Wunderwuzzi mit Strahlkraft

Kolumne12. März 2017, 09:00
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"Time" kürte Sebastian Kurz zur Zukunfthoffnung, für H.-C. Strache produziert er nur heiße Luft. "Österreich" zeichnet ein wirklichkeitsnahes Bild

Wie schwer es ist, die öffentliche Bedeutung mancher Politiker gerecht einzuschätzen, erwies sich neulich an der Person unseres Außenministers. Dem "Kurier" ist es gelungen, auf einer Seite in aller Gegensätzlichkeit einzusammeln, was man in der Welt so über ihn denkt, und er kam aus gegebenem Anlass zunächst auf H.-C. Strache als Kronzeugen. Dessen Urteil: "Der Wunderwuzzi Kurz ging direkt von der Schule in die ÖVP-Lehre. Er hat kein Studium abgeschlossen, und was hat er denn schon umgesetzt? Nichts außer heiße Luft."

Strache befand sich damit in schwerer kognitiver Dissonanz zum amerikanischen Magazin "Time", das den Wunderwuzzi unter die zehn Führungspersönlichkeiten der nächsten Generation weltweit listete. Warum gerade zehn, blieb offen, vielleicht hat es mit jenen zehn Aposteln zu tun, die als Wunderwuzzis ja auch nicht zu verachten waren.

Aus der Liste ging auch nicht hervor, welchen Rang Kurz darauf einnahm, ob den ersten, achten oder zehnten. Er kann aber nicht allzu weit vorn gelegen sein, stand er doch in harter Konkurrenz zu – unter anderem – einem südafrikanischen Komiker, einem intersexuellen Model aus Belgien und dem Bürgermeister von San Salvador. Die anderen gekürten Führungspersönlichkeiten der nächsten Generation verriet der "Kurier" nicht, vielleicht um das intersexuelle Model aus Belgien zu schonen.

Ungewissheitshäufungen

Eine Position zwischen Strache und "Time" in der Beurteilung Kurzens nahm der frisch gekürte Wunderwuzzi der oberösterreichischen ÖVP Thomas Stelzer ein. Er sagte über ihn auf derselben Seite des "Kurier": "Ich bin froh, dass er eine derartige Strahlkraft vermittelt. Kurz sei eine "politische Ausnahmeerscheinung." Um welche Art von Strahlkraft beziehungsweise politische Ausnahme es sich dabei handelte, blieb im "Kurier" offen, vermutlich ging es um jene Strahlkraft auf Schwiegermütter, die Kurz von Karl-Heinz Grasser geerbt hat und deren Leuchten vor allem von der "Kronen Zeitung" ausgeht.

Man musste schon auf "Österreich" zurückgreifen, um sich ein wirklichkeitsnahes Bild von Kurz machen zu können. Dort dichtete der Herausgeber: Kurz sitzt als Außenminister 1. Reihe fußfrei, hält sich aus allen unangenehmen Themen heraus, musste bisher nicht zeigen, wie er Wirtschaft, Arbeitslosigkeit, die Schulkrise, die Tagesprobleme löst. Es mag ein Zug unserer Zeit sein, dass Wolfgang Fellner sich genötigt sah, aus dieser Häufung von Ungewissheiten den Schluss zu ziehen: Kurz steht für den Neubeginn, für eine neue Politikergeneration. Kurz gefasst: unser Außenminister eine Führungspersönlichkeit vom Format eines südafrikanischen Komikers?

Seinen Anspruch, endlich dem Österreichischen Presserat beitreten zu dürfen, untermauerte Wolfgang Fellner in derselben Ausgabe mit dem Aufmacher: Erste Fotos – Das sind die 8 Vergewaltiger. In einer Aufwallung journalistischer Korrektheit brachte er die acht Fotos auf Seite 3 noch einmal, diesmal mit dem Titel: 90 Jahre Haft für diese acht Vergewaltiger. Damit hat Fellner seine Aufnahmeprüfung in den Presserat mit Auszeichnung bestanden, zierte doch das Wort Vergewaltiger ein Sternchen, das zu der Unterzeile in winziger Schrift leitete: Urteile nicht rechtskräftig. Es gilt die Unschuldsvermutung. Man kann dem Presserat zu diesem Anstandsgewinn nur gratulieren.

Hinterkopfschwangerschaft

Fotos gab es in dieser Nummer von "Österreich" auch von Erwin Pröll, allerdings nur sechs. Dabei ging es doch um ein existenzielles Thema. "Ich will noch ein bisserl leben ...", beschwor der scheidende Landeshauptmann seine Rentnerexistenz, und verriet, dass niederösterreichische Politik vor allem im Körperinneren Erwin Prölls und sonst nirgends stattgefunden hat.

Seit 2013 bin ich mit dem Gedanken im Hinterkopf schwanger gegangen, zeitgerecht, wie das jeder verantwortungsvolle Bauer tut, das Land so zu übergeben, dass es in Zukunft gut weitergehen kann. Das Ergebnis dieser bäuerlichen Hinterkopfschwangerschaft ist demnächst zu besichtigen. Bei Zeus ist derlei bekanntlich noch einmal gut gegangen. Ob es diesmal nicht eine Steißlage wird, ist offen. Die Entscheidung ist gereift, Johanna Mikl-Leitner aus dem Innenministerium wieder nach Niederösterreich zurückzuholen, um zu schauen: Wie tut sie sich hier?

Man wird ja sehen. Konnte er sich in der Funktion des Bundespräsidenten innerlich nicht wiederfinden, dann vielleicht als Autor, an den drei Buchprojekte herangetragen wurden. Echt wahre Memoiren? (Günter Traxler, 10.3.2017)

  • Die Medienlandschaft plagt sich, Österreichs Außenminister einzuordnen.
    foto: aussenministerium/dragan tatic

    Die Medienlandschaft plagt sich, Österreichs Außenminister einzuordnen.

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