Spaniens "Herr der Fliegen" und seine Farm

15. März 2017, 11:00
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Entomologe Santos Rojo Velasco gründete mit dem Universitäts-Spin-off Bioflytech die erste kommerzielle Fliegenfarm Europas

Es wirkt wie auf einem Campingplatz. Doch sind es in den Bioflytech-Labors am Campus der Universität Alicante im nahen San Vicente del Raspeig Fliegen, die in den Zelten leben. Etwa 20 Millionen dieser Insekten produziert das Start-up jährlich, primär um sie und ihre Larven zu Proteinmehl zu verarbeiten. 2012 ins Leben gerufen zählt man global gesehen zu den Pionieren.

"Bis zu zwei Millionen Fliegeneier produzieren wir täglich", sagt Universitätsprofessor und Bioflytech-Gründer Santos Rojo Velasco. Seit mehr als einer Dekade erforscht der 51-Jährige die Plagegeister und ihre Zucht. Ziel ist es, die Menge zu vervierfachen, doch: "Fliegenarten zu domestizieren ist keine leichte Aufgabe", sagt der Entomologe: "Temperatur, Sauerstoff und Licht müssen exakt abgestimmt sein." Als Nahrung dienen den Fliegen Obst- und Fleischabfälle ebenso wie Lederreste naher Schuhfabriken. "Sie sind die perfekten Reinigungskräfte der Natur", sagt er.

Fliegenlarven und Mehl aus den Insekten liefert man nach Russland, Deutschland, Frankreich oder in die USA. In erster Linie für Haustiernahrung, denn erst heuer im Juli folgt die Freigabe der EU-Behörden für den Einsatz in der Fischzucht. Sukzessive soll diese für Hühnerhaltung, Rinderzucht, und so hofft Rojo Velasco, auch für Menschen folgen.

Fünf-Milliarden-Euro-Markt

In Europa verpönt, ist es ein Fünf-Milliarden-Euro-Markt. Die Welternährungsorganisation FAO empfiehlt, Insekten als Nahrungsmittel – wegen des Eiweiß-, Vitamin- und Mineralstoffgehaltes. Auch der Mangel an Agrarland und Umweltschäden durch Futtermittelanbau für die Massentierhaltung wie bei brasilianischer Soja sprächen dafür.

Das CSIC, Spaniens Pendant zur Akademie der Wissenschaften, vergleicht das Insekten-Proteinmehl aus Alicante derzeit mit Weizenmehl. "Wir haben es hier im Labor alle schon gekostet", sagt Berta Pastor, Bioflytech-Forschungsleiterin zum STANDARD – unter Hinweis auf ein Larven-Muffin-Foto, das man auf Twitter postete. Ihre Dissertation in der Biologie verfasste Pastor übrigens zu einem Stubenfliegen-Zuchtsystem für die Viehzucht. Um Tierexkremente via Larven als Futter zu recyceln.

Bei Bioflytech züchtet man auch Fliegen zur Bestäubung von Nutzpflanzen, etwa in Gewächshäusern um Almería. Derzeit sind vier Fliegenarten im Sortiment: "Unser 'Star' ist Hermetia illucens, die schwarze Soldatenfliege", sagt Pastor: "Sie ernährt sich aus organischen Resten und hat dabei einen extrem hohen Effizienzgrad bei der Nährstoffumwandlung." (Jan Marot aus Alicante, 15.3.2017)

  • Fliegen als Bestäuber und ihre Larven als Tiernahrung. In Spanien träumt man vom großflächigen Einsatz der Insekten. Angenehmer Nutzeffekt: Sie fressen Mist, Schlachthausabfälle und Leder.
    foto: bioflytech

    Fliegen als Bestäuber und ihre Larven als Tiernahrung. In Spanien träumt man vom großflächigen Einsatz der Insekten. Angenehmer Nutzeffekt: Sie fressen Mist, Schlachthausabfälle und Leder.

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