The Shins: Dünne Stimme, ernster Blick

15. März 2017, 12:00
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Nach fünf Jahren Pause kehrt die US-Band mit dem Album "Heartworms" wieder

Wien – Gute Alben sind wie alte Freunde. Die können plötzlich vor einem stehen, Schwimmreifen oder dünnes Haar haben, man erkennt sie sofort, freut sich, sie zu treffen. Bei einem neuen Album der Band The Shins ist es ähnlich. Nur dass statt Vertrautheit eine alte Rätselhaftigkeit auftaucht. Was genau macht die Musik dieser Gruppe eigentlich aus?

foto: columbia / sony music
James Mercer, 46, bleibt rätselhaft. Dem Gitarrenpop seiner Band The Shins schadet das nicht, wie das Album "Heartworms" belegt.

Über die Jahre hat man sich daran gewöhnt, dass die Antwort auf diese Frage im Dunkeln bleibt. Das ist gut so, denn es nährt die Magie dieser Musik, die oberflächlich betrachtet nicht viel mehr ist als besserer Jingle-Jangle-Gitarren-Pop.

James Mercers Stimme ist so dünn wie seine Beine. Fast möchte man ihr jedes Charisma absprechen, aber das stimmte natürlich nicht. Und nur sein ernster Blick verheißt eine Tiefgründigkeit, die sich aber erst wahrnehmen lässt, wenn man seinen Alben öfter lauscht. Und das tun offenbar viele, immerhin zählt die Band zur Oberliga der Alternative Music.

Erfolg und Depressionen

In einem persönlichen Treffen vor zehn Jahren meinte James Mercer darauf angesprochen: "Ich habe schon öfter gelesen, dass wir beim Erstkontakt nicht so richtig wahrgenommen werden, sondern erst nach mehreren Durchgängen unser Durchsetzungsvermögen beweisen. Offenbar sind wir eine Band, die eher durch die Hintertür auf die Party schleicht. Dafür bleiben wir dann bis zum Ende." Das gilt immer noch. Wenngleich das eben erschienene fünfte Album Heartworms so catchy ist wie keines zuvor.

theshinsvevo

Die mehrköpfige Band The Shins ist über die Jahre zu einem Ein-Mann-Projekt geschrumpft. Ende der Nullerjahre legte Mercer dieses auf Eis, feuerte alle Mitglieder, um erst einmal durchzuschnaufen. Mercer leidet seit seiner Jugend an Depressionen und Angstzuständen. Der kommerzielle Durchbruch mit dem 2007 beim Label Sub Pop veröffentlichten Wincing The Night Away machte das Leben mit Tourneen und dem Verlangen, möglichst bald ein Nachfolgewerk zu produzieren, für ihn unerträglich – da zog er die Notbremse.

Auf Anfrage des Produzenten Brian Burton alias Danger Mouse kehrte er wieder und nahm mit Burton unter dem Namen Broken Bells 2010 ein exzellentes Debütalbum auf. Zwei Jahre später rief er die etablierte Marke The Shins mit angeheuerten Mietmusikern wieder ins Leben und veröffentlichte das Album Port of Morrow.

Zwar tourte er mit The Shins, doch nur verhalten. Immerhin hat der Mann eine Familie mit zwei Kindern zu Hause, es wird ihm also sowieso nicht langweilig. In den fünf Jahren seit dem letzten Werk hat er fast alle Mitglieder der letzten Bandinkarnation ausgetauscht, und Heartworms beginnt wieder so, wie jedes Shins-Album davor.

Mercer ist nicht gerade naturlässig, und das ist seiner Musik anzumerken. Dieser haftet etwas Kontrolliertes an, sie ist ein wenig uptight, wie der Ami sagt. Unsicherheiten sind demnach ein Thema in Mercers Kunst. Er singt lieber über Dinge, die er nicht möchte, die es zu vermeiden gilt, bevor er etwas euphorisch befürwortet. Doch wie gesagt, Heartworms ist weniger abweisend als bisherige Arbeiten.

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Der Opener Name for You ist Shins-Hausmarke. Ein ökonomischer Song, dem von Synthesizerspielereien etwas Fett auf die aus der Haut stehenden Rippen verpasst wird, während Mercer sich einmal aufwärmt. Sein Gesang hat etwas Gehetztes, lässt jegliche Ausgeglichenheit vermissen. Vielleicht verleiht das der Musik ihre subtile Dringlichkeit, denn während in Painting a Hole der Bass und der Synthesizer gute Arbeit leisten, scheint Mercer oben drüber nach Luft zu japsen.

Zweifelnde Balladen

Das liest sich nicht wahnsinnig verlockend, doch Mercer hat daraus längst einen bestens funktionierenden Stil geschaffen. Dazu sind die Synthesizer-Elemente liebenswürdig nerdig, es menschelt also nicht zu knapp. Mit Mildenhall liefert er ein kleines Low-Fi-Country-Gstanzl ab, gegen Ende bremst er ab, zweifelt sich durch Midtempo-Balladen und zieht darin Stimme und Synthie in die höchsten Lagen. Dorthin, wo er einem wieder entwischt. Solange er immer wiederkehrt, darf das ruhig so bleiben. (Karl Fluch, 15.3.2017)

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