Wiener Westbahnhof: Wohnzimmer für jene, die keines haben

Reportage mit Video21. März 2017, 13:51
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Der Westbahnhof ist in Verruf geraten. Besonders afghanische Jugendliche sollen ihn unsicher machen. DER STANDARD hat den Tag dort verbracht und vernachlässigte Menschen getroffen, auch aus Österreich

"Hier hatte ich eine Messerstecherei", erzählt eine Frau um die 40 ihrer Sitznachbarin in der Ankunftshalle des Wiener Westbahnhofs. Sie streift den linken Ärmel ihres Pullovers nach oben, wodurch eine große Narbe am Unterarm sichtbar wird. Daneben sitzt ein junges Paar. Die beiden haben sich einen Kaffee von der Bäckerei geholt und warten auf ihren Zug. Junge Männer lehnen an der Balustrade und telefonieren, andere beobachten die ankommenden und abreisenden Fahrgäste.

Die Ankunftshalle bietet rund 150 Menschen Platz zum Sitzen – keiner von ihnen wird aufgefordert, etwas an den umliegenden Ständen zu konsumieren oder irgendwann seinen Platz aufzugeben. So werden an den Tischen Schulaufgaben erledigt, es wird aber auch geschlafen oder Bier getrunken, solange die Sicherheitsleute von der ÖBB das nicht unterbrechen.

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"Stammgäste" berichten, warum sie täglich ihre Zeit am Westbahnhof verbringen.

Im Dezember 2016 kam es am Westbahnhof zu einer Schlägerei zwischen Tschetschenen und Afghanen, bei der drei Personen verletzt wurden. Unter anderem deshalb hat sich der Bahnhof als "Hotspot" einen Namen gemacht hat. Das hat zuletzt auch die Medien angezogen, entsprechend routiniert zeigen sich viele Jugendliche im Umgang mit ihnen. Eine Gruppe afghanischer Jugendlicher möchte nicht, dass man ihre Gesichter zeigt. Ein Freund habe kürzlich ein Fernsehinterview gegeben und seither "Stress mit den Tschetschenen".

foto: derstandard.at/maria von usslar

Chillen und Freunde treffen

Jennifer* ist jeden Tag hier, sagt sie. Lange blonde Haare, schwarz gekleidet, die Kappe verkehrt aufgesetzt. Ihre Knöchel hat sie mit bunten Bandanas geschmückt. Die 15-jährige Burgenländerin wurde vom Vater vor die Tür gesetzt und lebt seither in einer betreuten Wohngemeinschaft. "Doch die brauche ich nur zum Schlafen", sagt Jennifer.

Die meiste Zeit verbringt sie hier am Westbahnhof. Zum Chillen, Freundetreffen, Reden, Spazieren und Blödsinnmachen, wie sie sagt. In die Schule geht sie nicht, sie sei "arbeitssuchend". Dafür ist sie hier am Westbahnhof der Boss, sagt ihre Freundin. Geld schnorrt Jennifer unter anderem von den Flüchtlingen. Sie hole das Geld wieder zurück, das "wir Österreicher" ihnen spenden, fügt sie mit einem frechen Grinsen hinzu.

Scherzhaft versetzt Jennifer einem jungen Asylwerber, der sich dazugesellt hat, einen leichten Tritt in den Hintern. Ein großgewachsener Polizist hat die Szene beobachtet und erklärt Jennifer, dass man das nicht tun sollte. "Das war ja nur ein Spaß", sagt sie.

Zahlreiche Polizeikontrollen

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Die Jugendlichen am Westbahnhof müssen laut eigenen Angaben mehrere Male pro Tag ihre Papiere herzeigen.

Je später es wird, desto mehr Jugendliche und Obdachlose sind hier. Eine Gruppe Polizisten zieht ihre Runden und kontrolliert immer wieder Ausweise. Besonders oft bei den jungen Asylwerbern, die sich hier aufhalten.

Sarifula* ist vor eineinhalb Jahren ohne seine Eltern aus Afghanistan hergekommen. Es komme vor, dass er 20-mal pro Tag die Papiere zücken muss, aber das sei ihm egal. Daran, dass gerade Afghanen oft von der Polizei kontrolliert werden, seien sie selbst schuld, sagt der 16-Jährige. Viele der Jugendlichen hier am Westbahnhof würden "zappzarapp" machen, also stehlen. Er selbst komme nur her, um Freunde zu treffen, die hier zum Beispiel aus St. Pölten ankommen. Derzeit geht er nicht in die Schule, was er allerdings bedauert.

Scham wegen Herkunft

Vahid wäre ebenfalls froh, könnte er noch in die Schule gehen. Der Asylwerber aus Afghanistan ist 22 Jahre alt, vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen und auch nicht mehr schulpflichtig. "Ich habe keine Arbeit, mir ist so langweilig", sagt er. Viermal in der Woche besucht er einen Deutschkurs an der Volkshochschule, den er selbst bezahlen muss. Manchmal geht er ins Fitnesscenter.

Vahid sagt, ihm sei es unangenehm, über seine Herkunft zu sprechen. Dass die Afghanen ein schlechtes Image in der Bevölkerung haben, ist ihm bewusst: "Wenn jemand aus Afghanistan einen Fehler macht, ist das für alle von uns schlecht, nicht nur für ihn." Er bemühe sich, Österreich und seine Kultur kennenzulernen. Über eine NGO hat er eine österreichische Familie kennengelernt, bei der er wohnen kann.

