"The Internet": Eine Hölle der Glückseligkeit

9. März 2017, 16:52
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Das Stück von Mårten Spångberg bei Imagetanz im Brut-Theater

Wien – Diese drei Grazien sind Heldinnen der Arbeit 4.0. In dem Stück The Internet des schwedischen Choreografen Mårten Spångberg, das gerade bei Imagetanz als österreichische Erstaufführung zu sehen war, zeigen die Tänzerinnen Sandra Lolax, Rebecka Stillman und Hanna Strandberg, was das bedeutet.

Spångberg (49) nimmt in der europäischen Choreografie den Rang eines frei flottierenden Experimentellen ein. Die jüngeren Arbeiten des renommierten Künstlers, The Planet, La Substance, but in English und Natten, wurden im Vorjahr bei Impulstanz präsentiert. Allesamt, wie The Internet auch, spiegeln sie die Grundstimmungen unserer Gegenwart in cooler bis eiskalter Leichtigkeit.

brut wien

Ein deutsches Wirtschaftsmagazin lässt aktuell wissen: "Die Folgen der Automatisierung werden brutal." Was so nett als Dienstleistungsgesellschaft begonnen hat, wird zur Massenvernichtung von Arbeit. Die drei Tänzerinnen bei The Internet haben es schon hinter sich. Vor einem Hintergrund aus fröhlich bunten Streifen tanzen sie als Nereiden (Meeresnymphen) unserer, wie Zygmunt Bauman schrieb, "Liquid Modernity".

Weder Leiden noch Drama

Lolax, Stillman und Strandberg tragen erst schwarze Hostessenuniformen und Signalfarben – Service, Trauer und Warnung – und wechseln in den folgenden dreieinhalb Stunden immer wieder ihre Kleidung. Entspannt plaudern sie, machen Musik, tanzen miteinander, pausieren wieder. Das ist weder Leiden noch Drama, sondern die Apotheose anmutigster Sinnfreiheit.

Ihre Kleider sind nichts weiter als Reminiszenzen auf etwas, das sehr bald nur noch gewesen sein wird: Job oder Beruf, Arbeits- und Freizeit, Lebensziele oder -aufgaben. Und schon sind die Grazien von The Internet abgetrieben in ein Elysium, um dort eine selige Gemeinschaft ohne Hader und Leid zu bilden.

Poppig maskierte Dystopie

Die Ironie dieser Szenerie ist ätzend, und sie kann sich nur in den Köpfen der Zuschauer bilden. Die Tänzerinnen und ihr Choreograf geben nichts mehr vor, denn es ist ja ohnehin schon alles tausendfach gesagt, gesungen und geschrieben. Wenn die Utopie unmöglich wird, weil sie sich erfolgreich als poppig maskierte Dystopie bestens verkauft, dann bleibt nur die Eutopie: das perfekte Grauen eines akzeptierten Zwangsbeglücktseins. Das ist heute vielleicht eine der schärfsten Formen der Kritik.

The Internet zeigt ein radikales Sichentziehen. Das Ende des obligaten warnend-kritischen Kunstwerks, das ohnehin nur im Sinn eines kulturellen Ablasshandels kursiert. Die Botschaft ist deutlich, und sie richtet sich an unsere vorgeblich ethisch korrekte Kulturgesellschaft: Ihr habt bisher leider versagt. Das kann man so stehenlassen. (Helmut Ploebst, 9.3.2017)

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