"Geht es nur noch um den Kaugummi?"

Interview11. März 2017, 10:04
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Alpin-Snowboarder Benjamin Karl ist kein großer Fan der Funbewerbe. Der 31-Jährige peilt in Spanien seinen fünften WM-Titel an. Dann würde er sich gerne auf den Titelseiten sehen. Allein, er glaubt nicht daran

STANDARD: Sie haben Olympiamedaillen, WM-Titel und den Gesamtweltcup gewonnen. Trotzdem standen und stehen Sie im Schatten von Marcel Hirscher oder Stefan Kraft. Frustrierend?

Karl: Gesamtsportlich gesehen stehe ich, glaube ich, nicht im Schatten von Stefan Kraft. Ich gehöre mit Marcel Hirscher zu den erfolgreichsten Wintersportlern in Österreich. Snowboarden wird medial nicht so gehypt wie Skifahren oder Skispringen, aber ich mache das Beste draus. Marcel ist gewaltig. Aber dass gleichwertige sportliche Erfolge nicht gleich behandelt werden, stört mich. Sagen wir, ich gewänne mein fünftes Gold in Spanien, dann hätte ich mehr Einzel-WM-Titel als Hirscher. Ich hätte mir verdient, auf jeder Titelseite einer österreichischen Tageszeitung zu sein. Das wird aber nicht passieren.

STANDARD: Das Ziel bei der WM ist also der Titel?

Karl: Ja. Eine Medaille ist schön, aber das ist nicht das Ziel. Für den Rekord, den ich brechen will, bringt mir nur die Goldene etwas. Dann wäre ich alleiniger Rekordweltmeister im Snowboard.

STANDARD: In welcher Disziplin sehen Sie bessere Chancen?

Karl: Im Riesentorlauf.

STANDARD: Einen Weltcup gab es in der Sierra Nevada noch nie. Inwieweit kennen Sie das Gelände?

Karl: Es ist relativ flach mit einem Übergang ins Steile. Aber das Gelände ist eh egal, ich bin überall konkurrenzfähig. Es geht eher um die Bedingungen, wenn es sehr hart und eisig ist, fühle ich mich sehr wohl. Wenn es weich oder wandelig ist, muss ich mich ein bisschen mehr bemühen.

STANDARD: In Spanien wird es wohl eher weich und wandelig sein.

Karl: Ja. Aber ich habe bei diesen Bedingungen in den letzten Jahren viel geübt. Mittlerweile bin ich nicht schlecht – ich würde sogar sagen Weltklasse.

STANDARD: Die WM fand früher stets im Jänner statt, diesmal steigt sie im März. Inwiefern ist das ein Nachteil bezüglich Schneebedingungen und Aufmerksamkeit. Sportfans könnten schon genug vom Wintersport haben.

Karl: Ich weiß nicht, warum die WM jetzt im März stattfindet. Die Sierra Nevada liegt sehr südlich. In den vergangenen Tagen hatte es 15 Grad auf dem Berg. Für die mediale Aufmerksamkeit ist es vielleicht auch nicht perfekt. Andererseits gibt es jetzt kein anderes großes Ereignis.

STANDARD: Sie haben in diesem Winter erstmals seit fünf Jahren wieder gewonnen. Zufrieden mit der Saison?

Karl: Als Sportler darf man nie zufrieden sein, sonst fängt man an, nicht mehr so hart an sich zu arbeiten. Aber die Saison war sehr gut. Am meisten freue ich mich, dass ich wieder Anschluss gefunden habe und kontinuierlich aufs Stockerl fahren kann.

STANDARD: Haben Sie vor der Saison etwas verändert, dass Sie dann erfolgreicher gemacht hat?

Karl: Die letzten Jahre waren ein Aufbau für das, was ich jetzt drauf habe. Wir haben hart und gut gearbeitet. Der Wechsel der Bindungsplatte war das i-Tüpfelchen.

STANDARD: Julia Dujmovits hat den Weltcup vor einer Woche in der Türkei aus Sicherheitsgründen ausgelassen. Wie haben Sie die Veranstaltung empfunden?

Karl: Es war gar nicht zum Fürchten, es gab nicht mehr Sicherheitskontrollen als anderswo, es war alles ganz normal. Es war ein schöner, gut organisierter Weltcup. Bis auf Julia waren auch alle dabei.

foto: fis / miha matavz
Benjamin Karl hat in diesem Winter erstmals seit fünf Jahren wieder im Weltcup gewonnen. Wie lang er noch fahren wird, weiß er noch nicht.