Nasar und Vahid teilen sich eine Nudelbox in der Ankunftshalle.

Vahid ist auf den Westbahnhof gekommen, um sich mit seinem Freund Nasar, 23, zu treffen. Nasar besucht ebenfalls einen Deutschkurs, fünf Tage pro Woche. Auch er wartet auf seinen Bescheid. Seine Zeit vertreibt er sich mit Sport, zweimal in der Woche hilft er in einem Pensionistenheim. Nasar wohnt in einem Flüchtlingsheim mit fünf Zimmerkollegen, wo er nur selten Ruhe findet. Die Freunde sind nicht gerne am Bahnhof, auch wegen seines schlechten Rufs, aber zum Verabreden liegt der Verkehrsknotenpunkt ideal.

Polizei: "Alles im Griff"

Im Gespräch mit dem STANDARD erklärt die Polizei, die Situation am Westbahnhof habe man im Griff, allerdings "unter hohem Ressourcenaufwand". Neben den Fußposten aus dem Wachzimmer in der Nähe, die durchgehend präsent sind, ist täglich auch ein mobiles Interventionsteam im Einsatz. Das sei auch wichtig für das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung. Das Problem der "Jugendgruppen, die aufeinander losgehen", habe sich verbessert.

Die von den Jugendlichen geäußerte Kritik, dass vor allem "Ausländer" kontrolliert würden, will Polizeisprecher Johann Golob nicht stehen lassen. Für eine Identitätsfeststellung brauche es eine rechtliche Grundlage, die im Sicherheitspolizeigesetz geregelt ist, heißt es auf Anfrage des STANDARD. Oft würden Ausweise kontrolliert, um etwa festzustellen, ob es sich um eine abgängige oder polizeilich gesuchte Person handle.

foto: derstandard.at/maria von usslar
Die Sicherheitskräfte der ÖBB wollen die Polizei dabei unterstützen, für Ordnung auf dem Bahnhof zu sorgen.

Auf die ethnischen Querelen angesprochen, geben sich die afghanischen Jugendlichen sehr friedliebend. Keiner will jemals Streit angezettelt haben, aber alle bestätigen, dass es "Fetzereien" gebe. Drei gewalttätige Aufeinandertreffen, bei denen es Verletzte gab, wurden im vergangenen halben Jahr in Presseaussendungen dokumentiert.

Die ÖBB setzt auf dem Westbahnhof täglich vier und zur "Primetime" von 17 bis 22 Uhr acht Sicherheitsleute und einen Hund ein. ÖBB-Pressesprecher Roman Hahslinger sagt, die Lage habe sich sehr entspannt. Beschwerden beträfen in erster Linie das subjektive Sicherheitsgefühl: "Kriminalitätsmäßig tut sich kaum etwas." Seit Jahresbeginn kam es im Durchschnitt zu einer körperlichen oder verbalen Auseinandersetzung pro Woche, das sei für einen großen Bahnhof wenig, so Hahslinger.

Subjektives Sicherheitsgefühl

Anfang März reagierte Patrick Buggelsheim, Polizei-Sicherheitskoordinator für den 14. und 15. Bezirk, auf die Medienberichterstattung vom Westbahnhof, die viele verunsichern würde: "Wir haben nicht wirklich ein Problem hier", zitiert ihn die Austria Presseagentur. Ein Bahnhof sei nun einmal ein Bahnhof, es gebe am Westbahnhof "sicher nicht überproportional viele Probleme" im Vergleich zu anderen Städten.

Trotzdem hat auch die Polizei Konsequenzen gezogen und will mit 100 zusätzlichen Grätzelpolizisten seit März das Sicherheitsgefühl verbessern. Sie sieht allerdings auch sozialarbeiterischen Bedarf.

Mahsa Ghafari, die bei einem Freizeitprojekt für Flüchtlinge arbeitet, führt die Anziehungskraft des Westbahnhofs auf das Fehlen konsumfreier Räume zurück. Jugendliche, besonders geflüchtete, hätten keine Möglichkeit, sich mit Freunden zu treffen. Daher wird der Westbahnhof besonders bei schlechtem Wetter zum Wohnzimmer für alle, die keines haben.

"Und wer hilft mir?"

Zur späteren Stunde füllen sich die Tische verstärkt mit Obdachlosen. Sie trinken hier ihr mitgebrachtes Bier. Herr R. versteht die Welt nicht mehr. Er ist aus Polen gekommen und hat später seine Arbeit verloren. Jetzt ist er obdachlos. "Sehen Sie sich um. Hier gibt es fast keine weißen Männer. Es wird nur denen geholfen. Aber ich bin aus Polen. Aus der EU. Wer hilft mir?" Jennifer wiederum sieht die Obdachlosen hier im Vorteil. "Das ist unfair. Wenn wir was Alkoholisches trinken, werden wir rausgejagt." (Katrin Burgstaller, Maria von Usslar, 21.3.2017)

* Die mit Stern gekennzeichneten Namen wurden von der Redaktion geändert, weil die genannten Personen minderjährig sind. Im Video wurden diese verpixelt.

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