Blinde Menschen fahren Auto

Reportage14. März 2017, 14:00
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Mit dieser ungewöhnlichen Aktion hat sich der Salzburger Blindenverband an den ÖAMTC gewandt. 15 Teilnehmer setzten sich ans Steuer und fuhren auf dem Übungsplatz ihre Runden

Saalfelden – Sarah Traugott tastet das Lenkrad ab. Ihre Finger fahren über die Naht des Überzugs und begutachten langsam die Knöpfe und Hebel. "Schaut gut aus", scherzt die 19-Jährige. Die Salzburgerin ist aufgrund einer Augenerkrankung seit ihrem fünften Lebensjahr erblindet. Nun sitzt sie am Steuer eines Autos.

"Bleib mit beiden Händen auf dem Lenkrad", sagt der Fahrtechnikinstruktor Hans Cantonati. Er sitzt neben ihr und erklärt der 19-Jährigen die Funktionen des Wagens. "Anschnallen sollt ich mich auch", sagt Traugott. Die Autofahrt auf dem Übungsplatz unter Cantonatis Anleitung kann beginnen. Sarah gibt leicht Gas. Das Auto setzt sich in Bewegung.

foto: walter schweinöster / bsvs
Sarah Traugott (19) setzt sich ans Steuer, obwohl sie nicht sehen kann. Fahrtechnikinstruktor Hans Cantonati sagt der blinden Fahrerin die Richtung an.

Es war eine ungewöhnliche Bitte, mit der sich der Salzburger Blinden- und Sehbehindertenverband an den ÖAMTC wandte: Autofahren für blinde und sehbehinderte Menschen. Einmal am Steuer eines Autos zu sitzen, ohne zu erkennen, wohin man lenkt. Am Sonntag hat sich dieser Wunsch für 15 Mitglieder des Blinden- und Sehbehindertenverbands Salzburg (BSVS) erfüllt.

Beifahrer als Navigationssystem

Die Teilnehmer sind blinde oder stark sehbeeinträchtigte Frauen und Männer im Alter von 14 bis 80 Jahren. Manche fahren das allererste Mal in ihrem Leben, andere hatten einmal einen Führerschein und verloren erst danach ihre Sehkraft. Die Gruppe machte einen Ausflug zum Fahrtechnikzentrum des ÖAMTC in Saalfelden. Dort standen bereits zwei Fahrschulautos und ein Automatikwagen bereit.

foto: walter schweinöster/bsvs
Die 15 Mitglieder des Blindenverbands Salzburg hören den beiden Fahrtechnikinstruktoren zu.

"Hat der Beifahrer ein Lenkrad", fragt jemand aus der Gruppe. "Nein, aber ihr habt uns als Navigationssystem", sagt Hans Cantonati. "Wir haben das selber vorher ausgetestet", erklärt der Instruktor. Er habe sich die Augen verbunden und ans Steuer gesetzt, sein Kollege Werner Hubinka ihm als Beifahrer angesagt, wohin er fahren solle. So hätten sie sich besser vorstellen können, welche Anweisungen und Tipps vom Beifahrer kommen müssen, um einen blinden Fahrer zu lotsen. "Man kennt jede Bodenwelle, hat aber keine Orientierung, wo man gerade ist", beschreibt Hubinka das Gefühl.

Besser einschätzen, wie es für die Autos ist

Sarah Traugott ist mit dem Auto bereits mehrere Runden gefahren. Auch einen Bremstest auf nasser Fahrbahn hat die 19-Jährige gemeistert. Sie steigt aus dem Auto und fragt in die Runde: "Es leben noch alle, oder?" Die angeleitete Fahrt habe ihr Spaß gemacht, sagt sie. "Fürs Autofahren hätte ich gerne einen Sehrest." Es sei ungewohnt gewesen, aber gefürchtet habe sie sich nicht. "Manchmal habe ich mir gedacht, was fahren wir denn da für einen Slalom."

foto: walter schweinöster / bsvs
Sarah Traugott (links) wird zum Auto begleitet. Fahrtechnikinstruktor Hans Cantonati in der gelb-grauen Jacke folgt seiner ersten Fahrschülerin des Tages.

Bei Regen könne sie nun besser einschätzen, wie es für die Autos ist, sagt Traugott. "Auf der nassen Fahrbahn habe ich gemerkt, wie sehr man rutscht." Neben dem Gefühl, alleine ein Auto zu lenken, war auch die sicherheitstechnische Erfahrung ein wichtiger Punkt für den Blindenverband. Im Straßenverkehr orientiere sie sich an den Geräuschen der Autos, erklärt die 19-Jährige. "Man hört, ob jemand bremst oder nicht." Die junge Frau lässt sich von ihrer Sehbehinderung nicht einschränken. "Wenn einer sagt: 'Du kannst das nicht', dann probiere ich es erst recht."

foto: walter schweinöster / bsvs
Der 70-jährigen Maxi Haumer hat Geschwindigkeit schon als kleines Mädchen gefallen. Nun konnte sie selbst ein Auto lenken.

"Habe mich wie ein riesiger Vogel gefühlt"

Die 70-jährige Maxi Haumer ist vor ihrer ersten Fahrt am Steuer viel aufgeregter: "Mein Herz pumpert. Ich bin bisher immer nur mitgefahren." Ihr Sohn habe sie überredet mitzumachen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beim Schalten und ein paar ruckartigen Bremsmanövern fährt das Auto jedoch schon flüssiger auf dem Übungsparkplatz.

"Ich bin ganz euphorisiert", sagt Haumer. "Ich habe mich wie ein riesiger Vogel beim Lenken gefühlt", schildert die 70-Jährige, die nur noch rund zehn Prozent Sehvermögen hat. Die Geschwindigkeit habe ihr schon als kleines Mädchen gut gefallen. "Ich bin viel Rad gefahren." Obwohl sie schon immer stark sehbeeinträchtigt war, habe sie ganz gut Rad fahren können. Später sei sie dann mit ihrem Mann zusammen viel Tandem gefahren. (Stefanie Ruep, 14.3.2017)

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