Eva Menasses "Tiere für Fortgeschrittene": So hätte sie es erzählt

    11. März 2017, 09:00
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    Über Schlangen, Raupen oder Haie: Die in Berlin lebende Schriftstellerin hat im neuen Buch kuriose Tiermeldungen ihren Kurzgeschichten über menschliche Beziehungen und Verhaltensweisen vorangestellt. Ein Vorabdruck eines Teils der Erzählung "Enten"

    Enten können gleichzeitig schlafen und nach Feinden Ausschau halten. Sie schließen nur ein Auge und lassen eine Gehirnhälfte ruhen, während die andere Wache hält. Die Gehirnhälften wechseln sich dabei pro Nacht mehrmals ab, berichten Forscher im Fachmagazin "Nature". Wenn Tiere zu mehreren in einer Gruppe ruhen, dann sind naturgemäß die am Rand sitzenden Individuen stark gefährdet. Während die Enten in der Gruppenmitte nur etwa zwölf Prozent der Nacht einäugig schliefen, verbrachten die am Rand sitzenden Tiere einunddreißig Prozent der Nacht einäugig.

    Als das Auto fast fertiggepackt war, erschien das Abschiedskomitee zeitgleich auf der Bildfläche. Die großen Jungs, quasi über Nacht zu schlaksigen Türmen mit rauen Gesichtern geworden, zappelten im Gegenlicht der Wintersonne. Abschiednehmen war genauso peinlich wie die meisten Dinge. Unverkrampft waren sie nur ihrem jüngsten Bruder gegenüber, der ihnen gerade an den Bauch reichte. Mit ihm vergaßen sie die Posen und bewegten sich ausgelassen, hoben ihn in die Luft und küssten ihn ab. Ihre tiefen Stimmen waren noch ungewohnt, die Witze und Streitereien aber wie früher, als sie noch die kleinen, weichen Körper hatten.

    Auch Chloe, die Nachbarin, war gekommen. Zum dicken Mantel trug sie eine strenge Miene, die den Abschiedsschmerz eher betonte als verbarg. Jenna und sie hatten sich in den vergangenen Jahren eng angefreundet, was für beide überraschend gekommen war. Jenna teilte inzwischen auch sehr private Sorgen mit ihr. Ich wollte immer eine Tochter, hatte Chloe, die, was keiner glauben mochte, auf die Siebzig zuging, vor einer Weile wie nebenhin bemerkt, und Jenna, die sich einbildete, mit ihr so unverkrampft umgehen zu können wie sonst nur mit einem einzigen anderen Menschen, antwortete selbstbewusst: Du hast doch mich.

    Die letzten übersehenen Unterhosen

    Ben war mit den letzten Feinheiten des Packens beschäftigt. Er ging um das Auto herum, rüttelte prüfend an der Ladung und stopfte Hohlräume aus. Am Ende war es doch chaotisch geworden, als sie sich einem wachsenden Haufen von Kleinigkeiten gegenübersahen, die alle noch untergebracht werden wollten. Jenna begann, diese Kleinigkeiten in Beutel und Plastiksäcke zu stopfen: Lieblingsschuhe, die letzten, auf der Wäscheleine übersehenen Unterhosen, die Kaffeemaschine, die Ladestation für den ferngesteuerten Tyrannosaurus Rex und ein bisschen Christbaumschmuck für das weit in der Zukunft liegende, im Grunde unvorstellbare nächste Weihnachten.

    Es gab ein kurzes Gehakel zwischen Ben und Jenna, wer als Erster fahren durfte. Chloe fotografierte derweil die Kinder, die sich zum A gruppiert hatten. Die Großen lehnten in seltener Eintracht die Schultern aneinander und hielten sich den Kleinen wie einen strampelnden, lachenden Querbalken vor die Brust. Dann ging alles schnell. Die Arme der Jungs legten sich einem eckig und eilig um die Schultern. Roboterhaftes Geruckel, auch wenn es gewiss maximal innig gemeint war. Zwischen dem Vater und seinen großen Söhnen die männlichen Geräusche übertriebenen Rückenklopfens mit der flachen Hand, wie Trommeln. Man stieg einander auf die Füße, entschuldigte sich, verirrte sich einen Moment lang in einem winzigen Wald durcheinanderstolpernder, wohlbekannter Menschen.

