Donaufestival: Sich mit dem Virus der Empathie infizieren

9. März 2017, 16:30
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"Du steckst mich an" lautet das Motto des Kremser Donaufestivals 2017. Der neue künstlerische Leiter, Thomas Edlinger, hat sich dafür neue Formate ausgedacht und bindet weitere Spielorte ein, um mehrheitlich Performance und Musik zu präsentieren

Krems – Was bei der Grippe oder Sexualkontakten nicht erwünscht ist, erhebt das Donaufestival heuer zum Leitmotiv. "Du steckst mich an" lautet es und meint damit den Begriff der Empathie.

"Wir wollen ein zeitdiagnostisches Thema pro Jahr tiefer behandeln. Etwas, das sich nicht in einer reinen Behauptung erschöpft, sondern versucht, etwas zu beleuchten, von dem ich glaube, dass es uns beschäftigt", sagt Thomas Edlinger. Edlinger, 50, ist der neue künstlerische Leiter des heurigen Donaufestivals in Krems, das vom 28. April bis 6. Mai dauert.

Traditionell hat das Festival zwei Standbeine: Musik und Performance. Das wurde in der Vergangenheit schon ausgeweitet, heuer gibt es zudem neue Spielorte und Formate. Die Dominikanerkirche wird mit großen Performances bespielt, das Parkdeck für eine Musikperformance genutzt und die Wirtshausbühne des Salzstadls den traditionellen Spielorten wie dem Klangraum Minoritenkirche und dem großen Saal mit der Festivalzentrale hinzugefügt.

Neue Schiene Stockholm-Syndrom

Wo bisher der Büfettbereich mit Schnitzelsemmel und Bier Basisverpflegung geboten hat, wird die Festivalzentrale neu gestaltet. "Da gibt es eine Bar, DJs und kleinere Musikveranstaltungen. Detto wird der Gang dorthin visuell beruhigt und mit Kunstwerken bespielt."

Zu den neuen Formaten gehört die Schiene Stockholm-Syndrom. "Da muss man zu einem bestimmten Zeitpunkt wo sein und wird eine Stunde später wieder ausgespuckt. Man weiß nicht, was passiert. Googlen zwecklos."

Neu sind auch Theorie- und Talkformate, die teils im Kino veranstaltet werden und sich dem Motto des Festivals nähern oder Musik und signifikante Videos diskutieren. Dazu bietet das Donaufestival erstmals einen sogenannten Reader mit zehn Aufsätzen, die das Leitthema der Empathie drehen und wenden. "Dieser Reader ist kein Katalog. Er bildet nicht das Programm ab, ist aber etwas, das am Ende übrig bleiben kann, ohne das Festival zu illustrieren. Dazu gibt es einen USB-Stick mit so viel Festivalmusik, wie wir kriegen konnten."

Kein Zwang

Das heurige Leitmotiv wird das Programm zwar immer wieder berühren, Zwang herrsche dabei aber keiner. "Man soll sich das Thema als lockeren roten Faden vorstellen, dem nicht jede Arbeit untergeordnet ist. Das würde das Thema überstrapazieren oder manche Arbeiten in der Luft hängen lassen. Aber es gibt speziell im Performancebereich einige Arbeiten, die deutlich mit der Idee der Einfühlung ins Nichtidentische spielen."

In der Musik will Edlinger Acts präsentieren, die für eine gewisse Kanonisierung stehen, dazu Neues und Etabliertes miteinander in Reibung bringen. "Ich bin davon abgegangen, einen Club an einem Ort zu simulieren, dem es an der Urbanität fehlt, die einen Club ausmacht. Deshalb dauern die Darbietungen nun nicht mehr bis fünf Uhr früh, sondern enden zwei, drei Stunden früher." (Karl Fluch, 9.3.2017)

Programmauszug

In rund 70 Veranstaltungen und Programmpunkten nähert sich das Kremser Donaufestival dem Leitmotiv "Du steckst mich an". Im Performancebereich wird dazu etwa Doris Uhlich mit 30 Mitstreiterinnen und Mitstreitern die säkularisierte Dominikanerkirche bespielen und in der Performance "Habitat" das Thema Einheit und Vielfalt ohne Rücksicht auf Speckschwarten oder Altersfalten ausleuchten.

Musik stellt traditionell den größten Programmpunkt. Alte Bilderstürmer wie die Einstürzenden Neubauten treffen auf neue wie die US-Band The Body. Der Autorentechno-Star Wolfgang Voigt wird unter seinem Synonym GAS live spielen. Die britische Popband Scritti Politti und der Rap-Außenseiter Gonjasufi treten auf, zweitgenannter mit neuem Album, dazu die Metallurgen von Ulver. Elektronische Lärmbitzel wie Pharmakon treffen auf Justus Köhncke, der sich schon mal an DJ Ötzi versucht/vergangen hat. Dazu die grandiose Postpunk-Band Girl Band sowie alte Helden des Fachs: This Heat, die aktuell als This Is Not This Heat auftreten. Düstere Elektronik kommt von Emptyset, Studenten-Metal im Gleichschritt von Deafheaven, The Bug wird das Thema Bass im Keller diskutieren, während The Grubby Mitts an die Lieblichkeit der Flotation Toy Warning erinnert. Zeitlose Schönheit verbreitet die einstige Hochzeits- und Begräbnismusikerin Josephine Foster mit ihrem Folk, Klassiker wie Silver Apples führen zurück an die Anfänge der Elektronik. Und vieles, vieles mehr.

Volles Programm und alle Termine: www.donaufestival.at

  • Mit im Programm des Donaufestivals 2017: Die Einstürzenden Neubauten spielen am 1. Mai in Krems.
    foto: mote sinabel

    Mit im Programm des Donaufestivals 2017: Die Einstürzenden Neubauten spielen am 1. Mai in Krems.

  • Thomas Edlinger beleuchtet das Thema Empathie.
    foto: apa/techt

    Thomas Edlinger beleuchtet das Thema Empathie.

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