Abgasaffäre: Großrazzia in Audi-Zentrale und Wohnungen

15. März 2017, 17:58
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Audi soll wie VW in den USA Abgaswerte manipuliert haben, die Justiz geht gegen den Autobauer vor

Der Zeitpunkt hätte für Audi ungünstiger nicht sein können. Um zehn Uhr trat Chef Rupert Stadler am Mittwoch vor die Presse, auf dem Programm stand die Bilanzpressekonferenz der Volkswagen-Tochter. Zu diesem Zeitpunkt durchsuchten 18 Staatsanwälte und 80 Fahnder bereits seit drei Stunden Büroräume in der Zentrale in Ingolstadt (Bayern) und am Standort Neckarsulm (Baden-Württemberg). Auch in Niedersachsen wurden Büros und Wohnungen gefilzt.

"Es besteht der Verdacht, dass in Kraftfahrzeuge technische Vorrichtungen zur Manipulation von Abgaswerten eingebaut wurden, um die US-amerikanischen Abgasgrenzwerte einzuhalten, und die Käufer diesbezüglich nicht informiert wurden", teilte die federführende Staatsanwaltschaft München II mit. Dass die Durchsuchungen ausgerechnet am Tag der Bilanzpressekonferenz stattfanden, nannte selbst ein Sprecher der Staatsanwaltschaft "etwas unglücklich".

80.000 Autos betroffen

Stadler, dessen Wohnung von den Razzien nicht betroffen war, wollte sich bei seinem Auftritt nicht groß auf die Causa einlassen und sagte nur: "Wir können uns zu laufenden Ermittlungen nicht äußern. Ich selbst habe aber größtes Interesse an der Aufklärung des Sachverhalts, und es ist ganz klar, dass wir vollumfänglich mit den Behörden kooperieren."

Laut Staatsanwaltschaft geht es bei den Ermittlungen um den Verkauf von rund 80.000 Kfz mit einem von Audi entwickelten V6-3,0-Liter-Dieselmotor auf dem US-Markt zwischen 2009 und 2015. Der europäische Markt ist nicht betroffen. Audi hat zwar den Einbau von "Schummel-Software" schon im November 2015 eingeräumt, aber bisher gab es noch keine Ermittlungen gegen die VW-Premiumtochter, sondern nur gegen Volkswagen selbst.

Material aus den USA

Nun, bei Audi richten sich die Ermittlungen gegen unbekannt, die Staatsanwaltschaft hat keine konkreten Mitarbeiter im Visier. Die Voruntersuchungen haben mehr als ein Jahr lang gedauert, "Futter" für die Staatsanwälte kam offenbar aus den USA.

Dort hat die Justiz im Jänner sieben VW-Manager angeklagt. Gleichzeitig veröffentlichten die Behörden eine Tatsachendarstellung ("Statement of Facts"), auf die sich die US-Regierung und VW zuvor geeinigt hatten. Die Staatsanwaltschaft München erkannte darin "gewichtige und relevante Erkenntnisse" auch zum Komplex "Abgasaffäre und Audi": nämlich, dass Audi ab 2006 einen Dieselmotor für den US-Markt entwickelt habe, der in Fahrzeugen von Audi, VW und Porsche verwendet worden sei und der ein sogenanntes "Defeat Device" enthält. Die Funktion erkennt, wann das Auto getestet wird und sauber sein soll und wann es auf der Straße fährt und die Abgasreinigung zurückgefahren werden kann.

Zudem belastete der entlassene Leiter der Audi-Dieselmotorenentwicklung, Ulrich Weiß, in seinem Arbeitsprozess Stadler schwer. Dieser habe schon 2012 von den Tricks bei Audi gewusst.

Auch ohne Razzia wäre die Bilanzpressekonferenz nicht besonders heiter verlaufen. Zwar glänzt Audi im Gesamtkonzern VW, aber unterm Strich brach der Gewinn um mehr als die Hälfte auf knapp 2,1 Milliarden Euro ein. Bei der operativen Rendite liegt Audi hinter Mercedes und BMW. (Birgit Baumann aus Berlin, 16.3.2017)

  • Als Audi-Boss Rupert Stadler (links) am Mittwoch zur Bilanzpressekonferenz in Ingolstadt eintraf, waren die Razzien schon voll im Gange.
    foto: ap/schrader

    Als Audi-Boss Rupert Stadler (links) am Mittwoch zur Bilanzpressekonferenz in Ingolstadt eintraf, waren die Razzien schon voll im Gange.

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