    Vorbeihuschende Wahrnehmungen. Ein verdächtiger Fleck am Hals des Älteren – hat er also doch schon Sex? Der Mittlere drückt noch immer zu viel an seinen Pickeln herum. Sagen durfte man das nicht. Zum Schluss roch Jenna, erstaunlich intensiv, Chloes vertrautes Parfum und bekam ein paar von ihren wilden Locken in die Augen. Bei den Türken, sagte Chloe, wird einem abfahrenden Auto Wasser nachgeschüttet, auf dass es die Insassen wohlbehalten ans Ziel schwemmt. Jenna kam das Lachen mit einem falschen Ton heraus. Als brächte dieses neue Wissen Unglück, da sie kein Wasser vorbereitet hatten.

    Dann fuhren sie einfach los

    Sie setzte sich hinter das Lenkrad, denn sie hatte ihren Willen bekommen – wie immer, hatte Ben kommentiert, und es war nicht zu entscheiden, ob er das genervt oder liebevoll-ironisch meinte. Auf dieser unerforschlichen Schneide balancierte ihre Ehe seit einer Weile, von beiden Seiten aus. Und dann fuhren sie einfach los, als wäre so ein Abschied nichts, die Sonne schien, es war kaum Verkehr, und erst an der Stadtgrenze fiel ihr auf, dass sie gar nicht mehr in den Rückspiegel geschaut hatte. Weil sie Gestalten, die kleiner wurden, so schlecht ertrug?

    Wenn sie versuchte, sich die Abreise ihres Vaters damals vorzustellen, verdunkelten sich die Bilder. Als hätte man in den eigenen Gedanken eine Sehstörung. Finster und kalt, Menschenmassen, die auf gespenstisch-lautlose Weise hysterisch waren. In der Bildmitte ihre Familie, in historischen Kostümen. Die Großeltern und der halbwüchsige Onkel in der Bewegung eingefroren, nur ihr kleiner Vater, der gar nichts verstand, zappelte. Er hatte diese übergroßen Kinderaugen, die ihm nicht allein gehörten, sondern allen armen Kindern der Welt und der Geschichte. Alles in Schwarz-Weiß, ein alter Film ohne Ton. Wenn Jenna autoaggressiv aufgelegt war, stellte sie sich als Untermalung Klaviermusik vor, wie zur Stummfilmzeit üblich. Walzer, Polka, Marschmusik. Der Führer schickt die Juden auf den Zug.

    In all den Jahrzehnten, die sie mit dieser Szene verbracht hatte, hatte sie sich kaum verändert. Im Grunde war sie ein Nichts, ein Abziehbild. Sie war der Platzhalter einer Wahrheit, die sich nicht mehr bergen ließ. Und wenn sie sich hätte bergen lassen, hätte man sie ohnehin nicht ausgehalten, verweichlichter, ahnungsloser, im Wohlstand gemästeter Nachkriegsidiot, der man war.

    Namen wie Grünkohl

    Natürlich war ihr klar, dass die bedeutenden Momente im Leben meist genauso unbemerkt abliefen wie alle anderen. Erst die Rückschau verlieh bestimmten Szenen ihre Aufladung, ihr einzigartiges Licht. Trotzdem musste es Ereignisse geben, von denen man gleich wusste, dass sie schwerer wiegen würden als das meiste andere, was die Zukunft noch bereithielt. Zum Beispiel der Abschied vom eigenen Kind, wenn es ein Abschied ohne Wiedersehensgarantie war. Und doch kam sie an die Sache selbst einfach nicht heran, so wenig wie ein Fisch ans Wasser, von dem er doch umgeben und durchdrungen ist.

    Die ersten anderthalb Stunden sprachen sie kaum und hörten auch keine Musik. Draußen flog vorbei, was Jenna für die deprimierendste Landschaft Europas hielt, das platte, scheinbar menschenleere Brandenburg. Kleinmachnow, Teltow-Fläming, Beelitz-Heilstätten. Schon die Namen klangen, wie Grünkohl schmeckt. Langsam wurde es besser, mit den Namen und der Landschaft, aber es fiel ihr immer erst auf, wenn sie die Elbe überquerten. Sammy saß hinten, die feuerroten Kopfhörer auf, wippte mit den Füßen und zeigte gelegentlich das Victory-Zeichen, wenn sie ihm im Rückspiegel zulächelte. Sie bestand darauf, dass sein Kindersitz auf dem mittleren Platz der Rückbank blieb, wie früher, als noch die Großen rechts und links von ihm gesessen und ihn abwechselnd unterhalten oder sekkiert hatten. Denn dort in der Mitte war der Luftraum um ihn herum am Größten, er konnte sich weit mit eingedrückter Karosserie füllen, bevor Sammys Gliedmaßen erreicht würden, die zarten Glieder ihres einzigen Kindes. Sammy wäre lieber am Fenster gesessen, aber wenn er sich beschwerte, pries sie ihm den Platz damit an, dass er zwischen ihnen hinausschauen konnte, als wäre er vorn mit dabei.

