Babykarenz führt viele Mütter auf berufliches Abstellgleis

11. März 2017, 08:00
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Die Rückkehr in den Job führt viele Mütter ins berufliche Abseits, erhob die Arbeiterkammer. Sie fordert ein Recht auf Elternteilzeit auch in kleineren Betrieben

Wien – Eine Marketingchefin kehrt fünf Monate nach der Geburt ihres Kindes in Elternteilzeit in den Job zurück. Ihre Leitungsfunktion ist sie los. Ihr Arbeitgeber vertritt die Ansicht, Führungspositionen lassen sich nur in Vollzeit ausüben.

Eine Kellnerin informiert ihren Chef über ihre Schwangerschaft. Dieser meldet sie ohne ihr Wissen bei der Krankenkasse ab. Darauf angesprochen, teilt er ihr mit, dass er sie nicht braucht. Erst auf Druck der Arbeiterkammer nimmt er Abmeldung und Kündigung zurück.

Wenige bringen Klagen ein

Eine Buchhalterin findet sich in ihrer Elternteilzeit, die sie vor Gericht erzwingen musste, in einem dunklen ungelüfteten Kopierkammerl wieder, wo sie Zeitschriften in Excel-Listen eintragen muss.

Eine Verkäuferin im Modehandel geht nach 14 Jahren der Vollzeitarbeit ein Jahr in Babykarenz. Ihr Arbeitgeber reagiert erst nach Intervention auf Anmeldung der Elternteilzeit. Letztlich setzt er sie nur noch als Springerin in drei Geschäften ein und schickt sie dafür kreuz und quer durch Wien.

Klage vor Gericht brachte allein die Buchhalterin ein. Die übrigen verzichteten aus Angst um den Job auf weitere rechtliche Schritte.

Gesetz und Praxis

Irene Holzbauer kennt unzählige Fälle wie diese. "Rechtlich gibt es keine Benachteiligung nach der Schwangerschaft und Karenz. In der Praxis passiert sie täglich." Die Arbeitsrechtsexpertin der Wiener Arbeiterkammer hat Ende 2016 im Zeitraum von drei Monaten knapp 80 Fälle von Diskriminierung aufgrund von Elternschaft registriert. Bis auf einen Mann waren alle Betroffenen, die um Beratung baten, Frauen. 34 Prozent von ihnen wurden nach der Babykarenz untergeordnetere Tätigkeiten zugewiesen. Ein Fünftel musste seine Führungsstellen, in denen Frauen ohnehin rar sind, abgeben. 40 Prozent sprachen von schlechteren Arbeitsbedingungen. Für 22 Prozent ging mit der Entscheidung für ein Kind der Verlust des Jobs einher.

Ingrid Moritz, Leiterin der Abteilung Frauen und Familie in der Arbeiterkammer, sieht die Gesetzgeber gefragt. Sie fordert ein Recht auf Elternteilzeit in Betrieben mit bis zu 20 Mitarbeitern. Bisher haben darauf nur Arbeitnehmer größerer Unternehmen Anspruch.

Andere Unternehmenskultur

Des Weiteren brauche es mehr Karenzmanagement in den Betrieben. Väterbeteiligung gehöre stärker gefördert. "Es geht um eine andere Unternehmenskultur." Auch schikanöser Jobrochade nach der Babypause seien mehr Riegel vorzuschieben: Wer seine Mitarbeiter nach der Karenz an andere Stellen versetzt, soll eine gerichtliche Zustimmung einholen müssen.

Für Rolf Gleißner führen sämtliche Begehren zu weit. "Da können wird nicht mit." Unter großen Unternehmen sorge das Recht auf Elternteilzeit schon jetzt für böses Blut, da es einen Rattenschwanz an weiteren Regelungen nach sich ziehe, sagt der Experte für Sozialpolitik der Wirtschaftskammer.

Rotes Tuch Kündigungsschutz

Rotes Tuch für die Wirtschaft ist der damit verbundene starke Kündigungsschutz. Ein paar Arbeitsstunden pro Woche weniger, die Arbeitnehmer erzwingen könnten – schon seien sie abgesichert, Kinderbetreuung halte hier auch gern als Vorwand her, so der Tenor großer Betriebe. Ihr Wunsch ist vielmehr, die Elternteilzeit von sieben auf vier Jahre zu verkürzen, wie im Regierungsprogramm vermerkt.

29 Prozent der unselbstständig Erwerbstätigen arbeiten in Unternehmen mit weniger als 20 Mitarbeitern. Gleißner sind hier keine Probleme mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie bekannt. "Man häkelt einander ja nicht."

Ein Schuss nach hinten

"In Kleinbetrieben ist man aufeinander angewiesen, alle sitzen in einem Boot", meint auch Gexi Tostmann, Trachtenunternehmerin, die mit ihrer Tochter überwiegend Frauen beschäftigt und sich seit 25 Jahren für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzt. Noch strengere gesetzliche Vorgaben könnten jedoch hinsichtlich der Bereitschaft, mehr Frauen einzustellen, ein Schuss nach hinten sein, warnt sie.

Was Sozialpartner weiters spaltet, ist der Ruf nach flexibleren Arbeitszeiten: Zwölf-Stunden-Tage seien für Eltern enorm belastend, sagt Moritz. Österreichweit halten nur 18 Prozent der Kinderbetreuungseinrichtungen entsprechend lang offen. Im Westen schließen sechs von zehn Kindergärten vor 15 Uhr. "Frauen würde dies noch stärker in die Teilzeit drängen." (Verena Kainrath, 11.3.2017)

  • Die Entscheidung für Kinder geht vielfach nach wie vor mit beruflicher Diskriminierung einher.
    foto: getty images / maskot

    Die Entscheidung für Kinder geht vielfach nach wie vor mit beruflicher Diskriminierung einher.

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