Karbon oder Käse: Hightech-Materialien im Uhrenbau

    29. März 2017, 16:26
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    Karbon, Silizium oder doch Käse? In den Labors der Uhrenindustrie wird an immer neuen Legierungen und Materialien geforscht, die Zeitmesser noch widerstandsfähiger, leichter (und teurer) machen

    Es sollte ein Gag sein, wenn auch einer mit einem ernsten Hintergrund: Aus Protest gegen die in ihren Augen immer noch zu laschen Bedingungen der neuen Swiss-Made-Regelung zeigten H. Moser & Cie am Anfang des Jahres die "Swiss Mad Watch". Der kleine Hersteller aus Neuhausen am Rheinfall verpasste seiner "verrückten" Uhr ein Gehäuse aus (natürlich) Schweizer Käse, Sorte Vacherin Mont d'Or Médaille d'Or. Schließlich sei Käse eine zu hundert Prozent eidgenössische Ressource und damit total made in Switzerland.

    Das sorgte zum einen für ordentlich Aufsehen und Erheiterung und warf zum anderen die Frage auf: Was kann da noch kommen, wenn selbst Käse, freilich in Kombination mit einem stabilisierenden Verbundstoff, als Gehäusematerial verwendet werden kann?

    Kohle mit Kohlenstoff

    Schon länger gibt es in der Branche die Tendenz, neue Hightechmaterialien an die Stelle der bekannten Werkstoffe wie Edelstahl, Gold oder Platin treten zu lassen. Jahr für Jahr, gerade auf oder im Vorfeld der großen Uhrenmessen in Genf und Basel (23. bis 30. 3.), überbieten sich die Marken geradezu mit einschlägigen Errungenschaften. Schließlich will man im Gespräch bleiben: Wen interessiert schon das 20. Tourbillon oder die 100. Mondphase? Diese, sagen wir, Angeberei, die dazu dient, Medienmeute, Blogger und Fans mit Neuigkeiten zu versorgen, ist allerdings nur ein Abfallprodukt des Strebens nach uhrmacherischer Perfektion. Denn selbst wenn Puristen die Nase rümpfen mögen, zahlreiche Werkstoffe verbessern ganz wesentlich die Funktionstüchtigkeit der mechanischen Uhr.

    Bestes Beispiel: Silizium. Das aus der Computerchipherstellung bekannte Material hat längst seinen Siegeszug angetreten und ist in zahlreichen Uhren der Haute Horlogerie zu finden. Und zwar an ganz zentraler Stelle, etwa der Unruhspirale, aber auch bei Anker und Ankerrad. Als Element der Kohlenstoffgruppe ist das Material fest und dennoch biegsam, leicht, rostfrei, höchst langlebig, nicht magnetisch und beständig gegenüber Temperaturschwankungen, welche einen starken Einfluss auf die Ganggenauigkeit haben. Somit ist es das ideale Material für die Unruhspirale, die als das "Herz" der mechanischen Uhr bezeichnet wird, da es Stabilität, Beständigkeit und Langlebigkeit für eine akkurate Zeitmessung bietet.

    Keramik ist ein Dauerbrenner

    Schon um die Jahrtausendwende gingen die Uhrengiganten Rolex, Patek Philippe und die Swatch Group mit dem Centre suisse d'Électronique et de Microtechnique (CSEM) in Neuenburg eine ungewöhnliche Allianz ein, um ein Produktionsverfahren zu entwickeln. Patek stürmte 2006 voran und präsentierte die erste funktionierende Uhr mit einer Spiralfeder aus monokristallinem Silizium. Nur Ulysse Nardin war schneller und zeigte bereits 2001 einen Prototyp mit einer Silizium-Hemmung. Die Swatch Group setzt mittlerweile bei allen neuen Co-Axial-Kalibern von Omega flächendeckend auf die Siliziumspiralfeder. Das Argument, dass diese neue Technologie die Uhren teurer machen würde, trifft in diesem Zusammenhang nicht mehr zu. Spätestens seit Mido und seit kurzem auch Tissot Teile ihrer Kollektion mit Siliziumspiralen ausstatten. Für Preise um die 1.000 Euro. Der Power der Swatch Group sei dank.

