Frau Krutak stellt Fragen

12. März 2017, 11:00
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Seit 40 Jahren besuchen Freiwillige in Wien regelmäßig ältere Mitbürger, um sich nach deren Wohlbefinden zu erkundigen. Dieser "Kontaktbesuchsdienst" ist wenig bekannt – und dennoch ein wichtiges Wohlfahrtsinstrument der Stadt

Die Besucherin legt einen folierten Papierstreifen mit Smileys auf den Wohnzimmertisch. Waltraud Bigl wirft einen Blick darauf. "Sehr zufrieden" lacht das Emoticon links, "großteils zufrieden" jenes daneben, dann folgt der waagrechte Strichmund, bis zum "unzufrieden" mit den hängenden Mundwinkeln. "Sie brauchen mich gar nicht fragen", sagt die 82-Jährige mit dem sommerlichen Teint und lacht auf. Ihr weißer Scheitel wippt. "Ich bin mit allem sehr zufrieden."

"Das ist schön", entgegnet Margarethe Krutak, rotbrauner Kurzhaarschnitt, Brille, milchkaffeefarbener Wollpulli, und legt den vierseitigen Gesprächsleitfaden zurecht. Gleich wird sie Fragen zur Wohnsituation der Dame im neunten Stock eines Gemeindebaus im 22. Bezirk in Wien stellen. Dabei befolgt sie einen Leitfaden, der vier Themenbereiche abdeckt: Wohnen, Mobilität und Aktivitäten, Betreuung und Pflege sowie die persönliche Lebenslage.

Kontaktbesuchsdienst

Frau Krutak ist eine von rund 110 Wiener Freiwilligen, die im Rahmen des sogenannten Kontaktbesuchsdiensts ältere Menschen besuchen und sie zu ihrer Lebenssituation befragen. Jede Wienerin und jeder Wiener ab 75 Jahren erhält ein Schreiben, wann jemand vorbeischaut. Wer sich telefonisch abmeldet, wird nicht aufgesucht. Nach zirka fünf Jahren flattert wieder ein Brief ins Haus.

Im Jahr 2015 hat der Kontaktbesuchsdienst gut 24.200 Personen angeschrieben, 5351 davon wurden aufgesucht. Die Stadt beziehungsweise der Fonds Soziales Wien (FSW) förderte dies mit 346.788 Euro. Die ehrenamtli-chen Besucher erhalten eine Aufwandsentschädigung von acht Euro pro Besuch und werden vor ihrem ersten Einsatz drei Tage lang geschult.

Wiener Sozialdienste

"Viele meinen, das gibt es noch nicht lange", sagt Frau Krutak. Dabei besteht der Kontaktbesuchsdienst heuer seit genau 40 Jahren. Frau Krutak kannte das Service von ihrem früheren Arbeitgeber, dem Verein Wiener Sozialdienste (WSD), und ist seit sieben Jahren als Besucherin in der Donaustadt dabei.

Bis vor kurzem wurden alle Wiener ab 65 Jahren besucht, 2016 wurde die Untergrenze auf 75 Jahre erhöht und der Dienst auf nicht-österreichische Staatsbürger ausgeweitet. Wenn nötig, fungieren Verwandte als Übersetzer. Karin Kienzl-Plochberger, bei den Wiener Sozialdiensten für den Kontaktbesuchsdienst zuständig, sieht hier Verbesserungspotenzial: "Mit muttersprachlichen Helfern könnten die Zielgruppen besser erreicht werden", meint sie. Generell bestehe immer wieder Bedarf an neuen Freiwilligen für den Besuchsdienst.

"Großer Gesprächsbedarf"

Die Auswertung erfragter Daten erfolgt laut den Wiener Sozialdiensten anonym. Der Verein kooperiert mit dem FSW, den 23 Bezirksvorstehungen und zwei Magistratsabteilungen.

"Manche glauben, es ist ein Kontrollbesuch", erzählt Frau Krutak. Viele Menschen, vor allem sehr einsame, hätten wiederum großen Gesprächsbedarf. "Manchmal muss man beinhart sagen: Es tut mir leid, ich muss bald zum nächsten Termin." Oft bietet jemand Selbstgebackenes, Kaffee oder ein Mittagessen an. In der Regel lehnt sie ab.

Einmal im Monat erhält sie vom Bezirk eine Liste mit etwa 30 Namen, Adressen und Telefonnummern für die nächste Tour. Sie kann sich die Hausbesuche frei einteilen und legt alle auf einen Tag. Im März waren es 14 Besuche – "das ist viel", an weiteren sechs Adressen stand sie vor verschlossener Türe, zwölf Personen hatten telefonisch abgesagt.

Zufriedenheitsstufen

Frau Bigl gibt im Gespräch an, mit dem Angebot an Geschäften und Ärzten in der Umgebung, mit der Gehsteigbreite und der Sicherheit "sehr zufrieden" zu sein. Erst bei der Frage nach ihrem Gesundheitszustand wählt sie eine etwas geringere Zufriedenheitsstufe. Nach Wirbelbrüchen und wegen Osteoporose geht sie am Stock.

Schmerzen habe sie dauernd, aber sie will nicht jammern. "Warum soll ich mich über etwas aufregen, das ich nicht ändern kann?" In ihrem Grätzel hat Frau Bigl nichts zu beanstanden. Auf Anregungen hin habe der Bezirk schon Bäume beschnitten und eine Parkbank aufgestellt, sagt Frau Krutak.

Pflegeangebote

Als die Besucherin dann Frau Bigls Wohnungstür schließt, weiß sie vieles, das sie nicht erfragt hat. Die Urlaubsvorlieben der Dame, ihre Leidenschaft fürs Kartenspielen und Handarbeiten und dass sie lieber ins Heim will, bevor ihre Tochter sie zu Hause pflegen muss.

Über Pflegeangebote und die Kosten will sich Frau Bigl genauer informieren, also hat Frau Krutak ein Formular ausgefüllt, das sie bei der nächsten Besprechung im Bezirk weitergibt. Zu dem Thema wird Frau Bigl dann wieder Besuch bekommen. Nicht von Frau Krutak: Sie stellt dann schon anderen ihre Fragen. (Gudrun Springer, 12.3.2017)

  • Frau Krutak (rechts) will von Frau Bigl wissen, wie zufrieden die 82-Jährige mit ihrem Leben ist. Manche Antworten dauern etwas länger.
    foto: robert newald

    Frau Krutak (rechts) will von Frau Bigl wissen, wie zufrieden die 82-Jährige mit ihrem Leben ist. Manche Antworten dauern etwas länger.

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