Kunstprojekt: Zu Besuch in Kremser Wohnzimmern

Ansichtssache13. März 2017, 09:00
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Für ein Kunstprojekt hat die Architektin Linda Stagni die Wohnzimmer der Kremser unter die Lupe genommen. Dabei wurde klar: Der Raum hat eine vierte Dimension

bernadette redl

"Für ein Architektur- und Kunstprojekt werden noch kommunikative und neugierige Menschen gesucht, die die Italienerin Linda Stagni zu sich nach Hause einladen und ihr in einem persönlichen Gespräch von ihrem Wohnzimmer erzählen möchten" – so lautete ein recht ungewöhnliches Inserat, das in den Monaten Jänner und Februar in allerhand Medien in der niederösterreichischen Stadt Krems an der Donau zu lesen war.

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heidrun schlögl

Hintergrund war der Besuch der Architektin und Autorin Linda Stagni als Artist in Residence (AiR) in Krems. Das Projekt lädt regelmäßig Künstler aller Fächer ein, um den internationalen Kulturaustausch zu fördern. Als Architektin wurde Stagni vom Architekturnetzwerk ORTE vorgeschlagen.

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heidrun schlögl

Ihren ungewöhnlichen Zugang zum Thema Architektur erklärt Stagni mit einer bekannten Doppelidentität: "Es gibt den Widerspruch, dass Architektur sich sehr weit weg von der Alltagswelt der Menschen bewegt. Das wird auch schon sehr lange und immer wieder kritisiert. In der Vergangenheit habe ich mich viel mit Geschichte und Theorie der Architektur beschäftigt. Nun wollte ich mir ansehen, wie sich das alltägliche Wohnen entwickelt, und zwar aus der Architektur heraus."

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bernadette redl

"Architekten planen Räume", so Stagni, "und überlegen sich, wie darin gewohnt werden soll." Wie das Leben dort dann aber wirklich aussieht und was die Menschen aus den vorhandenen Gegebenheiten machen, sei oft etwas ganz anderes. Daraus, wie wir wohnen, könne man vor allem auch lernen, wie öffentliche Räume so gestaltet werden können, dass die Menschen sich dort wohlfühlen, glaubt Stagni.

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bernadette redl

Das Wohnzimmer spielt dabei eine besondere Rolle. "Es ist der Mittelpunkt des Wohnens und eine Art Mischung aus Öffentlichkeit und Privatheit. Die Menschen halten sich dort die meiste Zeit auf, ziehen sich dorthin zurück, sind ganz privat. Gleichzeitig werden in diesem Raum aber auch Gäste empfangen. Durch ihr Wohnzimmer stellen sich die Menschen selbst aus – repräsentieren sich gegenüber den Besuchern."

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Und das Projekt ist gelungen. 21 Kremser Wohnzimmer hat Stagni in ihrer Zeit in Krems besucht und fotografiert sowie ihre Bewohner interviewt. Und es hätten noch viele mehr sein können, denn die Begeisterung der Kremser war groß: "Es haben sich viel mehr Menschen gemeldet, als ich mit meinen zeitlichen Ressourcen hätte besuchen können", erzählt sie. Mit dabei waren Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen – junge Familien, Senioren, Paare und Singles.

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Dementsprechend unterschiedlich waren auch die Wohnsituationen, die Stagni bei ihren Besuchen gesehen hat, ähnlich waren sich die Interviewten jedoch in einigen Dingen: "Die Begeisterung war bei allen groß. Die Menschen haben gerne mitgemacht und mir von ihren Wohnzimmern erzählt, die meisten sind stolz darauf, wie sie wohnen."

Jedes Wohnzimmer und jedes Objekt, das darin steht, hat eine Geschichte, so Stagni. "Diese Geschichten haben mir die Menschen erzählt. Durch die Gestaltung, Einrichtung und das Geschehen in einem Raum, etwa wenn etwas kaputtgeht, bekommt die Architektur erst eine Geschichte. Und diese Geschichte von quasi 'benutzter Architektur' wollte ich von den Menschen hören", so Stagni.

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Konkret haben die Kremser davon erzählt, wie sie ihr Wohnzimmer nutzen und was dort alles geschieht. Andere haben von Wohnträumen berichtet, etwa davon, welche Umbaupläne sie für die Zukunft haben oder welche Möbel sie gerne hätten. Wichtig sei allen, dass sich Gäste im Wohnzimmer wohlfühlen.

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Und was ist nun das Ergebnis der Wohnzimmerstudie? Ganz klar sei, so Stagni, dass es "das Wohnzimmer" als einheitlichen Raum nicht gibt, es ist eher ein Konzept als ein tatsächliches Zimmer. "Unter einem Wohnzimmer verstehen die Menschen viele verschiedene Dinge, der Raum kann – je nach Wohnung – verschiedene Identitäten annehmen." So habe sie etwa Interviews in Schlaf-Wohn-Zimmern, Wohn-Ess-Zimmern, Wohn-Küchen, Musik-Wohn-Zimmern oder Arbeits-Wohn-Zimmern geführt. "Habe ich die Menschen gebeten, mir ihr Wohnzimmer zu zeigen, wussten manche gar nicht, welchen Raum sie mir nun zeigen sollten. Sie haben sich sogar entschuldigt, dass sie kein 'richtiges' Wohnzimmer haben."

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Das Wohnzimmer sei demnach ein Idealbegriff, der, so vermutet Stagni, aus der Geschichte entstanden ist oder von Architekten entwickelt wurde. "Viele wohnen aber gar nicht in einem klassischen Wohnzimmer, wie es allgemein definiert wird." Generell sei der Raum für seine Bewohner mit viel Positivem behaftet, "man fühlt sich dort wohl, man genießt".

"Durch alles, was darin erlebt wurde, durch die Einrichtung und das Beleben, entsteht eine vierte Dimension des Wohnzimmers, die über seine Architektur hinausgeht – die Zeit." Erst dadurch erhalte der Raum seinen Charakter und seine Geschichte. "Es ist eine Geschichte von Leben und nicht die Geschichte eines Raumes", so Stagni.

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Ein weiteres wichtiges Ergebnis sei, dass der Mensch eine Art Ansammlung von Objekten braucht, seien es Möbel oder Dekoration. "Dieses Sich-selbst-Ausstellen, das im Wohnzimmer geschieht, passiert nicht für Besucher – wie ich das anfangs angenommen hatte -, sondern großteils machen die Menschen das für sich selbst, um sich zu Hause wohlzufühlen", resümiert Stagni.

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Präsentiert hat Stagni ihre Ergebnisse – inklusive Fotos aus den Wohnungen und Zitaten aus den Interviews – bei einer Ausstellung mit Vortrag am Ende ihrer Forschungsarbeit in Krems. Auch an diesem Abend war der Besucherandrang in Krems groß. "Linda hat etwas geschafft, was wir schon seit 20 Jahren versuchen – das Thema Architektur den Menschen in Niederösterreich näherzubringen", freute sich Heidrun Schlögl, Geschäftsführerin des Architekturnetzwerkes Orte.

Stagni selbst ist übrigens erst vor wenigen Wochen in eine neue Wohnung – mit neuem Wohnzimmer – umgezogen. Ideen für dessen Einrichtung und Gestaltung, so erzählt sie, habe sie nun genug. (Bernadette Redl, 13.3.2017)

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