Erdoğanisch für Anfänger

Kolumne15. März 2017, 15:40
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Die regierende AKP versucht das Wort "Nein" aus dem öffentlichen Gebrauch zu verbannen

Eine Meldung aus der Türkei sorgte vor ein paar Tagen für weltweites Staunen. Laut drei als regierungskritisch geltenden Tageszeitungen – in der Türkei mittlerweile ähnlich exotische Erscheinungen wie eine Charlie Hebdo-Ausgabe für Saudi-Arabien – versucht die regierende AKP das Wort "Nein" aus dem öffentlichen Gebrauch zu verbannen, da es in Hinblick auf die bevorstehende Volksabstimmung zur Verfassungsänderung das Volk auf die Idee bringen könnte, mit Nein zu stimmen.

Zu diesem Zweck wurden Wasserrechnungen mit der Aufschrift "Nein zur Wasserverschwendung" und "Sag Nein" propagierende Anti-Raucher-Broschüren eingestampft sowie dem größten türkischen Pay-TV-Sender die Ausstrahlung des Filmes "No" untersagt, in dem es noch dazu um ein Referendum gegen den chilenischen Diktator Pinochet geht.

Da eine Mehrheit für Ja bei der Abstimmung am 16. April noch immer nicht als sicher gilt, scheint es denkbar, dass Recep Tayyip Erdoğan bis dahin noch weitere Sprachregelungen und Neudefinitionen verordnen könnte. Und zwar diese:

Verfassung: Kleingeistiges Sammelsurium von Hindernissen, die es dem Staatspräsidenten erschweren sollen, das Richtige zu tun.

Ministerrat: Als Institution sinnlos und daher abzuschaffen. Wenn Minister Rat brauchen, bekommen sie ihn ohnehin vom Staatspräsidenten.

Volksabstimmung: Wie der Name schon sagt, geht es dabei darum, dass das Volk auf die Wünsche des Staatspräsidenten abgestimmt wird.

Gewaltenteilung: Ist abzulehnen. Was Gott in Erdoğan vereint hat, soll der Mensch nicht per Referendum teilen.

Unabhängige Justiz: Völlig fehlgeleitete Vorstellung von Rechtsprechung, die richterlicher Willkür Tür und Tor öffnet und dabei nicht einmal vor der Belästigung des Staatspräsidenten, seiner Freunde und seiner Familienangehörigen zurückschreckt.

Gefängnis: Schutzzone für an der Großartigkeit des Staatspräsidenten Zweifelnde, wo sie in Ruhe über ihren Irrtum nachdenken können.

Todesstrafe: Humanitäre Maßnahme, um das Raumangebot der Schutzzone zu verbessern.

Kontrolle: Ausdruck des Misstrauens, Vorstufe zum Vaterlandsverrat.

Oppositioneller: Vaterlandsverräter.

Gegner der Verfassungsreform: Terrorist.

Erdoğan-Kritiker: Nazi.

Pressefreiheit: Gefährliche Waffe von Vaterlandsverrätern, Terroristen und Nazis.

Demokratie: Siehe Pressefreiheit.

Sultanat: Grundvernünftige Staatsform. Wird nur abgelehnt von vaterlandsverratenden Nazi-Terroristen.

Völkermord: Gibt es nicht, hat es nie gegeben, gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

Kurden: Siehe Völkermord.

Türkei: Unzeitgemäßer, an den unislamischen Dekadenzler Atatürk erinnernder Name. Sollte langfristig durch Erdoğanistan ersetzt werden.

Im Weiteren wird es wohl eine schwarze Liste geben mit Begriffen, die gänzlich aus dem Sprachgebrauch zu streichen sind. Dazu gehören unter anderem: Korruption, Nepotismus, Größenwahn, Realitätsverlust, charakterlicher Defekt und Mann mit zu kleinem Penis. (Florian Scheuba, 15.3.2017)

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