Paraden in Pink: Mode setzt auf politische Statements

21. März 2017, 13:51
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Rosa Hauben, weiße Bandanas, Slogan-Shirts: Seit Trumps Wahlsieg machen Designer mit politischen Statements auf sich aufmerksam. Aber kann man das ernst nehmen?

Der neue Mann im Weißen Haus bringt die Modewelt in Wallung: Dem ungehobelten Präsidenten in seinen viel zu großen Brioni-Anzügen haben anscheinend alle, ob in Paris, New York oder in Kopenhagen, etwas mitzuteilen. Sie tun es mit pinken Pussy-Hats, mit fett bedruckten Slogan-Shirts oder weißen Bandanas.

Wo lange nichts mehr war, wirkt das gemeinsame Feindbild sinnstiftend. Und so glichen die Modewochen von New York bis Paris zuletzt einem Protestmarathon. Die Top drei der politischen Themen, die die Modebranche derzeit umtreiben: Trump, Feminismus, Brexit.

Einen Anfang machte im Februar die Modeschau des Unternehmens Tommy Hilfiger. Dessen Chefdesigner, nebenbei Verfechter von Melania Trump, meinte Ende letzten Jahres noch: "Jeder Designer sollte stolz sein, eine so schöne Frau auszustatten". Jetzt band er Models wie Gigi Hadid weiße Bandanas um die dünnen Handgelenke.

foto: apa/afp/beck
Models bei der Hilfiger-Show im Februar.

Tücherparade

Dieser Wickel erwies sich als Volltreffer. Zu verdanken ist die ambitionierte Tücherparade Imran Amed, dem Macher der Modeplattform "Business of Fashion". Er forderte die Branche auf, weiße Bandanas umzubinden – man wolle ein "Zeichen der Menschlichkeit in einer Zeit des Chaos und der Angst in vielen Nationen dieser Erde" setzen. Was wie der nebulöse Schlachtruf einer Benetton-Kampagne oder die "Heal the World"-Attitüde eines Michael Jackson klingt, kommt in der Branche gut an. Mit dem Hashtag zum geknoteten Tücherl (#TiedTogether) wurden auf Instagram bereits 7.000 Bilder versehen.

Statt verbissene Gesichter oder schlecht gekleidete Protestler zu zeigen, machen diese Fotos gute Laune: Auf ihnen schwenken Models ihre Tücher in der Luft, Moderedakteurinnen schlingen sich die Tücher um Hälse, Haare, Handgelenke und verwandeln ihre teuren Gucci-Outfits in Politstatements.

Protest geht in der Mode so behände von der Hand wie das Klicken des "Like"-Buttons in den sozialen Netzwerken – und sieht noch dazu blendend aus. "Wir erleben heute eine ästhetische Protestkultur des Web 3.0", erklärt Elke Gaugele, Professorin für Moden und Styles an der Akademie der bildenden Künste Wien.

foto: reuters / alessandro garofalo
Designerin Angela Missoni setzte den Models während der Mailänder Modewoche jene pinkfarbenen Hauben auf, die mit dem "Women's March" zum Symbol einer neuen Frauenbewegung wurden.

Bedruckte T-Shirts

Auch die Designer scheinen wie berauscht zu sein von der Vorstellung, Haltung zu zeigen. So machen neuerdings die bedruckten T-Shirts die Runde – wie damals Anfang der 1980er-Jahre, als die Designerin Katharine Hamnett bei einem Empfang von Premierministerin Margaret Thatcher ein Shirt mit der Aufschrift "58 % Don't Want Pershing" trug. Sie ging mit dem T-Shirt in die Modegeschichte ein.

An diese Sprengkraft kommt heute kaum jemand heran. Zu viele Slogans und Shirts sind im Umlauf. Dao-Yi Chow und Maxwell Osborne, die beiden Köpfe hinter dem New Yorker Label Public School, formulierten den Trump-Slogan "Make America Great Again" zu "Make America New York" um, und der nepalesisch-amerikanische Designer Prabal Gurung versuchte es mit einer Parade an bedruckten Shirts: Bella Hadid trug ein Oberteil mit der Aufschrift "The Future Is Female", der Titel zitiert ein Statement des ersten New Yorker Frauenbuchladens von 1975. Es folgte dem Dior-Shirt, das sich in der Modeszene mit der Aufschrift "We Should All Be Feminists" zu einem Bestseller entwickelt hat.

Abziehbilder

Für das zum LVMH-Konzern gehörende Unternehmen ist die Rechnung jedenfalls aufgegangen: Natalie Portman hielt während des "Women's March" in Los Angeles ihre Rede in besagtem Oberteil. "Es geht um die Ökonomie der Aufmerksamkeit, hier werden Abziehbilder der Protestkultur gezeigt", meint Gaugele.

Neu ist die Aneignung von bedruckten Shirts durch die Mode nicht. "In Zusammenhang mit Ethical Fashion und Protestkultur sind Statement-Shirts seit der Antiglobalisierungswelle in den Nullerjahren immer wieder aufgetaucht. Bei Bruno Pieters und Westwood war es chic, Aufschriften wie 'Climate-Change' und damit eine ethische, fair produzierte Mode nach vorn zu tragen", so Gaugele. Heute sind die Themen andere. Viele fühlen sich in der Modebranche von der Politik Trumps persönlich betroffen.

Dem Aufruf des amerikanischen "W Magazines" zum Beispiel folgten 81 Personen aus der Modebranche. Sie bekannten in einem Video "I Am an Immigrant", in London funktionierte ein Designer seine Schau zu einer Anti-Brexit-Demo um, in Mailand setzte die Designerin Angela Missoni ihren Models pinke Pussy-Hats auf – sie sind zum Symbol einer neuen Frauenbewegung geworden. Es ging auch subtil: Der neue Calvin-Klein-Kreativchef Raf Simons ließ in seiner Show die Popkultur sprechen, indem er David Bowie "This Is Not America" singen ließ.

w magazine

Bei solch vagen Statements stellt sich die Frage, ob nicht auch von den echten Problemen der Branche abgelenkt wird: vom gnadenlosen Tempo der Fast-Fashion-Industrie, dem rassistischen Gebaren der Luxusunternehmen, der Ausbeutung von Textilarbeitern in Billiglohnländern. Da, wo es wehtut, bleiben klare Bekenntnisse aus, Bandana hin oder Bandana her. (Anne Feldkamp, RONDO, 21.3.2017)

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