Experiment: Stress lässt Meeresvogeleltern egoistisch werden

13. März 2017, 05:30
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Gestresste Jungvögel betteln häufiger um Futter und bekommen auch mehr davon. Elternvögel reduzieren bei zu großer Belastung ihre Fürsorge

Wien – Stress macht Vögel zu Egoisten. Das zeigen Untersuchungen an Krabbentauchern, die Forscher aus Danzig und Wien durchgeführt und im "Journal of Ornithology" veröffentlicht haben. In Experimenten zeigte sich: Stehen Jungvögel unter künstlichem Stress, betteln sie häufiger um Futter und bekommen auch mehr davon. Vogeleltern reduzierten bei Belastung ihre Fürsorge und kümmerten sich mehr um sich selbst.

Krabbentaucher brüten in großen Kolonien an Felsklippen in arktischen Regionen. Als langlebige Meeresvögel, die nur ein einziges Küken pro Jahr großziehen, eignen sie sich gut, um Mechanismen der Interaktion zwischen Eltern und Nachwuchs zu untersuchen, so die Autoren der Studie. In dieser haben sie stressinduzierte Verhaltensmechanismen der Vögel untersucht, indem sie die Tiere künstlich unter Stress setzten.

Mehr vom Stresshormon

Die Vögel reagieren auf Stresssituationen, etwa Nahrungsmangel oder schlechte Wetterbedingungen, mit der Freisetzung von Kortikosteron. Mittels kleiner Kapseln kann man dieses Hormon auch künstlich in den Blutkreislauf von Tieren bringen, sie werden dazu unter die Haut implantiert. Über den Zeitraum einer Woche geben dies Pellets dann kontinuierlich das Stresshormon ab, sagt Rupert Palme von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Palme hat eine international anerkannte Nachweismethode für das Stresshormon in Kotproben entwickelt.

Unter der Leitung von Dorota Kidawa von der Universität Danzig führten die Wissenschafter auf der zu Norwegen gehörenden arktischen Inselgruppe Spitzbergen zwei verschiedene Versuchsreihen durch. Zunächst wurde Küken ein Hormonpellet implantiert. Sie reagierten auf den künstlichen Stress mit stärkerem Bettelverhalten – erfolgreich: Die gestressten Jungvögel waren im Vergleich zu einer "relaxten" Kontrollgruppe beim Flüggewerden etwa vier Wochen nach dem Schlüpfen deutlich schwerer, hatten also von den Eltern mehr Futter erhalten.

Längere Ausflüge, weniger Fürsorge

"Das Betteln bewirkte zwar eine fürsorgliche Reaktion bei den erwachsenen Krabbentauchern. Ob diese allerdings wirklich passiert und in welchem Ausmaß, hängt jedoch davon ab, wie fit sich die Vogeleltern fühlen", so Palme. Das zeigte sich im zweiten Versuch, bei dem einem Elternteil – bei den Krabbentauchern kümmern sich beide Elternteile um den Nachwuchs – von frisch geschlüpften Küken eine Hormonkapsel implantiert wurde.

In dieser scheinbaren Belastungssituation reduzierte der betreffende Elternteil seine Fürsorge und stellte sein Verhalten zum eigenen Vorteil um. Die Tiere verließen das Nest länger als nicht gestresste Vögel, um sich selbst ausgiebig mit Nahrung versorgen zu können. Dadurch fütterten sie ihren Nachwuchs seltener, die Jungvögel hatten einen deutlich schlechteren körperliche Zustand als jene der Kontrollgruppe und wurden auch später flügge. (APA, 13.3.2017)

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