Warum Lebensversicherungen auch ohne Zins greifen

    19. März 2017, 13:00
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    Experte: Bei richtiger Gestaltung weiterhin wichtiges Element im Vorsorgemix

    Wien – Der höchstzulässige Garantiezins klassischer Lebensversicherungen sinkt seit Jahren. Damit in Zeiten des Nullzinses Geld garantiert zu vermehren ist derzeit kaum möglich, lautet eine weitverbreitete Ansicht. Stimmt, sagt Jochen Ruß, Geschäftsführer des in Ulm ansässigen Instituts für Finanz und Aktuarwissenschaften, gibt aber zu bedenken: "Alles andere, was eine Lebensversicherung kann, funktioniert auch ohne Zinsen." Was aus seiner Sicht für die Altersvorsorge sogar bedeutender ist als hohe, garantierte Renditen.

    Zunächst sorge bei einer klassischen Lebensversicherung der Risikoausgleich über das Versichertenkollektiv als auch über die Zeit für einen Ausgleich, betont Ruß. "Das bedeutet, dass die Erträge von klassischen Versicherungen stabiler sind." Probleme würden allerdings die zu großzügigen Garantieversprechen aus der Vergangenheit machen. Um den Vorteil der stabilen Erträge zu erhalten, diese aber mit höheren Chancen zu kombinieren, sei eine Mischform mit Fondsgebundenen möglich. "Klassik in Reinform wird immer seltener ", folgert Ruß. Zwitterprodukte könnten aber beispielsweise eine Garantie für beispielsweise 80 Prozent des angesparten Kapitals darstellen – bei entsprechend höherer Chance.

    Falsches Verständnis von Sicherheit

    Viel mehr hält Ruß auch gar nicht für sinnvoll, denn: Die meisten Leute haben seiner Meinung nach ein falsches Verständnis von Sicherheit, da sie die Inflation ausblenden. Weniger nominelle Garantien, die bei tiefen Zinsen sehr teurer sind, und mehr Chancen in der Veranlagung erhöhten die Wahrscheinlichkeit, den allgemeinen Preisauftrieb zu kompensieren. Oder anders ausgedrückt: Kunden stufen laut Ruß Garantieprodukte als sicher ein, obwohl deren Kaufkraft am Ende der Laufzeit hochgradig unsicher ist.

    Dazu komme "das am meisten unterschätzte finanzielle Risiko unserer Zeit", nämlich die eigene Lebensdauer. Viele Menschen würden davon ausgehen, so alt zu werden wie Leute, die schon gestorben sind – und lassen außer Acht, dass die Lebenserwartung pro Generation um 7,5 Jahre ansteige. Zudem verweist der Versicherungsexperte auf das individuelle "Risiko", überdurchschnittlich lang auf der Welt zu weilen. "Für lebenslange Ausgaben braucht man ein lebenslanges Einkommen", betont Ruß. Entsprechende Gestaltung vorausgesetzt, empfiehlt er daher Lebensversicherungen trotz Nullzins weiterhin als Teil der Altersvorsorge. (aha, 19.3.2017)

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