Ry Cooder: Frechheit schafft Freiheit

Porträt15. März 2017, 06:00
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Die Karriere des US-amerikanischen Musikers ist die Geschichte einer Mission. Viele vom Kommerz verdrängte Musikstile bewahrte er vor dem Vergessen. Am Mittwoch wird er 70 Jahre alt

Musikalisch betrachtet ist es schwer. Man weiß gar nicht, wo anfangen. Bei den alten Kubanern? Bei der Filmmusik? Beim Tex-Mex? Bei all dem, das er vermischt hat? Eine Möglichkeit ist das Buch, das Ry Cooder 2011 veröffentlicht hat, eine Sammlung von Kurzgeschichten.

foto: ap / chris pizzello
Eine Weltkarriere (fast) ohne Hits. Ry Cooder gab das die Freiheit, seinen musikalischen Obsessionen nachzugehen. Das Publikum folgte bereitwillig.

In Los Angeles Stories streunt er als Erzähler durch seine Heimatstadt während der 1940er- und 1950er-Jahre. Er begleitet halbseidene Gestalten durch längst niedergewalzte Stadtteile, lässt Musik aus Spelunken dröhnen, beobachtet Einwanderer, deren Kulturen sich dort vermischen und neue Blüten treiben. Sein Interesse gilt dabei immer den Neben-, nie den Hauptstraßen.

Was er im Stil knapper Pulp-Fiction erzählt – von der deutschen Übersetzung ist dringend abzuraten! -, beschreibt gleichzeitig sein Werk als Musiker. Ry Cooder ist ein Archäologe. Mit dem Unterschied, dass seine Fundstücke meist noch leben, von der Welt oft nur vergessen sind. Diesem Vergessen ist er in seiner Karriere ein paar Mal nachhaltig entgegengetreten. Nächsten Mittwoch feiert der Ausnahmemusiker seinen 70. Geburtstag.

Geniale Instinktmusiker

Ryland Peter Cooder wurde am 15. März 1947 in Santa Monica geboren. Schon als Jugendlicher verfiel er dem Blues, dem Country, den Liedern der Hobos und den Protestgesängen kämpferischer Weltverbesserer, denen in den USA schnell einmal Kommunismus nachgesagt wird. Er saß in den kleinen Folkclubs seiner Nachbarschaft und erlebte Auftritte von legendären Typen wie Bukka White aus nächster Nähe. Genialische Instinktmusiker, die vorlebten, dass intensive Musik keiner perfekten Technik oder exakt gestimmter Instrumente bedarf.

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Seine Karriere verlief entlang dieser Interessen. Um Trends und Moden hat er sich nie gekümmert. Ein paar Mal traf er mit seiner Arbeit jedoch den Nerv eines breiten Publikums. Verändert haben ihn diese Zufallstreffer nicht. Immer schon saß er lieber zu Hause, als an den geistlosen Ritualen des Showbusiness zu partizipieren. Lieber pflegt er alte Automobile, Freundschaften, spielt und produziert Musik. Interviews gibt er zurzeit keine, der üblichen Eigenpromotion des Musikgeschäfts entsagt er mittlerweile, nicht einmal eine Homepage betreibt er.

Legere Vorlage

Bereits mit drei Jahren soll klein Ryland eine Gitarre bekommen haben, später lauschte er stundenlang der Musik lokaler Radiostationen. Doch Informationen über diese verführerischen Klänge waren rar. Die Nachmittage verbrachte er deshalb oft in Musikgeschäften, in der Hoffnung, jemand könnte ihm zeigen, wie man dieses oder jenes Lied aus dem Radio spielt. Der Briefträger der Cooders unterhielt nebenbei einen Plattenvertrieb. Von ihm kaufte Ry als Teenager eine Platte von Joseph Spence. Spence (1910-1984) war ein Musiker von den Bahamas, sein legeres Spiel wurde eine von Cooders wesentlichen musikalischen Vorlagen.

Ab den mittleren 1960ern verdingte er sich als Sessionsmusiker. Bis heute muss er nicht selbst im Rampenlicht stehen, um sich zu verwirklichen. Er arbeitete für Captain Beefheart, die Rolling Stones oder Taj Mahal, bevor er 1970 sein titelloses Debüt veröffentlichte. Dieses wies tief in die Vergangenheit der US-amerikanischen Musik und gleichzeitig in seine persönliche Zukunft.

Denn inmitten all der Country- und Bluessongs befand sich Blind Willie Johnsons Dark Was the Night, Cold Was the Ground, mit dem Cooder das Album ausklingen ließ. Es ist jenes Stück, das er sich später für den Soundtrack lieh, mit dem er in den 1980ern weltberühmt werden sollte, mit dem Score zu Wim Wenders Roadmovie Paris, Texas.

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Kommerziell waren seine frühen Alben Flops. Dennoch hielt er sich auf Warner Music, spielte Sessions für Randy Newman oder Nancy Sinatra. Auf Into The Purple Valley (1972) erblühte sein Talent beträchtlich, mit Paradise and Lunch (1974) gelang ihm ein erstes Meisterwerk. Dann entdeckte er Tex-Mex. Das ist ein Überbegriff für Musik aus dem texanisch-mexikanischen Grenzland, unter dem Stile wie die Polka, Ranchero, Corrido, Conjunto und andere mehr firmieren. Auf einem Latino-Radiosender hörte er so ein Stück, und das packte ihn: Wer und was war das?

