Rasenballsport Leipzig: Die Bedrängten

Interview16. März 2017, 11:01
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Zwangsbeglücken wolle er Leipzig nicht, hat Dietrich Mateschitz einmal gesagt – und so den Namen für den Blog von Andreas Bischof und Thomas Schmidt-Lux geliefert. Darin schreiben sie gegen den Einfluss von Red Bull auf die Stadt an

Sie leben in Leipzig, lieben Fußball, gehen aber nicht zu RB. Stattdessen schreiben Andreas Bischof und Thomas Schmidt-Lux in ihrem Blog zwangsbeglueckt.de darüber, was rund um den Red-Bull-Klub in der Stadt geschieht und wie Medien und Politik das Projekt unterstützen. Als entspannte Gegenstimme bezeichnen sie ihre Position, die ihnen inmitten der Leipziger Erstligaeuphorie schon viel Aufmerksamkeit eingebracht hat – auch die BBC interviewte die Blogger.

ballesterer: Vereinsblogs gibt es viele, aber warum schreibt man über einen Klub, dessen Spiele man nicht einmal anschaut?

Andreas Bischof: Ich verstehe uns als eine Art Watchblog. Es geht darum, genau hinzuschauen. Wir wollen eine Gegenöffentlichkeit schaffen beziehungsweise zeigen, dass die vorhanden ist.

Thomas Schmidt-Lux: Wir wollen niemanden beschimpfen, der dort hingeht. Ich verstehe die Leute, ich bin auch gerne beim Fußball. Der fundamentale Unterschied ist aber, dass sich hier ein Unternehmen einen Verein hingestellt hat. Daraus folgen weitere Dinge wie die Intransparenz, das unabsehbar große Budget und die undemokratischen Strukturen.

ballesterer: RB Leipzig gibt es seit 2009, Ihren Blog seit 2014. Warum so spät?

Schmidt-Lux: RB ist damals gerade in die zweite Liga aufgestiegen, was für noch mehr Durchdrehen gesorgt hat. Es hat genervt, dass niemand aus Leipzig zu Wort kommt, der sagt: "Nein, es steht nicht die ganze Stadt dahinter." Wir haben schon vorher Texte in einer privaten Gruppe geschrieben und dann beschlossen, das mit dem Blog öffentlich zu machen.

Bischof: Mich hat dabei vor allem das ganze Drumherum gestört, also wie Lokalpolitik und Presse auf den Zug aufspringen und dir erzählen, dass das jetzt der neue und bessere Fußball ist. Es reicht nicht, dass sie einfach ihr Ding machen, sondern es heißt auch ständig: "Die anderen Klubs in Leipzig haben ihre Chance gehabt, das machen wir jetzt besser." Das hat mich richtig geärgert – dabei habe ich gar keine Identifikation mit einem anderen Leipziger Verein.

ballesterer: Wie sieht Ihre Fußballbiografie denn aus?

Bischof: Ich bin in Thüringen aufgewachsen, in Weimar. Mein erstes Spiel im Stadion war auswärts mit Jena in Erfurt, also gleich ein Derby, wo Hundestaffeln und Wasserwerfer am Start waren. Als ich nach Leipzig gekommen bin, habe ich mir alles angeschaut, bin bei Lok und Chemie gewesen. Das hat mir aber ein-, zweimal die Saison gereicht. Bei RB war ich auch einmal, in der Regionalliga. Da war ja noch nicht so viel los.

Schmidt-Lux: Ich bin Leipziger und bis in die frühen 1990er-Jahre ein paar Jahre zu Lok gegangen. Dann hat das stark abgenommen – aus persönlichen Gründen, aber auch, weil es mit dem Verein nicht mehr so viel Spaß gemacht hat. Fußball habe ich weiter verfolgt, aber ohne Bindung an einen Klub. Gleichzeitig hat mir diese Vorstellung schon immer gefallen, alle zwei Wochen irgendwo hinzugehen, wo es guten Fußball gibt. Allerdings hat RB diesen Wunsch nicht erfüllen können.

ballesterer: Es wirkt ja oft so, als sei RB zwar überall verhasst, in Leipzig aber sehr beliebt. Wie schwierig ist es, kein Fan zu sein?

Schmidt-Lux: Es stimmt, dass der Klub in Leipzig viel Unterstützung hat. Wenn man aus der Stadt kommt, so der offizielle Talk, muss man verrückt oder Gewalttäter sein, um etwas dagegen zu haben. Was wir machen, ist schon eine Minderheitenposition.

Bischof: Sicher, ich kenne auch Leute, die zu RB Leipzig gehen und zehn, fünfzehn Kilometer außerhalb der Stadt wohnen, quasi das RB-Kernland. Oder in Erfurt und Weimar. Die fahren alle zwei Wochen zu den Heimspielen eine Dreiviertelstunde mit dem Zug, gehen hinterher noch etwas trinken und geben insgesamt vielleicht 50 Euro aus. Das ist nicht wie früher mit acht Euro für einen Steher, aber für ein mittelständisches Samstagabendvergnügen schon noch okay. Wenn ich sage, dass ich nichts mit dem Klub anfangen kann, ist das kein großes Problem. Ich muss mich auch nicht täglich beim Bäcker rechtfertigen, weil ich keinen RB-Schal trage.

ballesterer: Was bedeutet der Klub dann für die Stadt?

Schmidt-Lux: Das Problem ist dieses Konglomerat von RB, der "Leipziger Volkszeitung", dem Rathaus mit Bürgermeister Burkhard Jung und der Handelshochschule, die die wissenschaftliche Expertise liefert. Zuletzt mit einer Studie zum Public Value von RB Leipzig, bei der ein Viertel der Befragten für den Klub oder Red Bull arbeitet.

