EU-Türkei-Deal: Die anderen Leiden der Syrer

Der Pakt sollte nicht nur die Route nach Europa schließen, sondern auch das Leben der Syrer in der Türkei verbessern. Das ist nur teilweise gelungen

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18. März 2017, 12:00

Immer, wenn der Vermieter zum Abkassieren kommt, würde sie am liebsten ihre Kinder einpacken und die Heimreise antreten – nach Raqqa, der syrischen "Hauptstadt" des "Islamischen Staates". Doch Kamila Sabala al-Mustafa widersteht, seit nun neun Monaten schon. Stattdessen versucht sie sich im südtürkischen Sanliurfa zurechtzufinden, 40 Kilometer von der Grenze zu Syrien und 160 Kilometer von Raqqa entfernt. "Hier sind wir sicher, haben aber kein Zuhause. In Syrien ist es umgekehrt", erklärt sie aufgewühlt, "es ist eine andere Form des Leidens."

Diese Leiden manifestieren sich in dem eisigen Wind, der durch die Wohnung der Familie pfeift; manifestieren sich in den spärlich eingerichteten Räumlichkeiten in einem heruntergekommenen Wohngebäude, dessen Fertigstellung offenbar vergessen wurde. Hier, am Stadtrand von Urfa, wie Sanliurfa umgangssprachlich genannt wird, hat sich der Frühling noch nicht durchgesetzt.

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In der Wohnung von Kamila Sabala al-Mustafa in Urfa mangelt es an Möbeln.

Teppiche sorgen zumindest für einen Hauch von Wärme unter den Füßen; der Ofen ist nicht in Betrieb – das kostet schließlich. Doch als die 46-jährige Mustafa, bekleidet mit einem türkisen Mantel und mit einem schwarzen Kopftuch um ihr hageres Gesicht, von ihrem früheren Leben in Raqqa und den Torturen ihrer Flucht erzählt, sagt sie: "Nie würde ich zurückgehen."

Türkei half tatkräftig

Kamila Sabala al-Mustafa und ihre drei Kinder gehören zu den rund 2,9 Millionen registrierten syrischen Flüchtlingen, die derzeit in der Türkei leben – eine gewaltige Zahl. Genauso gewaltig ist die Herausforderung, all diesen Menschen ein Leben frei von Armut, dafür mit Zukunftsperspektiven zu ermöglichen. Hilfe bedurfte es – und Hilfe erfolgte auch.

grafik: der standard

Am 18. März 2016 einigten sich die Türkei und die EU auf ein Abkommen, um die Flüchtlingsbewegungen über die Ostägäis nach Griechenland und somit in die EU zu unterbinden. Als Gegenleistung wurden Milliardenhilfen versprochen, um die Lebenssituation der Syrer in der Türkei zu verbessern. Bis 2018 sollen drei Milliarden Euro fließen, danach vielleicht noch einmal so viel. Laut aktuellem Stand wurden 2,2 Milliarden überwiesen, an Projekte gekoppelt, deren Zweck vorher überprüft wurde.

Vor allem in Urfa wurden einige dieser Projekte umgesetzt. In der Zwei-Millionen-Stadt haben etwa 400.000 Syrer Zuflucht gefunden, nur in Istanbul leben mehr. Urfa ist beliebt wegen seiner Nähe zur Grenze und seines besonders ausgeprägten arabischen Charakters.

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In halbfertigen Wohngebäuden am Stadtrand von Urfa leben vor allem syrische Flüchtlinge.

Durch Bomben- und Kugelhagel

Spricht man hier mit Flüchtlingen, haben sie nicht nur schreckliche Erlebnisse in Syrien gemeinsam, sondern auch die durch EU und Türkei genährte Hoffnung auf eine Zukunft. So wie bei Kamila Sabala al-Mustafa und ihren Kindern, die im Juli 2016 dem IS-Terror in Raqqa entkommen sind und es durch Bomben- und Kugelhagel bis nach Urfa geschafft haben. Mann und Bruder mussten aber zurückbleiben. Ob sie noch leben, weiß sie nicht.

Geld hatte die Frau nicht bei sich. Nachbarn halfen ihr bei Miete und Essen aus – bis sie am 1. Februar 2017 um 17.49 Uhr eine SMS bekam: "Ihr Antrag wurde angenommen. Sie können Ihre Karte am 2. Februar abholen."

Die Karte ist das Kernstück der humanitären Hilfe der EU in der Türkei: das Emergency Social Safety Net (ESSN), eine Bankomatkarte, über die Flüchtlinge jeden Monat Geld erhalten. Zehn Prozent der Syrer sind in Flüchtlingslagern untergebracht, das ist im Gegensatz zur Lage in europäischen Ländern das bessere Los. Man lebt in relativ komfortablen Containern, es mangelt an nichts.

foto: reuters / umit bektas
Das Flüchtlingslager in Elbeyli direkt an der Grenze zu Syrien. Die Container dort gelten als relativ komfortabel.