    Ein Dauerbrenner unter den "neuen" Materialien ist Keramik. Rado zählt hier zu den Pionieren. Dank eines Verfahrens mit extremer Hitze kann die Marke Keramik in ein platinfarbenes Material "verwandeln". Dieses Plasma-Hightech-Keramik ist hart, kratzfest, leicht und mit nahezu unzerstörbarem Glanz, auch diverse Farbvarianten sind möglich. Chanel, Rolex, Omega, Hublot ..., um nur ein paar zu nennen, setzen verstärkt auf den korrosionsbeständigen Werkstoff.

    Leinen im Gehäuse

    Rolex und Co entwickeln auch das gute alte Gold weiter. Ob es nun Everose, Sedna-, Cera- oder Magic-Gold heißt: Allesamt entstammen sie den Alchemistenküchen der Hersteller, wo Wissenschafter daran tüfteln, dem weichen Gold mittels Beimischung von u. a. Keramik Härte zu geben.

    Hublot kommt die Ehre zu, die Türen für ungewöhnliche Materialmixe aufgestoßen zu haben. Nach dem Fusionsprinzip begann man in Nyon widerstandsfähige Karbonfasern, bekannt aus dem Automobilleichtbau, zu verwenden: Feine Kohlenstofffasern werden in einem aufwendigen Verfahren zu einem Gewebe verflochten und in Epoxidharz oder Kunststoff bei hohen Temperaturen gebacken, was zu textilartigen Mustern auf Lünetten und Gehäusen führt. Das Ergebnis sind schwarze, sehr technoide Uhren. Mit dem "Fibre de Lin" gelang es den Tüftlern sogar, Leinen zu uhrmacherischen Ehren zu verhelfen: Die aus Flachs gewonnenen Fasern werden in einem Harz gebunden, können beliebig gefärbt werden und sind genauso beständig wie Kohlefaserverbundstoff, aber noch leichter.

    Nano macht stabil

    Richtig spacig wird es dann beim Thema Titan. Tatsächlich wird das Material gerne in der Raumfahrt eingesetzt, wo es wegen seiner Leichtigkeit und hohen Korrosionsbeständigkeit geschätzt wird. Richard Mille, die Marke und die Person, steht auf dieses mattgraue Material, das ob seiner Härte sehr schwer zu bearbeiten ist.

    Selbstverständlich geht's auch immer noch verrückter: In Genf stellte die Marke die ultraleichte "RM 50-03 Tourbillon Split Seconds Chronograph McLaren F1" vor. Sie wiegt – inklusive Armband – weniger als 40 Gramm, was ihn zum leichtesten mechanischen Chronografen aller Zeiten macht. Neben Titan und TPT-Karbon kommt im Modelldesign ein in der Uhrmacherkunst völlig neues Material zum Einsatz: Graph TPT, das auch als Graphen bekannt ist. Ein Nanomaterial, das sechsmal leichter und 200-mal stabiler als Stahl ist und beim Bau von F1-Boliden eingesetzt wird. Auch der Preis ist die Härte: über eine Million Euro. (Markus Böhm, RONDO, 29.3.2017)

    • Edelstahl oder Gold ist doch langweilig. Sieht man sich an, welche Werkstoffe im Uhrenbau benutzt werden, sollte man ein Lexikon griffbereit haben.
      foto: hersteller

      Edelstahl oder Gold ist doch langweilig. Sieht man sich an, welche Werkstoffe im Uhrenbau benutzt werden, sollte man ein Lexikon griffbereit haben.

    • Von links: Omega vereint Keramik mit der Rotgoldlegierung Sedna Gold in der Speedmaster Dark Side of the Moon. H. Moser setzt mit seiner "Käseuhr" ein Statement. Richard Milles RM  50-03 wiegt nur 40 Gramm, Titan  und Graphen sei dank. Panerai gibt auf seine Karbonuhr Luminor LAB-ID 50 Jahre Garantie.
      foto: hersteller

      Von links: Omega vereint Keramik mit der Rotgoldlegierung Sedna Gold in der Speedmaster Dark Side of the Moon. H. Moser setzt mit seiner "Käseuhr" ein Statement. Richard Milles RM 50-03 wiegt nur 40 Gramm, Titan und Graphen sei dank. Panerai gibt auf seine Karbonuhr Luminor LAB-ID 50 Jahre Garantie.

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