    Keine Angst

    Der Statistik zufolge stirbt der Beifahrer als Erstes. Daran dachte sie jedes Mal, wenn Ben und sie nach den vom ADAC empfohlenen anderthalb Stunden die Plätze tauschten. Sein Fehler würde sie das Leben kosten. Das galt auch umgekehrt, aber davor hatte sie, solange sie am Steuer saß, keine Angst. Sie war zwar überzeugt, dass man die Schuldgefühle ein Leben lang nicht loswerden würde, was für einen selbst offenkundig viel quälender wäre, als tot zu sein.

    Aber solange sie fuhr, hatte sie es in der Hand. Und da hoffte sie darauf, dass ihr im Notfall irgendetwas gelingen würde, auch wenn man nur Sekundenbruchteile hatte. Anders als Piloten. Wenn dort oben etwas Unerwartetes geschah, blieb den Piloten viel Zeit, zu reagieren. Das hatte sie im Flugangst-Seminar gelernt. Es war eine der Informationen gewesen, die fast sofort gewirkt hatten. Wie auch ein zweiter Satz jenes vorbildlich gealterten Lufthansa-Instruktors in goldbetresster Uniform, den man, mit seinen sonnengebräunten Erfahrungsfurchen, nicht besser hätte casten können. Der andere Satz lautete: Da oben, auf zehntausend Metern, sind nur Profis unterwegs. Nicht wie hier unten im Straßenverkehr.

    Dir ist ja alles zuzutrauen

    Als sie nach jenem faszinierenden Wochenende nach Hause gekommen war – sie konnte Sammy nun anhand eines einfachen Blattes Papier erklären, warum ein Flugzeug fliegt -, war sie überzeugt, auf dem besten Weg zur Heilung zu sein. Flugangst war eine Art Hexenschuss der Seele, den man durch Fehl- und Schonhaltung maximal verschlimmern konnte. Kommt übrigens besonders häufig bei Frauen vor, sobald sie Kinder haben, predigte sie und hatte dabei dieses bedauernswerte Geschöpf mit Handschweiß und unkontrollierbarem Kniezittern schon ein stolzes Stück hinter sich gelassen. Dies Geschöpf spülte das Valium auch frühmorgens mit Rotwein hinunter, bevor es ins Flugzeug stieg. Es lallte selig, wenn es wieder aussteigen durfte. Es war peinlich. Sie sagte zu Ben: Man bekommt direkt Lust, den Pilotenschein zu machen. Und Ben schaute sie an, mit dieser Mischung aus genervt und liebevoll-ironisch, und antwortete: Dir ist ja alles zuzutrauen.

    Irgendetwas haben wir bestimmt vergessen, sagte Ben, kurz bevor sie wechselten. Sie korrigierte im Kopf: Hast du bestimmt vergessen. Laut sagte sie: Es gibt nichts, was man dort nicht bekommt. Solange du es so siehst ..., sagte Ben und nahm einen Schluck aus der Wasserflasche. Sie beobachtete, wie er die Flasche zuschraubte und ins Seitenfach der Autotür zurückstellte. Sie sagte: Ich hätte auch gern etwas. Er entschuldigte sich und reichte ihr das Wasser.

    Das schafft nicht jeder

    Die allgemeine Ansicht über sie als Paar lautete: Treffer. Beide temperamentvoll und meinungsstark, aber ebenso liebenswürdig, sozial und kommunikativ. Er eventuell ein wenig erdiger, sie etwas luftiger, aber beide rundum entwickelte Persönlichkeiten. Die Ansicht von Jennas Familie lautete: Ein Glück, dass sie diesen Mann gefunden hat, schwierig und hochnervös, wie sie ist. Tüchtig ist sie, das schon, aber das daueraufgeregte Gesamtpaket muss einer erst einmal aushalten. Das schafft nicht jeder.

    Sie hätten es nicht geschafft, sie hatten es beinahe nicht geschafft, als sie noch minderjährig und zu Hause war. Manchmal war alles auf der Kippe gestanden, der Haussegen, die Ehe der Eltern. Das Gebot, Kinder nicht zu schlagen, hatte damals sowieso nicht gegolten. Als sie mit achtzehn in einem hochdramatischen Akt auszog (niemand außer Jenna wusste mehr, worum es eigentlich gegangen war), hatten sie erleichtert die Handflächen gegeneinander geschlagen, als klopften sie den Kampfesstaub ab. Obwohl sie auch traurig gewesen waren, natürlich. Aber besser, man hielt ein bisschen Abstand.

