Wettlauf der Modeketten gegen Internetriesen

16. März 2017, 09:00
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Der stationäre Textilhandel verliert an Boden. Die Branche fordert mit Blick auf Onlinekonzerne Steuergerechtigkeit

Wien – Herbert Gänsdorfer nahm sich eine gute Stunde Zeit, um seinen Kunden über die Qualität eines Koffersets zu beraten. Bis dieser ein Smartphone zückte, online dafür einen niedrigeren Preis eruierte und vom Einkauf im kleinen Ledergeschäft absah. Konsumenten sei hier nichts vorzuwerfen, ist Gänsdorfer überzeugt, der Wiens Textilhändler als Obmann in der Wirtschaftskammer vertritt. "Stationäre Geschäfte werden jedoch niemals preislich mithalten können. Außer sie zahlen genauso wenig Steuern wie Amazon."

Gänsdorfer sieht sich als Optimist. Was die Zukunft des Modehandels anbelangt, hat er die Zuversicht hingegen verloren: Keine andere Sparte in Österreich habe in den vergangenen drei Jahren so stark eingebüßt wie der stationäre Bekleidungshandel. Sein Umsatz sank 2016 um 1,6 Prozent, wobei der Markt hierzulande schwächer reüssierte als der deutsche. Im Internet legte der Einzelhandel um vier Prozent zu. "Die Schere klafft immer weiter auseinander. Unsere Kostenkurven zeigen steil nach oben, das kann nicht gutgehen."

"Zwei Drittel in roten Zahlen"

Gänsdorfer zitiert deutsche Studien, in denen von 50.000 Standorten die Rede ist, die bis 2020 zusperren werden. Umgelegt auf Österreich seien bis zu 10.000 Fachhändler und mit ihnen 20.000 Jobs gefährdet, sofern sich der Trend nicht bald umkehre. Vor zehn Jahren sei jeder zweite Einzelhändler in den roten Zahlen gesteckt. Nun bilanzierten bis zu zwei Dritteln negativ. "Der Handel ist der Landschaftsgärtner unserer Innenstädte. Ändert sich nicht rasch was, werden wir überall in der Landschaft schwarze Löcher haben."

Für Gänsdorfer liegt der stärkste Hebel in mehr Steuergerechtigkeit. Die Ertrags- und Mehrwertsteuern gehörten da abgeführt, wo die Wertschöpfung geschehe, sagt er mit Blick auf internationale Internetriesen. Weiters brauche es Rechtshilfeabkommen, um deren Steuermeldungen zu überprüfen.

Warum üben nicht mehr große traditionelle Handelskonzerne in Europa Druck aus, um mit vereinten Kräften für faire Spielregeln zu sorgen? Norbert Scheele, Chef von C&A in Österreich und Osteuropa, winkt ab. Das sei Aufgabe der Politik. Als Unternehmen könne man da nicht viel ausrichten.

Verschworene Gemeinschaft

C&A ist nach H&M und vor P&C der zweitgrößte Textilhändler des Landes. 2116 Mitarbeiter setzen in 134 Filialen 410 Millionen Euro um. 176 Jahre ist es her, dass Clemens und August Brenninkmeijer in den Niederlanden den ersten Grundstein des Unternehmens legten, das mit konfektionierter Massenware viele Jahre lang als der größte Modeeinzelhändler Europas galt. Rigide Nachfolgeregelungen und strenge Abschottung nach außen sorgen nun auch sechs Generationen später dafür, dass C&A sowohl eigentumsrechtlich als auch operativ in der Hand der Familie ist.

Der deutsche Historiker Mark Spoerer, der die Konzerngeschichte beleuchtete, schreibt über eine verschworene verschwiegene Gemeinschaft, die Nachwuchs nur aus den eigenen Reihen rekrutierte, Banken draußen hielt, sich dem Kapitalmarkt entzog und stattdessen lieber harte Arbeit und katholische Lebensführung hochhielt.

Mit jungen billigen Konkurrenten von Zara bis Primark und Textilschwemmen via Internet hadert C&A mittlerweile freilich wie viele andere alteingesessene Konzerne. Die Umsätze gehen international zurück. C&A schließt Standorte, baut um und versucht sich mit hohen Investitionen neu zu erfinden. "Der Markt ist umkämpft und rückläufig. Jeder nimmt jedem etwas weg", resümiert Scheele.

Abtausch von Filialen

Auch in Österreich läuft ein Abtausch von Filialen. Villach etwa verliert ein C&A-Haus. Stattdessen wird in Spital und Klagenfurt eröffnet. In Wolfsberg und Wiener Neustadt schlossen alte Standorte, neue folgen. Eben modernisierte Scheele das Haus in Meidling. In Summe fließen heuer zehn Millionen Euro in sechs Geschäfte.

Ziel ist es, den Umsatzschwund um zuletzt vier Millionen Euro zu stoppen. Mit dem Fokus auf Biobaumwolle – 40 Prozent des Sortiments sind bio – will sich C&A von Konkurrenten differenzieren. An der Zahl der Filialen und ihrer Größe will Scheele auch angesichts der Onlinerivalen festhalten – "solange sich das Kundenverhalten nicht völlig ändert".

Je nach Schätzung kaufen die Österreicher bereits 15 bis 25 Prozent der Textilien im Internet. Der Anteil wächst von Jahr zu Jahr. (Verena Kainrath, 16.3.2017)

  • Kampf ums Leiberl und Kunden: Umsatzrückgänge der Textilbranche setzen sich fort.
    foto: afp

    Kampf ums Leiberl und Kunden: Umsatzrückgänge der Textilbranche setzen sich fort.

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