Soziale Kluft in Russland wächst

13. März 2017, 09:03
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Immer mehr Russen müssen Sozialhilfe in Anspruch nehmen. Russlands Milliardäre konnten dagegen ihr Vermögen 2016 um 34,5 Milliarden Dollar steigern

Die Wirtschaftskrise in Russland ist vorbei – zumindest für die Oligarchen. 2016 konnten Russlands Milliardäre ihr Vermögen um 34,5 Milliarden Dollar auf 192 Milliarden Dollar steigern. Grund waren die Gewinne am russischen Aktienmarkt, nachdem die Rohstoffpreise wieder angezogen haben.

Unter den 77 Milliardären Russlands ist demnach Leonid Michelson, Großaktionär des Gasproduzenten Novatek und des Petrolchemieriesen Sibur, mit einem Vermögen von – laut Bloomberg aktuell – 16,8 Milliarden Dollar der reichste Mann.

Auch eine Gehaltsklasse tiefer ist der Aufschwung spürbar: Um zehn Prozent ist die Anzahl der Dollarmillionäre im vergangenen Jahr gestiegen. Mit insgesamt 132.000 ist der Anteil an der Gesamtbevölkerung allerdings weiterhin verschwindend gering (0,1 Prozent). Dafür beläuft sich ihr Reichtum von insgesamt 930 Milliarden Dollar auf immerhin 62 Prozent des gesamten Volksvermögens. Zum Vergleich: Weltweit besitzen Millionäre etwas weniger als ein Drittel des Gesamtkapitals.

Keine Verbesserung unten

Bei den unteren Einkommensschichten sieht das Bild in Russland weniger rosig aus. Zwar vermeldete die Statistikbehörde Rosstat im Jänner erstmals seit November 2014 eine Steigerung der Realeinkommen. Doch die Staatsbank VEB räumte in ihrer Analyse ein, dass die 8,1 Prozent Plus ausschließlich auf das Konto einer Einmalzahlung von 5000 Rubel (umgerechnet 80 Euro) an Russlands Rentner gehen – auf eine generelle Anhebung der Renten zum Inflationsausgleich hat die Regierung aus Geldmangel verzichtet.

Auch eine andere Statistik bereitet Sorge: Immer mehr Menschen in Russland sind von Sozialzuschüssen abhängig. Während laut dem Analysezentrum der russischen Regierung der Anteil der Gehaltszahlungen am Gesamteinkommen um 0,8 Prozent auf 64,8 Prozent gesunken ist, stieg der Anteil der sozialen Zuwendungen um den gleichen Satz auf das Rekordhoch von 19,1 Prozent. Zugleich stieg der Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit von Einkommen angibt, wieder auf fast 40 Prozent.

Unternehmen senken Gehälter

Der sinkende Anteil der Gehälter am Einkommen hat nichts mit steigender Arbeitslosigkeit zu tun. Diese bleibt stabil auf niedrigem Niveau. "Wir haben kein Problem mit der Arbeitslosigkeit, sondern mit der Beschäftigung", kommentierte Jewgenij Gontmacher von der Russischen Akademie der Wissenschaften auf der internationalen Wirtschaftskonferenz in Altai, dem "sibirischen Davos", die Tendenz.

Die Betriebe sparten, indem sie statt zu kündigen Gehälter senkten, erläutert sein Kollege Wladimir Gimpelson vom Forschungszentrum für den Arbeitsmarkt an der Moskauer Hochschule für Wirtschaft. "Das Risiko liegt somit bei den Beschäftigten selbst – ob sie kündigen wollen oder bei minimaler Bezahlung bleiben."

Leute sparen

Während die Regierung also vom Ende der Krise spricht, steigt laut aktuellen Umfragen der Anteil der Bürger, die ihre Lage als "schlechter werdend" bezeichnen, auf 38 Prozent. Dementsprechend wird weiter kräftig gespart, der erhoffte Konsumschub ist in den ersten Monaten ausgeblieben. Gerade teure Anschaffungen wie ein Autokauf werden verschoben. Der Pkw-Verkauf in Russland sank im Februar auf 106.700 – es ist der tiefste Stand seit 2010. (André Ballin, 13.3.2017)

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    Leonid Michelson (R) ist derzeit der reichste Mann Russlands.

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