtschulrat spielt den Ball an den Bund weiter. Wären diese Zusatzjahre gesetzlich vorgeschrieben, gäbe es auch eine Finanzierung, heißt es im Stadtschulratsbüro auf Anfrage.

    Tatsächlich bewegt sich etwas in diesem Punkt. Denn laut Bildungsministerium wird gerade an einer gesetzlichen Lösung gearbeitet, die allen Kindern mit Behinderung ein elftes oder zwölftes Schuljahr offenlässt. Man sei bereits im "Endspurt", das Gesetz soll vor dem Sommer fertig sein.

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    Philipp kocht momentan oft und er tanzt gerne – derzeit häufig zu Elvis Presley.

    Für Familie Rieger wird sich diese Änderung positiv auswirken. Eine Sorge wäre man damit los. Philipp hat seine künftige Volksschule schon einmal kennengelernt. Die Mutter findet Schule wie Lehrpersonal gut. Dass eine Veränderung ansteht, merkt auch der Bub. Ob es ihm gefallen wird? "Wir hoffen das natürlich", sagt Rieger. Den Kindergarten mag er jedenfalls. Jetzt geht es einmal darum, eine schöne Schultasche zu finden. Die Tüte gibt es im Herbst. (Peter Mayr, 19.3.2017)

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