    Hauptgewinnerin im Männer-Lotto

    Nachdem sie sich ausgetobt und das Wichtigste über ihre emotionalen und sexuellen Bedürfnisse herausgefunden hatte, heiratete sie Ben. So hätte sie es erzählt. Nach einer abenteuerlichen Reihe von Missgriffen, darunter ein alkoholkranker Juwelier und ein professioneller, angeblich bisexueller Motocross-Fahrer – und die waren noch nicht die schlimmsten -, fand sie zum Glück Ben: So erzählten es Jennas Vater und Bruder, wenn sie in Stimmung waren. Ab da wurde sie ruhiger. Deshalb schätzte ihre Familie Ben, der sich ihnen gegenüber zuverlässiger gab, als er war. Aber da ihre Familie nicht besonders aufmerksam war, wenn es nicht um sie selbst als Gesamtkunstwerk ging, fiel ihnen das gar nicht auf. Deshalb hielten sie an jenem kränkenden Mythos fest, der aus Ben geradezu den Dompteur eines Wildtiers machte. Und aus Jenna die Hauptgewinnerin im Männer-Lotto.

    Seit einiger Zeit hatte Jenna den Eindruck, dass Ben ihre schlechten Eigenschaften übernahm, während er die, die sie für ihre besten hielt, inzwischen derart heftig ablehnte, dass sie sie selbst infrage zu stellen begann. Die Sache mit der Wasserflasche und die neurotische Angst, etwas vergessen zu haben, waren gute Beispiele. Früher hatte er sie beruhigt oder milde verspottet, wenn sie alles mittels Listen vorausplanen und danach fünfmal kontrollieren wollte. Wenn sie ihre Sicherheitszeitpolster immer weiter vergrößerte, zog er sie damit auf, dass sie noch irgendwann einen ganzen Tag zu früh kommen werde.

    Inzwischen war er es, der mit klimperndem Schlüsselbund im Vorzimmer stand, während sie sich schminkte. Obwohl sich an ihrer Pünktlichkeit nichts geändert hatte. Inzwischen war er unzufrieden, wenn sie als Mitbringsel bloß eine Weinflasche oder ein paar Blumen vorbereitet hatte, obwohl sie sich, im Gegensatz zu ihm, genau daran erinnern konnte, was ihre aktuellen Gastgeber ihnen beim letzten Mal mitgebracht hatten: nämlich nichts.

    Es war wie mit einer Allergie

    An seiner grenzenlosen Unaufmerksamkeit, die sie, sie gab es zu, anfangs als intellektuelle Zerstreutheit fast rührend gefunden hatte, änderte sich deshalb nichts. Er ließ ihr Schwingtüren ins Gesicht fallen, er ging kilometerweit voraus, weil er nie bemerkte, dass sie vor einem Schaufenster stehen geblieben war oder auf hohen Schuhen einfach nicht nachkam. Er hatte sie schon mehrmals mit der Fernbedienung im Auto eingesperrt, sie saß dann da und zählte, kalt vor Wut, die Sekunden, bis er es bemerkte. Er schenkte den Gästen nicht nach, weil er sich selbst am besten unterhielt, und wenn er kochte, fiel ihm erst beim Servieren ein, dass er vergessen hatte, die Platte einzuschalten, auf der der Topf mit der Beilage schon von ihr vorbereitet gewesen war.

    Wenn sie versuchte, ihn unauffällig zu lenken, herrschte er sie vor allen anderen an, dass er zum Glück nicht der Idiot sei, für den sie ihn halte. Wenn sie ihn, was ihr schwerfiel, nicht erinnerte, und etwas ging schief, zeigte er höhnisch auf sie und sagte, bitte schaut euch ihr Gesicht an, jetzt glaubt sie wieder, ich werde demnächst dement. Das waren die banalen, aber morastigen Winkel, in denen eine an sich glückliche Ehe feststeckte. Man kam da, nach eineinhalb Jahrzehnten, nicht mehr heraus. Sie hatte es ihm zu erklären versucht. Es war wie mit einer Allergie. Es genügt, sich die Haselnuss vorzustellen, und man ringt schon nach Luft.