Hauptproblem Geld

Das größte Problem ist die Frage, wie die restlichen 90 Prozent Miete, Essen und sonstige dringende Bedürfnisse bezahlen können. Deshalb startete Anfang 2017 das mit dem Welternährungsprogramm (WFP) und dem Roten Halbmond organisierte und mit der Türkei abgestimmte Programm ESSN. Jene, die es am nötigsten haben, Familien mit vielen Kindern oder jene, in denen Großeltern den Haushalt führen müssen, erhalten nach Überprüfung aller Daten im Monat 100 türkische Lira pro Person, das sind etwa 25 Euro. Cash, das zur freien Verfügung steht.

Das ESSN läuft bis Ende 2018, bis dahin, so das Ziel, sollen eine Million Syrer davon profitieren – aktuell sind es 250.000. Die Geldsumme ist flexibel, sollten die Preise steigen, kann man reagieren. Doch müsse man dabei vorsichtig sein, sagt Matthias Eick von der Humanitären Hilfe der EU (Echo), die viele Projekte in der Türkei koordiniert: "Die türkische Regierung sieht genau hin, dass Flüchtlinge nicht zu viel Geld bekommen. Sonst könnten sich die Türken benachteiligt fühlen." Die aktuell 100 Lira seien so wenig, dass es keinen Wirbel gebe.

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Von der Karte des ESSN sollen bis Ende 2018 eine Million Syrer profitieren.

Job gesucht

Bei Kamila Sabala al-Mustafa sind es insgesamt 400 Lira, die monatlich auf ihrer Karte landen. Man müsse sparsam sein, sagt sie, doch könne man damit überleben, die Miete macht 250 Lira aus. Die Gedanken an Raqqa werden immer seltener, zu ihrem Glück fehlt aber noch der Rest ihrer Familie – und dass sie einen Job findet. In Syrien war sie als Lehrerin tätig, in der Türkei würde sie dafür an die 1500 Lira im Monat verdienen – genug für eine Wohnung ohne undichte Fenster, dafür mit Möbeln und einer Heizung.

Langsam, aber doch geht es für viele Syrer aufwärts. "Die Türkei leistet hervorragende Arbeit", lobt Gabriel Vinals Munuera, Leiter der EU-Delegation in der Türkei, die Zusammenarbeit. Und dass die türkische Regierung regelmäßig mit dem Platzen des Flüchtlingsdeals droht? "Es gibt immer einen Unterschied zwischen dem, was Politiker sagen, und dem, was tatsächlich gemacht wird", sagt er zum STANDARD.

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Registrierungsstelle in Urfa, wo man die ESSN-Karte beantragen kann.

Trotz allem gibt es immer noch genug Probleme. In Istanbul, wo 450.000 Syrer, die meisten in der Türkei, leben, werfen sich dem Passanten nahe der Prachtmeile Istiklal Caddesi immer wieder kleine Kinder an den Hals und lassen erst los, wenn man einen kleinen Obolus entrichtet hat. Syrische Kinder. Von ihnen leben etwa 1,3 Millionen im Land, sagt Ibrahim Vurgun Kavlak, Generalkoordinator von Asam, einer türkischen NGO. "Nur die Hälfte geht in die Schule, weil es an Personal fehlt oder die Eltern kein Geld für den Bus zur Schule haben. Dann haben die Kinder nichts zu tun – und fangen an zu betteln", sagt er.

Auflagen von der EU

Verschärft wird die Lage durch Auflagen der EU. So dürfe man die Gelder nur zum Bau neuer Schulen für Flüchtlinge verwenden, nicht alte Schulen für diesen Zweck renovieren, sagt ein türkischer Regierungsvertreter zum STANDARD.

Ein spezielles Problem hat Lama Salati. Die 24-Jährige aus Damaskus sitzt in Istanbul in einem Zimmer des Al Farah Center, in dem Flüchtlinge betreut werden. Ihr siebenjähriger Sohn kann kaum hören, vor ihrer Flucht 2016 aus Syrien bekam er drei Jahre lang regelmäßig Sprachunterricht. Das kann sich die Familie hier nicht mehr leisten, obwohl der Mann Arbeit gefunden hat. "In einem Jahr in der Türkei hat er alles verlernt", klagt Salati, "hier stecken sie ihn in eine Schule, wo er der einzige Syrer ist und mit niemandem reden kann."

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Kinderbetreuung im Al Farah Center in Istanbul.

Jane Lewis weiß, dass noch viel zu tun ist, etwa was fixe Unterbringung und Schulen betrifft. Und wie ist das bei speziellen Bedürfnissen wie jenem von Lama Salatis Kind? "Wir arbeiten an einem Menü mit verschiedenen Optionen für verschiedene Belange", sagt die Leiterin von Echo in der Türkei, "aber letztlich wissen wir nicht, wie wir alle Bedürfnisse befriedigen können. Da gibt es keine magische Lösung." (Kim Son Hoang aus Sanliurfa und Istanbul, 18.3.2017)

Titelbild: Ihre drei Kinder, sieben, acht und zehn Jahre alt (von rechts), dürfe man gerne von vorne fotografieren, sagt Kamila Sabala al-Mustafa. Sie selbst will aber nur von hinten abgelichtet werden. Sie sei nicht sicher, ob ein Foto von ihr in einer Zeitung das Leben ihres in Syrien zurückgebliebenen Mannes gefährden könnte. Dann stellt sie sich in die Ecke. (Credit: Hoang)

Die Reise in die Türkei wurde vom European Journalism Centre (EJC) finanziert.