The Magnetic Fields: Launige Grabreden zum 50er

    14. März 2017, 12:37
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    50 Lebensjahre in 50 Songs. Das ergibt zweieinhalb Stunden Musik von der Band The Magnetic Fields. Deren Chef Stephin Merritt schuf mit dem Boxset "50 Song Memoir" einen originellen Blick auf sein bisheriges Leben

    Wien – Zwischen Darmspiegelung, Schonkost – verdammte Wampe – und Fitnessstudioschinderei findet ein durchschnittlicher 50-Jähriger oft nur noch wenig Zeit für das sogenannte richtige Leben. Immer ist was. Stephin Merritt kann sich glücklich schätzen. Zwar spannt das Hemd überm Burger-Friedhof, hängt aus der Hose und verhindert so den Blick auf das Gürtelloch, aber er fand in den letzten beiden Jahren immerhin Zeit, auf sein Leben zurückzublicken.

    Vor zwei Jahren wurde der US-amerikanische Musiker 50 Jahre alt. Damals begann er, für jedes seiner Lebensjahre einen Song zu schreiben. Etwas über zwei Jahre später ist nun die Liedersammlung 50 Song Memoir erschienen. Auf fünf Schallplatten (oder fünf CDs) sind diese Songs zu finden. 50 Jahre in zwei Stunden und 30 Minuten, veröffentlicht mit seiner 1990 ins Leben gerufenen Band The Magnetic Fields.

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    Für die Band ist es das zweite ausufernde Projekt unter Merritts Regiment. 1999 veröffentlichte er 69 Love Songs zum Daseinsthema Numero uno. Nicht wenige dieser Lieder waren autobiografisch, widmeten sich seiner Homosexualität und skurrilen Alltagsbeobachtungen und wuchsen im Klangkostüm eines abwechslungsreichen Low-Fidelity-Pop zu seinem Opus magnum. Jetzt also zum Drüberstreuen 50 weitere Songs zum Leben des Bandvorstands, einen Verdauungsschnaps, bittedanke

    Los geht's mit dem Jahr 1966, da feierte der Sohn des wenig bekannten Folksängers Scott Fagan ohne diesen seinen ersten Geburtstag, er lernte seinen Vater erst vor wenigen Jahren kennen. Wonder Where I'm From heißt der erste Eintrag der Biografie und zeichnet mit drolligem Ukulelespiel den Weg vor, den Merritt fortan einschlagen wird. Als Kind durchmisst er mit staunenden Augen die Welt, stellt Fragen zu den Rätseln des Lebens und wundert sich über die Antworten.

    Das Kind im Manne

    An die hundert Instrumente sollen bis zum Ende des Werks zum Einsatz gekommen sein. Selbst wenn die Ästhetik auf einem charmant-unfertigen Terrain ihr Auskommen findet, wird es schon deshalb nie langweilig. Kindlichen Forschergeist hat sich Merritt bewahrt. Das beiliegende Textbuch zeigt ihn in seinem Heimstudio sitzen, inmitten von Burgen aus Instrumenten und technischem Dingsbums, dem Spielzimmer eines großen Kindes.

    Erste Erinnerungen und prägende Erlebnisse aus den frühen Jahren kehren als Songs wieder. Im Lied Judy Garland eher märchenhaft, in They're Killing Children Over There nicht so. Innerhalb dieser Pole siedelt Merritt sein Narrativ an. Wobei ihm bereits auf Album Nummer zwei die Pubertät zu Hilfe kommt und sich sein trockener Humor um jene Portion Zynismus anreichert, den sein Gesamtwerk prägt.

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    Damit konveniert sein distanzierter Bariton, mit dem er vorträgt. Grabredner reden, wie Merritt singt. Der mit ihm befreundete Bob Mould (Hüsker Dü, Sugar ...) nannte ihn einst den depressivsten Menschen des Rockbusiness. Das ergibt natürlich einen therapeutischen Gesichtswinkel auf diese Songs. Und auf der Couch liegend lauscht man ihnen wohl am besten. Doch so schattseitig Merritts Wesen gelagert sein mag, als Chronist seines Lebens erschafft er immer wieder wunderbare Kleinode, prächtige Melodien, die als Staubzucker auf seinen Tragödien fungieren. Stellenweise erinnert er an den großen (und fast vergessenen) neuseeländischen Musiker Chris Knox, der mit seiner Band Tall Dwarfs Lo-Fi, Sodbrand und Popappeal zu einer Sammlung prächtiger Alben anrichtete. Ein Lied wie The Blizzard Of 78 steht deutlich in dessen Schuld.

    Verheißungen wie Rock'n'Roll Will Ruin Your Life gehören ebenso zur Pubertät wie Starfantasien, die sich in Foxx And I äußern, in dem er von seiner Verehrung für den ersten Ultravox-Sänger John Foxx berichtet, bevor er sich an verschwendete Nächte in der New Yorker In-Hütte Danceteria erinnert. Süßer Vogel Jugend.

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    Das sind meist Midtempo-Schunkler, gegen Ende des Projekts wird es immer noch gemütlicher. Essen sei der Sex des Alters, heißt es. Ob das gemeint ist, wenn Merritt am Cover mitteilt, dass das Leben behäbiger wird, wenn der 50er dräut, weiß man nicht. Vielleicht berichtet er ja in zehn Jahren, wie es damals gemeint war und wie es sich dann anfühlt. (Karl Fluch, 14.3.2017)

    • Stephin Merritt blickt auf 50 Jahre Stephin Merritt zurück. Seine Band The Magnetic Fields hilft ihm dabei.
      foto: warner

      Stephin Merritt blickt auf 50 Jahre Stephin Merritt zurück. Seine Band The Magnetic Fields hilft ihm dabei.

    • The Magnetic Fields "50 Song Memoir" (Nonesuch/Warner)
      cover: warner

      The Magnetic Fields "50 Song Memoir" (Nonesuch/Warner)

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