STANDARD: Im Snowboard-Sport werden die Fun-Bewerbe mehr gehypt. Nur noch ein Parallelbewerb ist olympisch. Der Slalom ist nach Sotschi wieder aus dem Programm gefallen. Sind die Parallelrennen nicht mehr sexy genug?

Karl: Sie sind nicht unbeliebter als 1998, als Snowboard erstmals olympisch war. Außer in Sotschi, wo die Russen diesbezüglich Druck gemacht haben, war immer nur ein Parallelbewerb olympisch. Wirtschaftlich gesehen ist das Alpinboarden wieder im Aufwind. Es gibt mehr Firmen, die Alpinboards herstellen, es werden mehr Boards verkauft. Es werden wieder Schuhe produziert. Der Snowboard-Sport steht besser da als vor zehn Jahren.

STANDARD: Trotzdem forciert das IOC, das die Spiele jugendlicher machen will, die Funbewerbe.

Karl: Das IOC repräsentiert nicht die Wertigkeit einer Sportart. Der Slalom hatte in Sotschi bessere Einschaltquoten als der Riesentorlauf. Trotzdem bleibt der Riesentorlauf olympisch und der Slalom nicht. Was die Funbewerbe betrifft: Wollen wir Professionalität im Sport oder geht es nur noch um den Kaugummi? Ist eine Sportart uncool, weil die Athleten professionell arbeiten? Skifahren ist eigentlich noch uncooler, hat aber ein gewisses Standing. Wenn es um den Coolnessfaktor geht, dann müsste Skifahren schon lang weg sein.

STANDARD: Stehen die Snowboarder im Internationalen Skiverband (Fis) bzw. im ÖSV im Abseits?

Karl: Das Problem ist, dass wir im gleichen Teich wie die Skifahrer fischen und das ist denen ein Dorn im Auge. Entscheidet sich jemand für’s Snowboarden, haben die Skifahrer weniger Nachwuchs. ÖSV-Sportdirektor Hans Pum hat einmal gesagt, dass den Skifahrern die 1985er- und 86er-Jahrgänge fehlen, weil sich da so viele für Snowboard entschieden haben. Es ist nicht so, dass niemand mehr Snowboard fahren will, oder dass es uncool wäre. Es gibt einfach weniger Leute, die dahinterstehen.

STANDARD: Im Gegensatz zum Snowboard, will man im Alpinskisport die Parallelbewerbe forcieren. Wie passt das zusammen?

Karl: Gute Frage. Im Skisport werden aus den Parallelrennen Showbewerbe gemacht. Die Kurse sind zu kurz und zu einfach. Auch ich tue mir als sauguter Techniker auf leichteren Kursen schwerer, zu gewinnen. Genauso geht es Marcel Hirscher. Vor ein paar Jahren hat man gesagt, die Ski-Parallelrennen seien cool, es ist Action, es ist etwas Neues. Dabei machen wir das schon seit 30 Jahren.

STANDARD: Die "Kronen Zeitung" hat im Jänner berichtet, Sie würden eine Skikarriere planen. Ernsthaft?

Karl: Ich gehe vielleicht einmal mit Marcel Hirscher skifahren. Und fertig. Hinter der Geschichte steckt nichts.

STANDARD: Haben Sie einen Plan, wie lange Sie noch fahren wollen?

Karl: Der Profisport ist keine Frage des Alters, sondern eine Frage des Erfolgs und erfolgreich bin ich. Der Olympiasieg ist noch ein großes Ziel.

STANDARD: Da könnte es dann mit der Titelseite funktionieren.

Karl: Schwer zu sagen.

Benjamin Karl (31) aus Wilhelmsburg (NÖ) gewann viermal WM-Gold, einmal WM-Bronze, zwei Olympiamedaillen (Silber 2010, Bronze 2014), dreimal den Gesamtweltcup. Er ist mit der Tochter des Ex-Skirennfahrers Werner Grissmann verheiratet und Vater einer Tochter.

  • Benjamin Karl könnte bei der WM in der Sierra Nevada zum Rekordweltmeister mutieren.  Dann würde er sich gerne auf den Titelseiten sehen.
    foto: apa/expa/johann groder

    Benjamin Karl könnte bei der WM in der Sierra Nevada zum Rekordweltmeister mutieren. Dann würde er sich gerne auf den Titelseiten sehen.

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