Bischof: Man kann sich da schon ein bisschen bedrängt fühlen. Es wird kein Zweifel daran gelassen, dass das, was RB macht, für uns alle gut ist, alle vertritt und Dinge wieder zurechtrückt, die lange falsch gelaufen sind.

ballesterer: Wie sieht das genau aus?

Schmidt-Lux: Die "Leipziger Volkszeitung" könnte auch in Rot-Weiß erscheinen, es gibt Titelseiten zu RB, der ganze Sportteil ist voll. Außerdem lässt RB bei der Druckerei der Zeitung regelmäßig dicke Sonderbeilagen produzieren.

Bischof: Und die Texte durchzieht dieses Wir-Gefühl. Da wird sehr viel an kollektiver Identität herangekarrt. Dabei hängen vor allem die eigenen Karrieren am Erfolg von RB. Wenn du einen Erstligisten in der Stadt hast, wirst du als Sportjournalist auch einmal in eine Talkshow eingeladen. In der Verwaltung ist es noch enger verknüpft. Das Stadion, das für die WM 2006 zu drei Vierteln mit öffentlichen Mitteln saniert worden ist, spielt dabei eine große Rolle. Wenn das jetzt nicht bespielt werden würde, hätte die Stadt ein Riesenproblem.

ballesterer: Red Bull wird das Stadion jetzt kaufen und vergrößern, statt am Stadtrand eine neue Arena zu bauen. Davon profitiert doch die Stadt.

Bischof: Der Stadionverkauf ist aber an Bedingungen geknüpft, die nicht öffentlich sind. Der Kauf wird nur rechtskräftig, wenn RB Leipzig seine Ausbaupläne genehmigt bekommt. Dazu gehört auch, dass Red Bull ein zusätzliches Gelände bekommt. Der Stadt ist schon ein wenig die Pistole auf die Brust gesetzt worden.

Schmidt-Lux: Die Leipziger Stadtholding hat im letzten Sommer einen Sponsorenvertrag mit dem Klub über 200.000 Euro abgeschlossen. Das ist kein Riesenbetrag, aber darüber hat der Aufsichtsrat der Holding alleine entschieden, trotz Kritik aus einigen Fraktionen. Es ist nicht zu erkennen, dass die Stadt einmal sagen würde: "Das geht jetzt nicht." Da scheint nach wie vor durchzuklingen, was Dietrich Mateschitz im Mai 2014 gesagt hat, als der Verein Auflagen für die Lizenzerteilung bekommen hat: "Wir müssen niemanden zwangsbeglücken, das haben wir auch nicht nötig." Mit anderen Worten: "Wir können das auch woanders machen." Er hat das nur einmal gesagt, aber es wirkt bis heute.

ballesterer: Gibt es dadurch eine Art vorauseilenden Gehorsam?

Schmidt-Lux: Der Mythos, hier sei ein Unternehmen gekommen und würde alles zahlen, stimmt zumindest nicht. Es stecken direkt und indirekt auch öffentliche Gelder drinnen. Nehmen wir die Aufstiegsfeier 2016, die ist vom MDR, also dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, mitbezahlt worden.

Bischof: Die Künstler sind vom MDR gebucht worden, offiziell für ein Fanfest der ostdeutschen Vereine. Tatsächlich war es eine RB-Aufstiegsfeier. Sie sind nicht einmal darum gebeten worden, sondern machen das von selbst.

Schmidt-Lux: Das nervt mich als Bürger. Leipzig hat sich nach 1989 als selbstbewusst, widerständig und demokratisch dargestellt, und dann kommt so etwas. Ich verstehe die Verlockungen eines Erstligavereins, aber die Stadt hat vorher auch funktioniert, und sie würde nicht zusammenbrechen, wenn RB wieder gehen würde.

ballesterer: Nehmen Sie eine Veränderung der Debatte um RB Leipzig wahr?

Schmidt-Lux: In der Stadt gibt es eindeutig eine Normalisierung und eine stärkere Euphorie. Und es wird immer uninteressanter, die ganze Geschichte zu hinterfragen. Bundesweit nehme ich das ähnlich wahr, da hat der sportliche Erfolg sicher seinen Teil beigetragen.

Bischof: Inzwischen scheint es auf den Meinungsseiten auch cool zu sein, gegen RB-Kritiker zu argumentieren.

Schmidt-Lux: HSV-Vorstandschef Heribert Bruchhagen hat kürzlich in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" sinngemäß gesagt: "Zuerst haben wir alle gedacht, das ist nur so ein Marketingding, aber jetzt muss man doch den sportlichen Erfolg anerkennen." Was ist das für eine Argumentation? Das eine schließt das andere doch nicht aus.

ballesterer: Welche Auswirkungen wird der Erfolg von RB Leipzig noch haben?

Schmidt-Lux: Man darf nicht unterschätzen, dass die Gründung des Klubs überhaupt möglich gewesen ist. Wenn jetzt zehn andere Unternehmen beschließen, das auch zu machen, haben wir eine Franchise-Liga. Red Bull hat in Leipzig den Eindruck entstehen lassen, dass sie niemandem etwas wegnehmen, aber da gehört doch auch die Geschichte in Salzburg dazu. Das interessiert hier allerdings kaum jemanden, sie haben ja nicht Dynamo Dresden ausbluten lassen. (Nicole Selmer, 16.3.2017)

Andreas Bischof (30) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Universität Chemnitz und forscht dort unter anderem zu Mensch-Technik-Interaktionen.

Thomas Schmidt-Lux (42) arbeitet als Soziologe an der Universität Leipzig und forscht zu kultursoziologischen Themen. Den Blog "zwangsbeglückt" betreiben sie seit Sommer 2014 gemeinsam mit zwei Freunden.

Link

zwangsbeglueckt.de

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