    Ihr letztes gescheitertes Beziehungsgespräch hatte sie damit begonnen: Sie verstehe, dass er sich von ihr oft kontrolliert fühle. Ob zu Recht oder zu Unrecht, sei egal, da es um seine subjektive Empfindung gehe. Sie habe sich seit einer Weile sehr um Besserung bemüht. Sie zähle, wie in Frauenzeitschriften empfohlen, innerlich bis drei, bevor sie etwas kritisiere. Manchmal zähle ich auch bis fünf, sagte sie und lachte nervös. Oft gelinge es ihr, den Satz herunterzuschlucken. Das Problem sei jedoch, dass ihm die Male, wo sie sich ihre sogenannten typischen Bemerkungen verbiss, gar nicht auffielen, dass hingegen er, wenn sie es nicht schaffte, genau so sauer sei wie je.

    Mehr Bauch und weniger Haare

    Verstehe, sagte er, und die kleinen goldenen Punkte in seiner Iris schimmerten wie damals, als sie sich in ihn verliebt hatte. Verliebt wie nie zuvor in ihrem Leben. Inzwischen hatte er viel mehr Bauch und weniger Haare. Ihn selbst störte der Haarausfall, sie dagegen der Bauch. Sie nahm nicht an, dass er das wusste. Du willst also sagen, ich nehme eine viertel Haselnuss für die ganze? Ein Haselnuss-Molekül.

    So sehr hast du dich gebessert, und ich habe es gar nicht gemerkt, fragte er, nur mit einem winzigen Schuss Ironie. Er bat sie, ihm ein paar Beispiele zu geben für Momente, wo sie sich ihre Kritik verkniffen habe. Er sagte nicht, heldenhaft verkniffen. Er fragte neutral. Und deshalb klappte sie willfährig den Daumen auf: letzte Woche den falschen Saft gekauft, jenen, nach dem Sammy früher immer gebrochen hat ... – macht nichts, ich hab ihn gleich selber getrunken. Den Zeigefinger: am Mittwoch vor Olivers Augen Parmesan in die Sauce geschüttet, jetzt wird er auch Spaghetti Carbonara nie wieder essen. Er hat sich dann gleich unter Vorwänden entschuldigt, aber das ist dir auch nicht aufgefallen, ist weggegangen, ohne etwas zu essen, ausgerechnet Oliver, der doch immer vor Hunger ... Sie klappte großzügig den Mittelfinger auf und sagte: Das gilt eigentlich schon als drei.

    Bezahlt man dich etwa dafür?

    Stopp, sagte Ben, und als sie zu ihm schaute, war sie verblüfft, wie schnell sich ein Gesicht verändern konnte. Merk dir eins, sagte er, ich werde es dir nie recht machen, weil man es dir nicht recht machen kann. Und das Problem ist nicht, dass du diesen lächerlichen Scheiß nur manchmal sagst, sondern dass du ihn jedes Mal denkst! Dass du ihn noch Wochen später replizieren kannst!

    Tage später, murmelte sie, aber es war zu spät. Das Gebrüll und die geknallten Türen waren nicht mehr zu verhindern, nicht die Tränen (ihre) und die gegenseitigen Beschimpfungen. Nicht die finalen Sätze (Warum bist du mit einer obsessiven Irren wie mir dann schon seit fünfzehn Jahren zusammen? Bezahlt man dich etwa dafür?), nicht die Sippenhaft (ihr interessiert euch doch alle nur für euch selbst, du und deine Familie, ihr seid fehlerlos und unerreichbar). Bei diesem letzten Mal, vor ziemlich genau vier Monaten, erschien am Ende Sammy, im Schlafanzug. Sie hatten ihn offenbar wachgebrüllt. Er stand in der Tür und musterte sie, nicht vorwurfsvoll, nicht erschrocken, sondern wie ein unerbittlicher kleiner Verhaltensforscher im Feld. Als sie ihn ins Bett brachte, drehte er sich zur Wand. Als sie bettelte, um ein einziges Bussi bettelte, legte er sich den Polster über das Gesicht. (Eva Menasse, Album, 11.3.2017)

    Eva Menasse, geb. 1970 in Wien, lebt seit 2003 als freie Schriftstellerin in Berlin. Bereits ihr Debütroman "Vienna" war ein großer Erfolg.

    Eva Menasse präsentiert am 15. 3. um 20 Uhr ihr neues Buch "Tiere für Fortgeschrittene" (Kiepenheuer & Witsch 2017) im Rabenhof-Theater in Wien.

    • Die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse stellt am kommenden Mittwoch ihr neues Buch "Tiere für Fortgeschrittene" im Wiener Rabenhof vor.
      foto: apa / herbert pfarrhofer

      Die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse stellt am kommenden Mittwoch ihr neues Buch "Tiere für Fortgeschrittene" im Wiener Rabenhof vor.

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