Mit Chris Strachwitz vom Label Arhoolie und dem Filmemacher Les Blank flog er nach San Antonio und traf den Akkordeonspieler Flaco Jiménez, eine Freundschaft entstand.

Mexikaner in Polyester

Randy Newman sagte damals, es sei künstlerischer Selbstmord, bei Warner mit Mexikanern in Polyesteranzügen vorstellig zu werden, doch das war Cooder egal. Jiménez' Akkordeon und das zärtliche Spiel des hawaiianischen Gitarristen Gabby Pahinui schufen auf Chicken Skin Music (1976) ein Setting, in dem Cooder Blues- und Soultitel interpretierte, die Bobby King und Terry Evans stimmlich veredelten. Frechheit schafft Freiheit.

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Woher kam diese Freiheit? "Keine Hits. Wer einen Hit hat, muss ihn wiederholen, wird vermarktet. Hat man keine, kann man herumprobieren. Zumindest war das damals so, als Künstler vertraglich oft viele Jahre an ein Label gebunden waren", sagte er einmal in einem Interview. Seine Alben aus jener Zeit sind im besten Sinne emotional triefende Hybride, die neue Perspektiven eröffnet haben. Das lässige Spiel, die verzögerten Tempi sind es, die sie zeitlos strahlen lässt. "Ich kann keine Noten lesen. Ich vertraue meinem Ohr und meinem Gefühl. Technik ist notwendig, um gewisse Dinge spielen zu können, darüber hinaus muss man aber Musik spielen, mit der man sich identifizieren kann. Das ist der Schlüssel."

1980 bat ihn der Regisseur Walter Hill, den Soundtrack für den Western The Long Riders einzuspielen. Für den detailverliebten Filmemacher war die Musik sehr wichtig. Der Mann mit dem Glasauge erwies sich als Naturtalent, dessen Gitarrenspiel dem Film extra Atmosphäre verlieh. Damals passierte ihm sogar ein kleiner Hit. Ausgerechnet auf seinem schlechtesten Album – Bop Till You Drop – war es die gelackte Version des Rock-'n'-Roll-Songs Little Sister, die chartete.

Nach dem Erfolg von Paris, Texas füllten Soundtrackarbeiten seine Auftragsbücher bis in die 1990er hinein. Daneben veröffentlichte er mit Get Rhythm eine charmante Arbeit, als Teil der Supergroup Little Village ein (geschniegeltes) namenloses Album.

dirk jung

Dass es in der Dritten Welt kochte, hatte Cooder früh erkannt, Reggae habe das bewiesen. In den 1990ern zog es ihn dann zusehends in Projekte, denen oft das Etikett Weltmusik verliehen wird. 1994 erschien das mit Ali Farka Touré aufgenommene Album Talking Timbuktu, das Musik aus Mali einer größeren Öffentlichkeit näherbrachte. Drei Jahre später landete er mit dem von Nick Gold initiierten Projekt Buena Vista Social Club einen Welthit, trat einen Kuba-Hype los.

Mit aus der Pension geholten kubanischen Altspatzen wie Compay Segundo, Rubén González oder Ibrahim Ferrer verwirklichte Cooder ein Album voller kubanischer Sons. Der Erfolg des Resultats bescherte vielen der Beteiligten späte zweite Karrieren. Der kubanische Tourismus verzeichnete erhöhte Buchungszahlen, Fidel Castro gab sich kunstsinnig und erlaubte es den beteiligten Musikern auf internationale Tourneen zu gehen.

world circuit records

Wie so oft rief Cooder eine Musik in Erinnerung, brachte sie zum Glänzen, ohne sie zu sehr zu polieren. Sein Werk ist geprägt vom Blick auf Stile, die die kommerzielle Popmusik verdrängt hat.

Arme-Leute-Musik

Die Musik, die er als Jugendlicher entdeckte und lieben lernte – Country, Folk, Blues -, funktionierte zu ihrer Zeit noch als Nachrichtenmedium. Es waren die Lieder armer Leute, die der Welt ihr Leid klagten. Das hat ihn geprägt. Cooder ist ein linker Demokrat. Schon auf seinem Debüt befindet sich der Song How Can A Poor Man Stand Such Times And Live?. Auf jüngeren Alben wie Pull Up Some Dust And Sit Down oder Election Day Special wettert er gegen Banker und Republikaner und identifiziert sich mit den Ideen der Occupy-Bewegung.

Amerika, sagte er schon in den 1970ern, sei okay, wenn man weiß sei und Geld habe. Ansonsten sei es schon lange nicht mehr das "promised land", als das es oft besungen worden ist, da es mit der Zeit all seine Versprechen breche. Das zeitigt in seinem Werk eine subkutane Nostalgie, ohne die Laune zu verderben. Im Gegenteil. Sein letzter großer Wurf verbreitete fast schon unbotmäßige Lebensfreude: das 2013 erschienene Album Ry Cooder And Corridos Famosos. Ein Livedokument, das es einem schon aus reinem Egoismus leichtmacht, diesem Großen noch viele produktive Jahre zu wünschen. (Karl Fluch, 15.3.2017)

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