Julya Rabinowich: Shakespeare reloaded

Kolumne10. März 2017, 17:00
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Eine zünftige Familienkrise beginnt aus nichtigsten Anlässen und türmt sich über mehrere Generationen zu shakespearischen Ausmaßen auf

Wer Familie hat, kann sich das Abo fürs Theater sparen. Drama, Tragikomödie, Gesellschaftsstück, Kabarett: alles da und auch noch zu jeder Zeit und in jeder Ausführung. Gratis. Zugegeben, trotzdem nicht ganz billig im Hinblick auf etwaige anfallende Therapiekosten und Mediationsseminare.

Dennoch: Diese Grandezza der Eskalationskurve, diese Berge und Täler der wiederkehrenden Streitpunkte, dieser szenische Aufbau, an einer unrechtmäßig angebissenen Frühstückssemmel das Feuerwerk einer Familienfehde zu zünden – das hat schon was. Das muss man können.

Hier scheidet sich auch der Pfuscher vom Meister: Eine zünftige Familienkrise beginnt aus nichtigsten Anlässen und türmt sich über mehrere Generationen zu shakespearischen Ausmaßen auf, ähnlich der berühmten Hokusai-Welle. Während simple Anfänger sich mit kleinen auflodernden Haushaltskonflikten abplagen, klotzen andere ein zehnjähriges eisiges Schweigen an die Familienleinwand.

Besondere Strafverschärfung kommt natürlich hinzu, wenn ein Familienmitglied schriftstellerisch tätig ist. Nicht vorzustellen, was da alles an die Öffentlichkeit dringen könnte! Und die Versuchung ist immer größer als das Leben. So wie letztens.

Weder Eskalation noch Anlass wären an sich berichtenswert. Berichtenswert war, dass nach kurzem Brüllbelcanto beider Protagonistinnen die eine ihre Tasche vor Wut in die Luft katapultierte, wo diese traurig im Kristallluster hängen blieb. Dummerweise befand sich der einzige Schlüssel, der zum Verlassen der versperrten Wohnung vonnöten war, darin. Und die Decke in luftiger Höhe.

Die nicht schwindelfreien Streithähne waren gezwungen, in gemeinsamer Anstrengung die entsprechende Leiter zu holen und einander beim Aufstieg zu assistieren. Während eine die Leiter festhielt und die andere auf den oberen Stufen schwankte im Versuch, den zarten Taschenriemen zu erwischen, sahen beide meinen Blick und brüllten fast gleichzeitig: "Wehe, du schreibst darüber!" Wär mir doch nie eingefallen. (Julya Rabinowich, 10.3.2017)

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