Warum Trump die Deutschen kritisiert – und was das eigentliche Problem der USA ist

17. März 2017, 09:43
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Zwischen Washington und Berlin bahnt sich ein Konflikt um die sehr hohen deutschen Exporte an. Worum es bei dem Streit wirklich geht

Wien – Er war keine 14 Tage im Amt, schon zettelte Peter Navarro einen Konflikt mit einer der weltweit größten Wirtschaftsmächte an: Deutschland. Das Land würde die USA im internationalen Handel ausnutzen, sagte der Ökonom Ende Jänner. Trump hat ihn genau dafür als Chef des Nationalen Handelsrats an Bord geholt. Die Amerikaner wollen damit Schluss machen, dass sie Jahr für Jahr mehr aus Deutschland importieren als umgekehrt. Worum es bei dem Streit genau geht.

Frage: Was steckt hinter der Deutschland-Kritik der Trump-Regierung?

Antwort: Donald Trump hat versprochen, dass er Arbeitsplätze in die USA zurückbringt. Alles, was die Amerikaner im Ausland einkaufen – Autos, Maschinen, Fernseher –, könnten sie theoretisch auch selbst herstellen. In der Regel läuft es aber so: Jeder kauft ein bisschen etwas vom anderen, und nach einiger Zeit gleicht sich das unter dem Strich aus.

Frage: In der Regel?

Antwort: Bei den USA ist das anders. Das Land fährt seit Jahrzehnten Leistungsbilanzdefizite ein.

Frage: Leistungsbi... was?

Antwort: Leistungsbilanz ist ein kompliziertes Wort für ein einfaches Prinzip. Man rechnet alle Einkünfte zusammen, die in einem Land aus Exporten entstehen, und zieht dann die Ausgaben für die Importe ab. Die Amerikaner geben seit 50 Jahren mehr für ihre Importe aus, als sie mit Verkäufen ins Ausland einnehmen. Sie haben ein Leistungsbilanzdefizit.

Frage: Ist das ein Problem?

Antwort: Es muss keines sein. Die Arbeitslosigkeit in den USA ist so niedrig wie lange nicht. Es kann mit der Zeit aber eines werden.

Frage: Warum ist die Arbeitslosigkeit im Land so niedrig, wenn die Amerikaner so wenig ins Ausland verkaufen?

Antwort: Sie verkaufen ja gar nicht so wenig ins Ausland. Das Problem ist eher, dass sie so viel aus dem Ausland einkaufen. Sie geben mehr Geld aus, als sie haben.

Frage: Das verstehe ich nicht. Wie?

Antwort: Ein Beispiel. Stell dir eine Insel vor, die nur von zwei Familien bewohnt wird, von den Youngs und den Jacksons. Die Familie Young ist ... jung, Nachwuchs steht an, ein Haus soll gebaut werden. Bisher konnten sie nichts sparen, daher wollen sie einen Kredit aufnehmen. Das geht nur, wenn es ihnen die Jacksons borgen. Sonst ist ja keiner da.

Frage: Und weiter?

Antwort: Die Jacksons haben in den vergangenen Jahren viel gespart, ihr Geld liegt auf der Bank. Und sie borgen den Youngs jetzt die benötigte Summe, die die Jacksons angespart haben. Die Youngs investieren es sofort in ihr Haus. Es wird also genauso viel gespart wie ausgegeben. Das ist eine wichtige Regel, wenn man Leistungsbilanzen verstehen will. Ein Land, das wie unsere Insel funktioniert, hat kein Defizit in der Bilanz.

Frage: Wie entsteht ein Defizit?

Antwort: Dazu brauchen wir eine zweite Insel. Eines Tages kommt nun ein Boot von dieser zweiten Insel vorbei. Mit dabei haben die paar Männer einen Koffer Geld. Sie wollen das jetzt nicht ausgeben, ob es denn niemand hier brauche? In ein paar Jahren wolle man es mit recht niedrigen Zinsen zurück. Weil das Angebot so verlockend ist, entschließen sich die Youngs, noch einmal zuzuschlagen. Und auch die Jacksons nehmen ein paar Tausender.

Frage: Und jetzt ist in der Leistungsbilanz ein Defizit entstanden?

Antwort: Genau. Auf unserer Insel wird mehr Geld ausgegeben, als da ist. Wenn wir das auf die Realität übertragen, dann sind die USA die erste Insel. Die Männer mit den Geldkoffern hießen dann entweder Müller oder Wang, sie waren Deutsche oder Chinesen.

Frage: Deutschland und China borgen den USA also Geld?

Antwort: So ist es. Die USA sind weltweit der größte Schuldner, die Deutschen und Chinesen haben riesige Vermögen im Ausland liegen, weil sie lieber sparen als ihr Geld ausgeben. Sie importieren weniger aus den USA. Das Geld, das sie sich so sparen, borgen sie den Amerikanern.

Frage: Und was will Trump jetzt?

Antwort: Chinesen und Deutsche sollen weniger sparen und stattdessen US-Produkte kaufen.

Frage: Ist das realistisch?

Antwort: Nein, denn es gibt keinen Knopf, der sich dafür einfach drücken lässt. Die deutsche Gesellschaft altert sehr schnell, es macht für sie durchaus Sinn, Geld für die Pension anzusparen. In den USA ist es umgekehrt, es gibt mehr Junge, ein Defizit kann Sinn machen.

Frage: Ist die Kritik also haltlos?

Antwort: Nicht ganz. Deutschland wird nicht nur von Trump, sondern auch vom IWF, von der EU-Kommission und vielen Ökonomen kritisiert. Es wird derart viel gespart, dass die Eurozone aus der Balance kommt. Würden die Deutschen mehr ausgeben, könnte sich die Wirtschaft besser entwickeln.

Frage: Was ist mit den USA?

Antwort: Auch sie würden leicht profitieren, wenn die Deutschen oder die Chinesen mehr ausgeben. Ob sie dann aber US-Produkte kaufen, ist ungewiss. In der Hand haben die Amerikaner lediglich ihren Konsum. Viele nehmen dafür Kredite auf. Das Geld der Banken stammt zu einem Teil von den Müllers und Wangs dieser Welt. Wollen sie eines Tages plötzlich ihr Geld zurück, könnten die USA in Schwierigkeiten geraten. (Andreas Sator, 17.3.2017)

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    foto: ap photo / markus schreiber

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    foto: apa/afp/nicholas kamm
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